Fritz Ermarth gilt als einer der brillantesten jungen Staatsrechtler der Weimarer Republik. Wegen seines Eintretens für die Demokratie zwingen ihn die Nationalsozialisten zur Flucht ins US-amerikanische Exil. Dort wird er zunächst für sein publizistisch-politisches Engagement von der Fachwelt gefeiert, dann jedoch als verdächtiger „enemy alien“ interniert. Seine Studien über den Faschismus gehören zu den wichtigsten zeitgenössischen Untersuchungen zum NS-Staat. Seine Überlegungen zur Zukunft Deutschlands in Europa sind damals wegweisend. Und dennoch ist Fritz Ermarth heute weitgehend in Vergessenheit geraten. Aber er hinterlässt bleibende Spuren und seine Analysen bieten wertvolle Einsichten für die Herausforderungen unserer Zeit.  

Von Sabine Giehle 

Fritz Ermarth Illustration

Dass Karlsruhe, seine Heimatsstadt, in der jungen Bundesrepublik zur „Residenz des Rechts“ und Sitz des Bundesverfassungsgerichts wurde, hätte Fritz Ermarth sicherlich gut gefallen. Hier wird er 1909 als uneheliches Kind der Hof- und Staatsschauspielerin Melanie Ermarth geboren. Hier geht er zur Schule und hört als 17-jähriger Abiturient an der Technischen Hochschule seine ersten Vorlesungen. Ermarth studiert Rechtswissenschaften in München, Berlin und Heidelberg. In Berlin besucht er die Kurse des Juristen und Staatsrechtslehrers Hermann Heller, der sich vorbehaltlos für die demokratischen Prinzipien der Weimarer Republik einsetzt. Diese Begegnung prägt sein politisches Denken und sein wissenschaftliches Arbeiten zeitlebens.  

Aktiv gegen den Faschismus 

Fritz Ermarth

1930 tritt Ermarth der SPD bei und engagiert sich in der Studentenschaft der Universität Heidelberg. Nicht nur politisch, sondern auch wissenschaftlich setzt er sich mit dem Faschismus auseinander. Er promoviert 1931 mit der Dissertationsschrift „Theorie und Praxis des faschistisch-korporativen Staates“ an der Juristischen Fakultät der Universität Heidelberg. In seiner Schrift untersucht er Vorbedingungen und geistesgeschichtliche Entwicklungslinien, die zum Entstehen des faschistischen Staates in Italien geführt haben.  

Mit dem DAAD in die USA 

Noch während seines Referendariats in Karlsruhe bewirbt sich Fritz Ermarth beim Deutschen Akademischen Austauschdienst (DAAD) um eine „Freistelle“ an einer nordamerikanischen Universität. Die Zusage für ein Holtzer Fellowship der renommierten Harvard University ermöglicht ihm, an Seminaren teilzunehmen und zu forschen. Hier verfasst er seine zweite Promotionsschrift „The Pan American Union and Its Legal Character in Municipal and International Law“, mit der er 1933 an der Harvard Law School zum Doctor of Juridical Science (S.J.D.) promoviert. In Harvard lernt Ermarth Carl Joachim Friedrich kennen, mit dem ihn fortan eine lebenslange freundschaftliche Beziehung verbindet. Friedrich hatte ein Jahrzehnt zuvor, unterstützt durch das New Yorker Institute of International Education (IIE), den deutsch-amerikanischen Studierendenaustausch am Staats- und Sozialwissenschaftlichen Institut der Universität Heidelberg begründet. Aus dieser Initiative ging der Akademischen Austauschdienst (AAD) hervor, der sich wenig später zum Deutschen Akademischen Austauschdienst (DAAD) entwickelte.  

Rückkehr und Emigration 

Friedrich ist es auch, der Ermarth die Emigration in die USA ermöglicht. Der junge Jurist kehrt zuvor – trotz aller Warnungen – nach seinem erfolgreichen Forschungsaufenthalt in Harvard nach Karlsruhe zurück, um sein Referendariat fortzusetzen. Im September 1933 wird er aus dem Staatsdienst entlassen, da er, so der badische Minister des Innern in dem entsprechenden Erlass, „nach seiner politischen Betätigung nicht die Gewähr dafür bietet, dass er jederzeit rückhaltlos für den nationalen Staat eintreten werde“.  

Auf Friedrichs Empfehlung wird Ermarth Research Assistant am Department of Government der Harvard University. In der Zeit seines Exils folgen befristete Anstellungen an wissenschaftlichen Institutionen quer durchs Land. Ermarth engagiert sich weiter für die Demokratie in Deutschland, gründet mit anderen exilierten Deutschen das „German Council for Liberty and Federation“, publiziert, forscht weiter zum Faschismus und setzt sich für ein geeintes Europa ein. 

Verfassungsfeindliche Parteien – Gründe für die Zerstörung der deutschen Demokratie 

1936 untersucht Fritz Ermarth in seinem amerikanischen Exil den Aufstieg der Nationalsozialisten in seiner deutschen Heimat. In seinem Aufsatz „The New Germany: National Socialist Government in Theory and Practice” setzt er sich mit den Faktoren auseinander, die zur „Disintegration of German Democracy“ geführt haben. Seine Analyse liest sich heute wie eine Warnung, die auch für unsere Gegenwart Gültigkeit hat. 

Drei Merkmale, so schreibt der promovierte Jurist, kennzeichnen die Zersetzung der demokratischen Struktur der Weimarer Republik: Erstens fungierten die politischen Parteien vorrangig als Vertreter wirtschaftlicher Interessen. Als zweites Anzeichen diagnostiziert er die Unfähigkeit der Parteien, eine Koalition zu bilden, die eine starke Regierung hätte stellen können. Das dritte und bedeutendste Problem jedoch sieht Ermarth im Erstarken verfassungsfeindlicher Parteien.       

Internierung und Rückkehr  

Wirklich Fuß fassen kann Ermarth in den Vereinigten Staaten nicht. Er schätzt die amerikanische Demokratie und ist dankbar für die Aufnahme. Doch er will so schnell wie möglich in die Heimat zurück. Daher beendet er im Sommer 1941 seinen Einbürgerungsprozess.  

Schon zuvor weckt sein öffentlichkeitswirksames politisches Wirken die Aufmerksamkeit der US-Behörden. In einem zunehmend misstrauischen Klima gegenüber Personen aus Ländern der Kriegsgegner wird auch Ermarths wissenschaftliche und politische Auseinandersetzung mit der zukünftigen Rolle Deutschlands in einer friedlichen Welt kritisch beäugt. Dies führt dazu, dass er als Verdachtsfall möglicher subversiver Aktivitäten unter Beobachtung gestellt wird. Sein Antrag auf Repatriierung im April 1945 verstärkt den Argwohn seiner Gastgeber. Seine Weigerung, sich nach einer Rückkehr nach Deutschland von jeglichem publizistisch-politischen Engagement zurückzuziehen, führt schließlich dazu, dass er als „enemy alien“ ins Fort Lincoln Alien Internment Camp in North Dakota interniert wird. 

Nach wenigen Monaten im Internierungslager kann Ermarth schließlich nach Deutschland ausreisen. Doch es gelingt es ihm nicht, beruflich und privat wieder Fuß zu fassen. Nach einer kurzen Episode beim US-Militärsender Radio Stuttgart – zunächst als Politischer Kommentator, dann als Intendant – findet er keine Möglichkeit mehr, in den Wissenschaftsbetrieb zurückzukehren.  

Eine Vielzahl privater Rückschläge, so beschreibt es Michael Kubitscheck in einer akribischen Untersuchung über das „Wunderkind der Weimarer Staatsrechtslehre“, habe einen Menschen getroffen, der „schon längere Zeit an starken Depressionen litt“.  

Am 28. Juli 1948 beendet Fritz Ermarth im Alter von nur 38 Jahren sein Leben. 

Die Vergangenheit als Mahnung, die Zukunft als Chance 

Fritz Ermarth hat zeitlebens an die Demokratie geglaubt und sich unerschütterlich für sie eingesetzt, trotz der enormen persönlichen Konsequenzen, die er deswegen zu tragen hatte. Seine wissenschaftliche Auseinandersetzung mit dem Entstehen faschistischer Regimes mahnt, wachsam zu bleiben, aus der Geschichte zu lernen und aktiv für eine demokratische und gerechte Gesellschaft einzutreten.