„Mit guter Regierungsführung ist den SDGs am besten gedient“

Rose Adhiambo ist Anwältin in Kenia. Die Juristin erhielt zwei DAAD-Stipendien, zuletzt für eine Promotion über Good Governance in Afrika.

DAAD-Alumna Rose Adhiambo

Frau Adhiambo, wie wichtig sind die Nachhaltigkeitsziele (SDGs) für die Menschen in Kenia?

Sehr wichtig. Zugang zu Gesundheit oder ausreichend Nahrung sind Themen, die die Kenianerinnen und Kenianer direkt betreffen, vor allem, wenn sie einen Mangel daran spüren. Doch die SDGs als Konzept oder Vision sind den normalen Bürgerinnen und Bürgern in Kenia eher nicht bekannt. Dafür ist die Sprache der Agenda 2030 zu formal und elitär.

Was bedeutet die Agenda für Sie persönlich?

Ich beschäftige mich hauptsächlich mit SDG 1, der Armutsbekämpfung, in Kombination mit SDG 16, guter Regierungsführung. Das sind die beiden Ziele, die Afrika voranbringen. Wenn wir auf die Beendigung von Korruption und Wirtschaftsverbrechen hinarbeiten, können wir auch die Armut verringern. Mit guter Regierungsführung ist den SDGs am besten gedient.

Sind weitere Ziele für Sie besonders relevant?

Definitiv ja. Ich bin eine Frau in Afrika. SDG 5, das darauf ausgerichtet ist, die Beteiligung von Frauen an der Regierungsführung und in Schulen und grundsätzlich die Gleichberechtigung zu fördern, ist für mich sehr wichtig. Auch der Zugang zu hochwertiger Bildung betrifft mich direkt. Ohne die Hilfe des DAAD hätte ich diesen Zugang nicht gehabt.

Ihr Studienfach Jura ist in Kenia immer noch eine Männerdomäne?

Es wird stark von Männern geprägt. Der Oberste Richter ist ein Mann, der Generalstaatsanwalt ebenfalls. Frauen haben im Rechts- und Justizsystem in Kenia bisher eine zweitrangige Rolle gespielt, wir sind noch nicht ausreichend vertreten.

Sie müssten also für Kenia werden, was die Richterin am Obersten Gerichtshof Ruth Bader Ginsberg für die USA war...

Das ist die Vision. Aber mein Idol ist eigentlich Ursula von der Leyen als Präsidentin der EU-Kommission. Mir gefällt die Politik, für die sie steht – sie beschränkt sich nicht auf EU-Angelegenheiten, sondern blickt darüber hinaus. Mich beeindrucken auch ihre Ideale und ihr Einsatz. Sie inspiriert mich.

Was ist Ihr konkretes persönliches Ziel?

Mich interessiert die Arbeit an einem internationalen Gerichtshof, der sich mit Wirtschaftsfragen befasst, weil ich glaube, dass ein Verstoß gegen ein Wirtschaftsgesetz eine Verletzung der Menschenrechte darstellt. Aber ich begeistere mich auch für Regierungsführung und institutionellen Wandel. Es spielt also keine Rolle, wohin mich mein Weg führt, solange es bei der Aufgabe um die Beseitigung von Armut, gute Regierungsführung und den Schutz der Menschenrechte geht.

Wie sind Sie dorthin gekommen, wo Sie heute sind?

Mein Schulabschluss ermöglichte es mir, Jura zu studieren. Schon bald kam ich dabei mit der kenianischen Menschenrechtskommission in Kontakt. Nach dem Abschluss absolvierte ich noch ein Master-Studium in Kapstadt. In dem Studium ging es vor allem um Wirtschaftskriminalität. Es hat mir sehr gut gefallen, ich habe viel über internationales Strafrecht, Anti-Korruption und den Kampf gegen Geldwäsche gelernt. Danach ging ich zurück nach Kenia und machte mit Unterstützung des DAAD einen zweiten Master-Abschluss in regionaler Integration. Dabei haben wir vor allem wirtschaftliche Fragen aus institutioneller Sicht betrachtet.

Und bald gehen Sie nach Tübingen, um an Ihrer Promotion zu arbeiten.

Im Herbst 2020 ziehe ich nach Deutschland und werde bis 2023 bleiben, wiederum mit einem Stipendium des DAAD. Ich werde in Tübingen forschen und an mehreren Standorten in Afrika Feldforschung betreiben. Meine Themen sind normativer Supranationalismus und gute Regierungsführung in Afrika – ich werde mich also mit Gesetzen auf überstaatlicher Ebene beschäftigen. Die EU hat eine regionale Politik für Menschenrechte, für Demokratie, sie hat regionale Gesetze für fast alles. Und sie scheinen zu funktionieren.

Werden Sie schließlich Empfehlungen formulieren, wie regionale Gesetze in Afrika effektiver umgesetzt werden können?

Das ist die Idee. Wenn es kein Wissen über die informellen Systeme gibt, die unsere Regierungsstrukturen beeinflussen, können diese nicht effektiv sein. Wenn wir solche Faktoren nicht anerkennen, werden wir bei der Umsetzung der SDGs immer 3.000 Schritte zurückbleiben.

Schlechte Regierungsführung ist ein Faktor, der die Umsetzung der SDGs verlangsamt. Was ist mit Covid-19?

Die Wahrheit ist, dass wir wegen Corona bei vielen SDGs eine Pause einlegen mussten. Es gab eine Zunahme von Menschenrechtsverletzungen, Polizeibrutalität, Diebstählen und Korruption. Wir haben die Ziele beiseitegeschoben. Tatsächlich ist Covid-19 für die SDGs zu einem Virus geworden. Das ist sehr bedauerlich.

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