„Forschung ist für mich innere Flamme, Neugier und Verantwortung“
„Forschung zu komplexen Krankheiten gelingt nur, wenn Wissen geteilt wird“, sagt die türkische Molekularbiologin Professorin Ayşe Nazlı Başak. Seit Anfang der 1990er Jahre treibt sie die Grundlagenforschung zu neurodegenerativen Erkrankungen voran und wurde schnell eine Pionierin in diesem Gebiet. Ihre Arbeit hat entscheidenden Anteil daran, dass Krankheiten wie Alzheimer, Parkinson, ALS und Ataxie heute besser verstanden werden. Die Karriere begann mit einem DAAD-Stipendium in Deutschland.
Menschliche Nervenzellen, die den Bewegungsapparat steuern, sind anfällig für eine Krankheit, die sich Amyotrophe Lateralsklerose (ALS) nennt. Sie ist selten – aber verheerend. „Viele Betroffene bleiben geistig völlig klar, während ihr Körper nach und nach versagt“, erklärt Nazlı Başak. Beharrlich forscht die Molekularbiologin deshalb seit Jahrzehnten daran, die genetischen Grundlagen von neurodegenerativen Krankheiten wie beispielsweise ALS besser zu verstehen. Denn dann erst besteht Aussicht auf bessere Therapien. „Forschung ist für mich eine innere Flamme, Neugier und Verantwortung zugleich“, sagt Nazlı Başak.
Als junge Frau mit Abitur der Deutschen Schule in Istanbul dachte Nazlı Başak 1968 zunächst daran, Ärztin zu werden. „Aber ich befürchtete, für die Medizin ein zu weiches Herz zu haben“, erzählt sie. Weil die exzellente Schülerin mit einem DAAD-Stipendium für fünf Jahre Studium in Deutschland ausgezeichnet worden war, entschied sie sich für ein Chemiestudium in Göttingen. Ihr Leben als Forscherin widmete sie schließlich der Molekularbiologie und Genetik. „Heute weiß ich, dass die Molekularbiologie, die die Chemie der Zelle ist, im Herzen der Medizin steht.“
Die erste große Weiche im Lauf ihrer Karriere stellte das damalige Max-Planck-Institut (MPI) für experimentelle Medizin in Göttingen, heute Teil des Max-Planck-Instituts für Multidisziplinäre Naturwissenschaften. Nazlı Başak erinnert sich begeistert an die helle Architektur und die moderne Forschungseinrichtung: „Mein Erkenntnishunger war riesig, ich suchte ein relevantes Thema für meine Diplomarbeit und wollte dann auch dort promovieren – also bewarb ich mich direkt beim MPI-Direktor, dessen Forschung zur dreidimensionalen Struktur einer Nukleinsäure damals Nobelpreis-würdig war.“ Ihre Hartnäckigkeit zahlte sich aus: Nazlı Başak wurde 1972 die einzige Forscherin im Team um den Institutsdirektor Professor Friedrich Cramer – eine Chance mit Folgen, sagt sie: „Die Forschungsarbeit mit modernen Methoden und Technologien prägte meine Karriere, die Erfahrungen im Team wiederum formten mein Verständnis von Wissenschaft als offenes, internationales Netzwerk.“
Neustart in der Türkei
Nazlı Başak reiste später für Forschungsaufenthalte auch in die USA und blieb als Postdoc am MPI. 1986 kehrte sie nach Istanbul zurück, habilitierte und wurde Professorin an der Bosporus-Universität (Boğaziçi Üniversitesi) – mit der Aufgabe, die Ausbildung im Fach Molekularbiologie zu entwickeln. Als sie das zugehörige Forschungslabor übernahm, stand Nazlı Başak zunächst vor der Herausforderung, es von Grund auf aufzubauen. Gemeinsam mit ihrer Laborassistentin und einem jungen, engagierten Team habe sie die Ärmel hochgekrempelt und losgelegt.
„Meine fundierte Ausbildung und die wertvolle Forschungskultur, die ich aus Göttingen mit-brachte, haben mir dabei ebenso geholfen wie die internationale Unterstützung und Beratung durch ehemalige Kolleginnen und Kollegen aus Deutschland“, erinnert sich Nazlı Başak. „Diese Phase hat mir eindrücklich gezeigt, wie entscheidend wissenschaftliche Gemeinschaft und gegenseitiges Vertrauen für den Erfolg sind.“
In den 1990er Jahren hatte sie mit ihrem Team an der Bosporus-Universität moderne Forschungsbedingungen geschaffen, und Nazlı Başak vermittelte ihren Studierenden unter anderem DNA-Techniken zur Früherkennung und Prävention erblicher Blutkrankheiten. „In der Forschung haben wir mit Erkrankungen angefangen, die in der Türkei oft vorkommen, wie etwa die mediterrane Anämie, auch Thalassämie genannt, die eine Ursache in Verwandtschaftsehen hat, wie sie im Mittelmeerraum üblich waren“, sagt sie.
Im Jahr 2005 stieg die angesehene türkische „Suna und İnan Kıraç“-Stiftung in die Förderung für den Aufbau eines Toplabors für Neurowissenschaften an der Bosporus-Universität ein, und Nazlı Başak wurde dessen Direktorin. 2018 wechselte sie mit dem Labor an die Medizinische Fakultät der Koç Universität, wo der neue fachliche Rahmen und die zur Verfügung stehenden Hochtechnologien weitere Perspektiven eröffneten. Das Neurodegeneration Research Laboratory (NDAL) im Forschungszentrum für Translationale Medizin (KUTTAM) ist heute das Referenzzentrum für Molekulardiagnostik und Erforschung neurodegenerativer Erkrankungen in der Türkei. „Unsere umfassende Sammlung von Patientenproben und exzellente Doktoranden bilden eine wertvolle Grundlage und ein großes Potenzial für die weiterführende Forschung“, so die Wissenschaftlerin.
Im 21. Jahrhundert sind Molekularbiologie und Genetik zur treibenden Kraft in der Erforschung komplexer Erkrankungen geworden. Für die Zukunft wünscht sich Nazlı Başak: „Neue Technologien müssen mit Verantwortung eingesetzt werden – offen, ethisch und inklusiv. Forschung darf keine Barriere sein, sondern ein Werkzeug für globale Gerechtigkeit.“
Bettina Mittelstraß (20. November 2025)