Vordenker der Nanoelektronik

Begeisterung für Fortschritt: Professor Valipe Ramgopal Rao

Wie klein ist „nano“? So klein wie das Stück, um das ein Fingernagel in einer Sekunde wächst – so erklärt es Professor Valipe Ramgopal Rao seinen Studierenden immer. Der indische Wissenschaftler gilt als einer der Pioniere der Nanoelektronik. Heute leitet er große Forschungsinitiativen, gründet Start-ups – und erinnert sich dabei stets an seine Anfänge mit einem DAAD-Stipendium in München.

Pünktlich auf die Minute erscheint Professor Valipe Ramgopal Rao online zum Interview – früh am Morgen in Indien, noch vor Beginn seines eigentlichen Arbeitstags. „Ich bin ein Workaholic“, sagt er mit einem Lächeln. Es klingt nicht wie eine Entschuldigung, sondern wie eine schlichte Feststellung. Arbeit ist für ihn Leidenschaft, Treibstoff und Lebensinhalt zugleich – und das spiegelt sich in einer beeindruckenden Bilanz: Mehr als 500 wissenschaftliche Arbeiten hat er bereits betreut, mehr als 50 Patente, darunter 20 US-Patente, angemeldet, zwei erfolgreiche Start-up-Unternehmen aufgebaut und ein drittes in Vorbereitung.

Rao ist heute Professor für Nanoelektronik am Birla Institute of Technology and Science (BITS) in Pilani, einer Kleinstadt vier Autostunden westlich von Delhi. Davor leitete er sechs Jahre lang das renommierte Indian Institute of Technology Delhi (IIT Delhi). Seine Forschung hat weltweit Spuren hinterlassen: Technologien aus seinen Laboren stecken in Mobiltelefonen weltweit und kommen an Flughäfen zum Einsatz. In Indien entwickeln von ihm gegründete Start-up-Unternehmen intelligente Bodensensoren, die Landwirte dabei unterstützen, Bewässerung und Bodenqualität präzise zu überwachen, Wasser zu sparen und Ernteerträge zu steigern.

Forschung im Maßstab eines Fingernagels

Nanoelektronik bewegt sich auf einer Skala, die tausendfach kleiner ist als der Durchmesser eines menschlichen Haares. In dieser Dimension verändern Materialien ihre Eigenschaften – und eröffnen Möglichkeiten für neuartige Sensoren, schnellere Chips oder energiesparende Systeme. Die Anwendungsbereiche reichen von Datenspeicherung und -verarbeitung über Sensorik bis hin zu Quantentechnologien. Sie ermöglichen Fortschritte in Informationstechnik, Medizintechnik oder nachhaltigen Energielösungen.

Rao denkt diese Grundlagenforschung immer weiter bis hin zur Anwendung. So entstand aus seiner Arbeit die weltweit erste mikrosensorbasierte Sprengstoffdetektion – entwickelt von einer Firma, die er am IIT Bombay mitgründete –, die heute an indischen Flughäfen im Einsatz ist. Oder ein von ihm mitgegründetes Start-up, das landwirtschaftlichen Betrieben präzise Empfehlungen für den Einsatz von Düngemitteln gibt. „Wir wollen die Landwirtschaft in Indien wissenschaftlicher machen“, sagt er.

Eine Karriere mit deutschem Startpunkt

Den entscheidenden Schub für seine Karriere erhielt Rao durch ein DAAD-Stipendium, wie er erzählt. Mitte der 1990er Jahre führte ihn dieses zunächst ans Goethe-Institut, dann in eine Forschungsgruppe an der Universität der Bundeswehr in München. Dort arbeitete er an Halbleiterstrukturen, die der Zeit weit voraus waren. „Ohne dieses Stipendium wüsste ich nicht, wo ich heute wäre“, sagt er.

Die internationale Erfahrung prägte nicht nur seine Forschung, sondern auch seine Haltung: Pünktlichkeit, strukturierte Arbeit und wissenschaftliche Gründlichkeit sind Eigenschaften, die er an Deutschland bewunderte und die ihn bis heute begleiten. Aus den Netzwerken jener Jahre erwuchsen enge Kooperationen mit Unternehmen wie Siemens, Infineon und später Intel. Gemeinsam mit dem Münchner Ingenieur Dr. Harald Gossner meldete er zahlreiche Patente an, darunter Technologien, die heute in Handys auf der ganzen Welt verbaut sind. 

Förderer des Nachwuchses

Heute verbindet Rao die Strukturiertheit und Forschungsinfrastruktur, die er in Deutschland kennengelernt hat, mit der Dynamik indischer Studierender, die wissenschaftliche Ideen oft rasch in Start-ups oder praktische Anwendungen überführen. Bei all seinen Erfolgen sieht er sich vor allem auch als Mentor. Hunderte junger Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler hat er an IIT Bombay, IIT Delhi und nun am BITS Pilani begleitet. Sein Rat: „Studierende brauchen Tiefe und Breite zugleich. Sie sollen in einem Gebiet Expertinnen und Experten werden und zugleich lernen, über den Tellerrand zu blicken.“ Deshalb setzt er sich für internationale Austauschprogramme ein. Am BITS Pilani arbeitet er aktuell an der Entwicklung eines deutsch-indischen „2+2“-Studienmodells, bei dem Studierende zwei Jahre in Indien und zwei Jahre in Deutschland an einer Technischen Hochschule studieren sollen.

Auch in zahlreichen Akademien und Wissenschaftsverbünden bringt er seine Stimme ein – ob in der World Academy of Sciences (TWAS), der Indian Academy of Sciences (IASc) oder der Indian National Science Academy (INSA). Preise und Auszeichnungen hat er viele erhalten, wichtiger sind ihm jedoch die Menschen, die er auf dem Weg begleitet hat und die ihn begleitet haben.

Mit 60 Jahren blickt Rao zurück auf eine Karriere, die ohne seine Zeit in Deutschland anders verlaufen wäre. Seine Kontakte aus der DAAD-Zeit erwiesen sich als entscheidend: „Wir können viele Patente anmelden – aber wenn sich keine Industrie findet, die sie aufgreift und kommerzialisiert, bleiben sie nur eine Zeile im Lebenslauf“, sagt er. „Dank der Verbindungen aus dem Stipendium, mit Unterstützung von großen Unternehmen, konnten wir jedoch Arbeiten entwickeln, die das Feld nachhaltig beeinflusst haben.“

Barbara Barkhausen (9. Oktober 2025)

 

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