Türen öffnen zur Medizin von morgen

Simon Elsässer

Professor Simon Elsässer, Biochemiker und DAAD-Alumnus, hat eine der renommierten Alexander von Humboldt-Professuren für das Jahr 2026 erhalten. In seiner Forschung erkundet er an der Schnittstelle von Systembiologie, Epigenetik und synthetischer Biologie, wie sich Genregulationsprogramme lesen und gezielt umschreiben lassen – und so Bausteine einer Biologie der Zukunft werden.

Zwischen den leise summenden Inkubatoren betrachtet Simon Elsässer an einem Mikroskop winzige Zellen in Kultur, um zu beobachten, wie aus embryonalen Stammzellen verschiedene Zelltypen entstehen. Seit Anfang Oktober 2025 ist er Alexander von Humboldt-Professor an der Universität Freiburg. Der Preis, der mit einer Förderung von bis zu fünf Millionen Euro als höchstdotierter Forschungspreis Deutschlands gilt, wird von der Alexander von Humboldt-Stiftung vergeben und vom Bundesministerium für Forschung, Technologie und Raumfahrt finanziert. Die Verleihung ist für Mai 2026 geplant.

Elsässers Forschung, für die er ausgezeichnet wird, zielt darauf, die grundlegenden Prinzipien der Zellentwicklung zu verstehen. Was ihn interessiert, ist die unsichtbare Logik, die hinter solchen Differenzierungsprogrammen steht. Jede Zelle eines Organismus trägt denselben genetischen Bauplan in sich – und interpretiert ihn doch ganz individuell. „Wir wollen verstehen, wie Zellen festlegen, welche Gene sie verwenden und welche sie stumm schalten“, sagt er. Das ist der Kern der Epigenetik: Winzige chemische Markierungen auf der DNA steuern, welche Informationen aktiv sind. So entsteht während der Embryonalentwicklung aus einer identischen Erbinformation ein ganzer Organismus mit unterschiedlichen Zelltypen.

Den Ursprung von Krankheiten entdecken

Die synthetische Biologie liefert für derartige Fragen nützliche Werkzeuge. Mit ihr lässt sich nachvollziehen, wie diese molekularen Schalter zusammenwirken – und gezielt steuern, welche Prozesse ablaufen. „Wir arbeiten mit menschlichen Zellmodellen, sammeln systematisch Daten über die Regulation vom Gen zum Genprodukt – der RNA und dem Protein. Um mechanistische Hypothesen zu testen, beobachten wir, was passiert, wenn wir dann einzelne Faktoren gezielt verändern“, erklärt Elsässer. Dieses Wissen ist mehr als reine Grundlagenforschung – es öffnet Türen zur Medizin von morgen. „Epigenetische Muster können zeigen, wo Krankheiten ihren Ursprung haben, und helfen, Tumore oder degenerative Prozesse präziser zu erkennen und zu therapieren“, sagt er. Mit einer von ihm in Stockholm mitgegründeten Biotech-Firma bringt Elsässer dieses Wissen in die Praxis: Sie entwickelt Methoden, mit denen sich solche Signaturen künftig im Blut nachweisen lassen könnten.

Seine Forschung fügt sich nahtlos in den Exzellenzcluster „CIBSS – Centre for Integrative Biological Signalling Studies“ der Universität Freiburg ein. Dort untersucht ein interdisziplinäres Team aus den Fachbereichen Biologie, Medizin, Physik und Datenwissenschaft, wie Zellen Signale empfangen, verarbeiten und weitergeben – von molekularen Prozessen bis hin zu ganzen Organismen. Ziel ist es, die „Signale des Lebens“ zu verstehen und gezielt zu beeinflussen. „Das passt sehr gut zu meinem Interesse an epigenetischen Schaltern und Zellentscheidungen“, sagt Elsässer.

Während meines Auslandsjahrs habe ich gelernt, wie man wissenschaftliche Ideen klar formuliert und vermittelt – und dass für die Wissenschaft ein internationaler Dialog bedeutsam ist.
Prof. Dr. Simon Elsässer

Bevor er nach Freiburg kam, forschte Elsässer als Associate Professor am Karolinska Institutet im schwedischen Solna. Eine entscheidende Weichenstellung aber kam wesentlich früher: das DAAD-Stipendium, das ihn während des Biochemiestudiums in Tübingen für ein Jahr in die USA an die Harvard University führte. „Dort konnte ich Kurse besuchen, die von den Pionieren ihrer Fachgebiete gehalten wurden“, erinnert er sich. „Es gab kein Lehrbuch, der Stoff beruhte auf aktueller Fachliteratur und dem Wissen der Dozenten.“ Die Hierarchie war flach, Diskussionen fanden auf Augenhöhe statt. „Zudem habe ich gelernt, wie man wissenschaftliche Ideen klar formuliert und vermittelt – und dass für die Wissenschaft ein internationaler Dialog bedeutsam ist.“ Nach dem Studium promovierte Elsässer an der Rockefeller University in New York und blieb in dieser Zeit eng mit dem DAAD verbunden. „Ich konnte dort an vielen lokalen Veranstaltungen teilnehmen, und habe dort andere Geförderte und Alumni aus ganz verschiedenen Bereichen kennengelernt“, erzählt er. „Dieser Austausch war unglaublich inspirierend.“

Engagement in der „Global Young Academy“

Moderne Wissenschaft beruht auf internationaler Zusammenarbeit, und genau das ist eine seiner größten Motivationen. „Forschung bedeutet, gemeinsam mit Menschen aus aller Welt an ähnlichen Fragen zu arbeiten, aber aus unterschiedlichen Perspektiven“, erklärt er. Nicht zuletzt deshalb engagierte er sich von 2016 bis 2021 in der „Global Young Academy“, eine Akademie herausragender junger Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler, die sich unter anderem für die Situation wissenschaftlicher Nachwuchskräfte und Wissenschaftsdiplomatie einsetzt. Dort arbeitete Elsässer mit Kolleginnen und Kollegen aus Politik-, Sozialwissenschaft, Biologie und Medizin an Themen wie Biodiversität und Nachhaltigkeit – und lernte, wie unterschiedlich wissenschaftliche Prioritäten weltweit sein können. Nach vielen Jahren im Ausland ist er nun nach Deutschland zurückgekehrt. „Ich kann gut nachvollziehen, wie es ist, wenn man aus einem anderen Land kommt, die Sprache nicht perfekt spricht und sich in einem neuen System zurechtfinden muss“, sagt er. „Das schafft Verständnis und erinnert mich daran, wie wichtig Offenheit und Austausch in der Wissenschaft sind.“

Christina Pfänder (4. November 2025)