Leibniz-Preis: DAAD-Alumna Professorin Barbara Vetter im Porträt

Barbara Vetter

Das Mögliche im Wirklichen: Prof. Dr. Barbara Vetter, Professorin für theoretische Philosophie an der Freien Universität Berlin, prägt mit ihrer Forschung die aktuelle Modalitätsdebatte in der analytischen Philosophie. Dafür wird sie 2026 mit dem Gottfried Wilhelm Leibniz-Preis der Deutschen Forschungsgemeinschaft ausgezeichnet. In ihrer vom DAAD geförderten Promotion in Oxford gab sie dem Ansatz, der sie seit dem Studium beschäftigte, seine systematische Form.

Jeder Mensch weiß, dass er laufen kann – und nicht fliegen. Für Dr. Barbara Vetter, Professorin für theoretische Philosophie an der Freien Universität (FU) Berlin, führen solche alltäglichen Gewissheiten direkt zu einer großen philosophischen Frage: Was heißt es eigentlich, dass etwas möglich ist? Ihre Antwort sucht die DAAD-Alumna nicht in abstrakten Gedankenspielen, sondern in der Wirklichkeit selbst. „Möglichkeiten liegen für mich in realen Eigenschaften von Menschen und Dingen“, erläutert sie. Ein Mensch etwa kann schwimmen oder eine Sprache lernen; ein Stück Glas kann zerbrechen, Zucker sich in Wasser auflösen. Für diesen Ansatz, der die Theorie der Modalität neu ausrichtet, wird sie im März 2026 mit dem Gottfried Wilhelm Leibniz-Preis der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG) ausgezeichnet.

Damit positioniert sich Vetter gegenüber einer einflussreichen Tradition der analytischen Philosophie. Dort wird Modalität häufig mithilfe sogenannter „möglicher Welten“ bestimmt, gedachter Alternativuniversen, in denen Dinge anders verlaufen als in unserer tatsächlichen Welt. Die Idee dahinter: Etwas gilt als möglich, wenn man sich eine ganze Welt vorstellen kann, in der es tatsächlich geschieht – zum Beispiel eine Welt, in der ein Stück Glas nicht zerbricht, wenn es auf den Boden fällt. Für viele philosophische Probleme ist das ein äußerst wirkungsvolles Werkzeug.

Einen alten Begriff neu denken

An der University of Oxford, an der sie ihr an der Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg begonnenes Studium fortsetzte, begegnete Vetter diesem Modell immer wieder. „Mit ihm ließ sich erstmals eine präzise semantische Grundlage für die Logik von Möglichkeit und Notwendigkeit schaffen“, erinnert sie sich. „Das war ein großer Fortschritt für die Disziplin.“ Dennoch hatte Vetter früh den Eindruck, dass dabei etwas verloren geht: „Wenn ich mich für Möglichkeiten interessiere, geht es doch darum, was ich hier und jetzt in unserer konkreten Wirklichkeit tun könnte und was tatsächlich geschehen kann.“ Parallel beschäftigte sie sich intensiv mit Aristoteles, der Möglichkeiten als Vermögen versteht: als Fähigkeiten und Kräfte, die in den Dingen selbst angelegt sind. Aus dieser Verbindung entstand die Idee, einen alten Begriff mit den Mitteln der modernen analytischen Philosophie neu zu denken.

Der Preis gibt mir eine ganz besondere Freiheit, mich auf die Fragen zu konzentrieren, die ich für zentral halte.“

Prof. Dr. Barbara Vetter

Dieser Ansatz wurde zum Kern ihres Promotionsprojekts an der University of Oxford, das der DAAD von 2007 bis 2010 mit einem Stipendium unterstützte. Die Förderung erlaubte Vetter, sich ganz auf die Promotion zu konzentrieren – ohne Nebenjobs und ohne ihre Eltern finanziell zu belasten. „In meiner Familie hatte zuvor niemand ein Studium abgeschlossen“, erzählt sie. „Ein langer Auslandsaufenthalt wäre ohne Unterstützung kaum denkbar gewesen.“ Gleichzeitig profitierte sie von den Arbeitsbedingungen in Oxford: Ihr Doktorvater nahm sich Zeit für die Betreuung und besprach ihre Texte regelmäßig mit ihr. „Ich hatte enorm viel inhaltlichen Input, Feedback und Unterstützung“, sagt Vetter. Diese intensive Betreuung prägte nicht nur die Promotion, sondern erleichterte auch den weiteren Weg. Noch im letzten Promotionsjahr erhielt die DAAD-Alumna das Angebot für eine Juniorprofessur an der Humboldt-Universität zu Berlin. Nach einer weiteren Station an der Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg wurde sie 2017 an die FU Berlin berufen.

Talente als Vermögen, das sich entfalten kann

Heute arbeitet Vetter an der FU Berlin daran, ihren Ansatz über die Grenzen einzelner Teilgebiete hinweg fruchtbar zu machen. In der von ihr mit aufgebauten Kollegforschungsgruppe zu menschlichen Fähigkeiten bringt sie theoretische, praktische und historische Philosophie miteinander ins Gespräch. „Oft arbeitet die Philosophie zwar interdisziplinär mit anderen Fächern zusammen, verliert dabei aber den Austausch innerhalb des eigenen Fachs.“ Ihr vermögensbasierter Möglichkeitsbegriff soll deshalb nicht nur in der Metaphysik, sondern auch in Fragen des Handelns, der Verantwortung oder der Begabung weiterführen. „Talente beispielsweise verstehe ich als Vermögen, bestimmte Fähigkeiten besonders stark zu entwickeln“, erklärt Vetter. Ob jemand eine gute Musikerin, ein hervorragender Handwerker oder eine Professorin wird, hänge jedoch nicht allein von einer angeborenen Anlage ab. Entscheidend sei, welche Möglichkeiten tatsächlich entfaltet werden – durch Übung oder Förderung.

Der mit 2,5 Millionen Euro dotierte Gottfried Wilhelm Leibniz-Preis der Deutschen Forschungsgemeinschaft gibt ihr für ihre Arbeit neue Freiräume. „Ein Teil der Mittel wird in die Weiterführung der Strukturen fließen, die ich mit unserer Kollegforschungsgruppe aufgebaut habe, etwa internationale Gäste einzuladen, gemeinsame Arbeitsformate und die Förderung des wissenschaftlichen Nachwuchses“, sagt Vetter. „Vor allem aber gibt mir der Preis eine ganz besondere Freiheit, mich auf die Fragen zu konzentrieren, die ich für zentral halte.“

Christina Pfänder (10. März 2026)

 

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