Brücke zwischen Brasilien und Deutschland
Auf der 10. Interdisziplinären Konferenz der DAAD-geförderten Zentren für Deutschland- und Europastudien (ZDES) tauschten sich Forschende von drei Kontinenten aus. Gastgeber war das Centro de Estudos Europeus e Alemães (CDEA) in Porto Alegre, Brasilien.
„Zugehörigkeit ist ein Schlüsselbegriff unserer Zeit“, sagt Professor Draiton Gonzaga de Souza vom CDEA. „Durch die Globalisierung und die Zunahme der Mobilität ist die Offenheit für Neues gewachsen, zugleich gibt es ein großes Bedürfnis nach Verbundenheit und Gemeinschaft.“ Die Konferenz „Zugehörigkeit(en) in einer globalisierten Welt“ im Mai 2025 ermöglichte es, diesen Spannungsraum auf vielfältige Weise auszuloten.
Das 2017 gegründete CDEA im brasilianischen Porto Alegre ist das erste Zentrum für Deutschland- und Europastudien im Globalen Süden. „Mit seinen zahlreichen wissenschaftlichen Kontakten ist es eine Brücke zwischen Brasilien und Lateinamerika einerseits und Deutschland und Europa andererseits“, sagt Esther May, Teamleiterin Germanistikprojekte und Zentren für Deutschland- und Europastudien beim DAAD. Die weltweit 19 Zentren, die der DAAD aus Mitteln des Auswärtigen Amts fördert, haben zum Ziel, die deutschland- und europabezogene Lehre und Forschung zu stärken, wissenschaftlichen Nachwuchs auszubilden und überdies in den Partnerländern ein realistisches und zeitgemäßes Deutschlandbild zu vermitteln sowie die deutsche Sprache zu fördern.
Globalisierung, nachhaltige Entwicklung und kulturelle Diversität
Das CDEA wird von der Päpstlich-Katholischen Universität von Rio Grande do Sul (PUCRS) und der Bundesuniversität von Rio Grande do Sul (UFRGS) getragen und hat drei Lehr- und Forschungsschwerpunkte: Globalisierung, nachhaltige Entwicklung und kulturelle Diversität. Es bietet einen Masterstudiengang „Europäisches und Deutsches Recht“ sowie einen Aufbaustudiengang „Menschenrechte, soziale Verantwortung und Global Citizenship“ an. Auch für Hochschulkooperationen in anderen Fachrichtungen spielt das CDEA eine wichtige Rolle: „Wir vermitteln Kolleginnen und Kollegen, die sich für die Zusammenarbeit mit Deutschland interessieren, Kontakte zu deutschen Hochschulen“, so de Souza. Der Professor für Recht und Philosophie an der PUCRS leitet das CDEA als stellvertretender Direktor gemeinsam mit Professorin Claudia Lima Marques, Direktorin des CDEA. Das Zentrum pflegt auch Verbindungen zur deutschen Wirtschaft und trug so dazu bei, dass 2026 ein in Brasilien neuartiger dualer Studiengang nach deutschem Vorbild im Fach Buchhaltung startet, bei dem die PUCRS mit Unternehmen beider Länder zusammenarbeitet.
Großes Interesse an Deutsch als Fremdsprache
Traditionell sind die kulturellen und wirtschaftlichen Beziehungen zwischen dem Bundesstaat Rio Grande do Sul und Deutschland sehr eng: 1824 landete südlich von Porto Alegre ein Küstenschiff mit den ersten Einwandererfamilien aus dem deutschsprachigen Raum. „Die deutsche Einwanderung hat Rio Grande do Sul stark geprägt. Viele Orte und Familien tragen deutsche Namen, es gibt deutsche Kulturvereine und Volksfeste“, sagt de Souza. Auch wenn Deutsch als Fremdsprache in Brasilien heute erst den dritten Rang nach Englisch und Spanisch einnehme, bestehe nach wie vor Interesse am Deutschlernen, besonders in Rio Grande do Sul: „Das liegt auch daran, dass viele deutsche Unternehmen hier Niederlassungen haben und Deutschkenntnisse die Chancen auf dem Arbeitsmarkt verbessern.“
Das doppelte Jubiläum – 200 Jahre deutsche Einwanderung nach Brasilien und 100 Jahre DAAD – war der Anlass, auf der Zentrenkonferenz in Porto Alegre sowohl große Migrationsbewegungen als auch die internationale akademische Zusammenarbeit in den Blick zu nehmen. Darüber hinaus reichte das Themenspektrum von regionalen Identitäten und nationalen Konflikten über (De-)Kolonisation und Digitalisierung bis zu nachhaltigem Konsum und Klimaschutz. Forschende aus Sprach- und Literaturwissenschaften, Geschichte, Politik, Sozialwissenschaften sowie Kunst und Musik kamen auf der Konferenz zusammen. Für Nachwuchswissenschaftlerinnen und -wissenschaftler gab es besondere Angebote: Sie konnten ihre Forschungsthemen in Postersessions vorstellen sowie an Graduate-Workshops teilnehmen.
Indigenes Wissen einbringen
Die Konferenz sei „extrem interessant und sehr intensiv“ gewesen, meint Willy Delvalle, der an der École normale supérieure – PSL in Paris über europäische ökologische Interventionen im Amazonas-Regenwald promoviert und seine Arbeit auch im Hauptprogramm vorstellte. Während sich die Forschung dazu bislang auf juristische und wissenschaftliche Perspektiven konzentriere, beziehe er auch Stimmen von Indigenen, Aktivistinnen und Aktivisten ein: „Die Konferenz war für mich die perfekte Gelegenheit, Feedback zu meinem neuen Ansatz zu erhalten. Diese Erfahrung hat mich sehr ermutigt.“ Mehrere Professorinnen und Professoren hätten ihn eingeladen, seine Arbeit nach der Veröffentlichung an ihren Universitäten vorzustellen.
Da die im Zweijahresrhythmus stattfindenden Konferenzen ein wichtiges Vernetzungsformat für die 19 Zentren sind, sorgten die Veranstalter dafür, dass die Teilnehmenden Zeit und Raum auch für informelle Gespräche hatten, sei es im „World Café“ oder bei einem Ausflug ins Museum zur Geschichte der deutschen Einwanderung in Brasilien. In Porto Alegre habe er innerhalb weniger Tage viele Menschen mit ganz unterschiedlichen Hintergründen kennengelernt, die an sozialem Wandel interessiert seien, erzählt Willy Delvalle: „Einige dieser Kontakte werden mich wahrscheinlich mein Leben lang begleiten.“
Miriam Hoffmeyer (12. August 2025)