„Bereichernde internationale Erfahrungen“

DAAD-Vizepräsidentin Dr. Muriel Helbig und DAAD-Präsident Prof. Dr. Joybrato Mukherjee verweisen auf die Chancen von Kurz- und Langzeitdozenturen im akademischen Austausch.

Derzeit laufen die Ausschreibungen der DAAD-Programme für Kurz- und Langzeitdozenturen an Hochschulen weltweit. DAAD-Präsident Professor Joybrato Mukherjee und DAAD-Vizepräsidentin Dr. Muriel Helbig sprechen im Interview über Chancen und Bedeutung der beiden Programme, auf die sich Lehrende noch bis 8. Januar bewerben können.

Die Programme des DAAD für Kurz- und Langzeitdozenturen bieten für Bewerberinnen und Bewerber weltweit ganz unterschiedliche Möglichkeiten zu Lehre und Forschung im Ausland. Was macht die Programme aus Ihrer Sicht besonders interessant?

Mukherjee: Beide Programme bieten Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern vielfältige Möglichkeiten, berufliche Erfahrung im Ausland zu sammeln. Allein das Langzeitdozenturenprogramm mit seinen internationalen Dozenturen von zwei bis fünf Jahren umfasst eine große Vielfalt an Lehr- und Forschungsmöglichkeiten: Aktuell ist beispielsweise der Max-Weber-Lehrstuhl für Deutschland- und Europastudien in New York ausgeschrieben, aber auch eine Journalismus-Dozentur an der Royal University of Phnom Penh, Kambodschas wichtigster Universität, oder ein Lehrauftrag an der kolumbianischen Universidad del Norte in Barranquilla zu Nachhaltigkeitspolitik und regionaler Entwicklung. Die Dozenturen haben also eine enorme internationale und thematische Spannbreite und sind ein wissenschaftliches Fenster zur Welt.

Auch für jüngere Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler lohnt es sich, mit DAAD-Förderung für bis zu fünf Jahre ins Ausland zu gehen, insbesondere, solange sie noch keine dauerhafte Professur in Deutschland haben. Ein solcher Auslandsaufenthalt ermöglicht es ihnen, sich international aufzustellen, interkulturell weiterzuentwickeln und weltweite Netzwerke im eigenen Lehr- oder Forschungsgebiet zu knüpfen. Oftmals spielen bei Auslandsaufenthalten auch ein großes Interesse an der Entwicklungszusammenarbeit oder der Wunsch, gezielt in einem Land zu leben und die Kultur und Sprache zu praktizieren, eine wichtige Rolle. Die Dozenturen eröffnen also eine große Palette an Entfaltungsmöglichkeiten, von der Vertiefung der eigenen Forschung bis hin zum Beitrag zur Internationalisierung oder dem weltweiten Kapazitätsaufbau im Hochschulsektor.

Helbig: Die Dozenturenprogramme bieten einen deutlichen Mehrwert – sowohl für die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler als auch für die beteiligten Hochschulen. Denn sie ermöglichen den Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern, ihre Fachkenntnisse zu teilen und weiterzuentwickeln. Die aufnehmenden Hochschulen profitieren von zusätzlicher Expertise und neuen Perspektiven, während die Heimatuniversitäten durch die internationale Vernetzung und den Erfahrungsaustausch gestärkt werden. Dies alles trägt zur Förderung der wissenschaftlichen Zusammenarbeit, zur Erweiterung des Fachwissens und zur Internationalisierung des akademischen Umfelds bei. 

Natürlich ist es für viele Dozentinnen und Dozenten nicht immer einfach, einen Auslandsaufenthalt in ihren persönlichen Karriere- und Lebensplan zu integrieren. Die vom DAAD geförderten Kurzzeitdozenturen bieten hier eine gute Alternative. Das geht so: Bewerberinnen und Bewerber knüpfen eigenständig einen Kontakt zu einer Gasthochschule ihrer Wahl. Anschließend stellen sie einen Förderantrag beim DAAD. Die Rückmeldungen zum Kurzzeitdozenturenprogramm sind gut: Sowohl von den beteiligten Hochschulen als auch von den Alumnae und Alumni wird es als zielführend und nachhaltig wirkend bewertet. 

Interessant ist, dass Bewerberinnen und Bewerber auf eine Kurzzeitdozentur in ihrer beruflichen Laufbahn häufig bereits weiter fortgeschritten sind als Bewerberinnen und Bewerber des Langzeitdozenturenprogramms. Anscheinend finden auch etablierte Expertinnen und Experten einen besonderen Reiz darin, neue Kontakte zu knüpfen und ihr Wissen in einem internationalen Kontext zu teilen und zu erweitern.

Wie zeigt sich die Wirkung des Programms?

Helbig: Auch wenn Kurzzeitdozenturen nur für vier Wochen bis sechs Monate angelegt sind, tragen sie effektiv dazu bei, internationale Kooperationen aufzubauen oder bestehende Partnerschaften zu stärken. Oftmals führen solche Aufenthalte zu neuen transnationalen Projekten, zu gemeinsamen Publikationen oder gemeinsamen Drittmittel-Anträgen.

Mukherjee: Die Kurzzeitdozenturen fördern die internationale Vernetzung, verbessern die Lehr- und Forschungsqualität, stärken interkulturelle Kompetenzen, ermöglichen langfristige Kooperationen, fördern die Mobilität von Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern und tragen zur Stärkung der Reputation beteiligter Hochschulen bei. Innovative Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler forschen, bieten Lehrveranstaltungen an und interagieren mit der akademischen Gemeinschaft der Gasthochschule. Die innerhalb des Programms entstehende Vernetzung ist dabei von besonderer Bedeutung.

In dem Zusammenhang ist besonders die neu eingerichtete Kurzzeitdozentur an der Emory University in Atlanta/Georgia, USA, hervorzuheben. Die Emory University ist eine der besten privaten Forschungsuniversitäten der USA und kooperiert bereits seit Jahren mit dem DAAD in verschiedenen Programmen. Seit 2023 werden jährlich ein Dozent oder eine Dozentin durch den DAAD an die Emory University vermittelt. 

Sie leiten beide eine deutsche Hochschule und bringen daher neben Ihrer Rolle beim DAAD auch die Perspektive aus dem Hochschulalltag mit. Wie können die deutschen Hochschulen grundsätzlich von den Programmen für Lang- und Kurzzeitdozenturen profitieren?

Helbig: Es scheint natürlich zunächst paradox, wenn der DAAD behauptet: „Ja, deutsche Hochschulen haben einen Vorteil und ein Interesse daran, ihre Professorinnen und Professoren ins Ausland zu schicken“, gerade in Zeiten des Fachkräftemangels. Es ist aber so: Sowohl das Kurz- als auch das Langzeitdozenturenprogramm tragen wirksam zur Internationalisierung der deutschen Hochschullandschaft bei. Sie fördern den Austausch von Wissen, Forschung und Lehre, integrieren eine interkulturelle Perspektive in den Lehrplan und können zu langfristigen Kooperationen zwischen deutschen Hochschulen und internationalen Partnern führen. Außerdem können die Teilnehmenden als Vorbilder für andere dienen und auf diese und andere Internationalisierungsmöglichkeiten aufmerksam machen. Für die Dozentinnen und Dozenten selbst bieten die Programme bereichernde internationale Erfahrungen, völlig unabhängig von der jeweiligen Karrierestufe, und stärken sowohl die fachliche wie die interkulturelle Kompetenz. Auch die deutschen Hochschulen für Angewandte Wissenschaften können so wertvolle Impulse für ihre Internationalisierung erhalten! 

Mukherjee: Zudem spielen die Programme eine Rolle in der Außenwissenschaftspolitik: Sie stärken Deutschlands Beziehungen mit wichtigen Partnerländern auf zivilgesellschaftlicher Ebene. Wir wissen aus der langjährigen DAAD-Erfahrung: Wissenschaftlicher Austausch auf persönlicher und fachlicher Ebene kann zu einer wirksamen Science Diplomacy beitragen, die wir in den aktuellen, herausfordernden Zeiten dringend benötigen. Der DAAD unterstützt mit seinem weltweiten Netzwerk und weitreichenden Kontakten eine wirksame deutsche Außenwissenschaftspolitik. 

20. Dezember 2023


 

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