Für einen fairen Technologietransfer

Prof. Dr. Andreas Goldthau erforscht, wie Länder des Globalen Südens stärker von Investitionen in CO2-arme Technologien profitieren könnten.

Prof. Dr. Andreas Goldthau leitet das Projekt ISIGET

Alle Menschen weltweit sollen bis 2030 Zugang zu bezahlbarer und sauberer Energie bekom-men – so lautet das siebte Ziel für nachhaltige Entwicklung (SDG) der Vereinten Nationen. Weil die Kosten für Solarenergie in den vergangenen zehn Jahren um rund 90 Prozent gesunken sind, scheint die Energiewende heute auch für Länder des Globalen Südens leichter finanzierbar. „Eigentlich sind das großartige Nachrichten“, sagt Prof. Dr. Andreas Goldthau vom Institut für transformative Nachhaltigkeitsforschung (IASS) in Potsdam. „Das Problem ist, dass die Umstellung auf CO2-arme Technologien für den Globalen Süden auch Risiken mit sich bringt.“ Diese Risiken erforscht der Politikwissenschaftler in dem Projekt .

Viele Staaten des Globalen Südens setzten weiterhin auf stark zentralisierte Versorgungssys-teme, meist auf Basis großer Kohlekraftwerke, erklärt Goldthau. Moderne klimafreundliche Versorgungssysteme mit Windkraft oder Solarenergie sind dagegen dezentral aufgestellt. „Etablierte Energieversorger haben kein Interesse, dass sich etwas verändert, weil sie sonst aus dem Markt gedrängt würden“, sagt Goldthau. Auch für die Regierungen brächten zentrale Versorgungssysteme klare Vorteile, weil sie es ermöglichen, Energiepreise rasch zu regulieren, beispielsweise während einer Wirtschaftskrise oder vor einer Wahl.

Lokalen Mehrwert schaffen

Eine weitere Herausforderung: Die Patente für die Energietechnologien der Zukunft halten fast ausschließlich Länder der Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwick-lung (OECD) sowie China. „Die Wertschöpfung bei neuen Technologien liegt in der Entwick-lung und Herstellung“, sagt Goldthau. „Es wäre notwendig, über den bloßen Energiezugang hinaus lokalen Mehrwert zu schaffen und wirtschaftliche Entwicklung zu befördern. Wenn die Länder des Globalen Südens einfach nur Solarpaneele kaufen, ändert das an der globalen Ungleichheit wenig.“

Publikationen von ISIGET

Hinzu kommt, dass große Wirtschaftsblöcke wie die EU ihre Handelspolitik immer stärker klimapolitisch ausrichten. So wird für Importprodukte mit schlechter CO2-Bilanz eine Grenz-steuer erwogen. Für Länder, die weiter auf Kohlestrom setzen, drohen damit Exportmärkte wegzufallen, die Folge wären größere wirtschaftliche Risiken und mehr Verteilungskonflikte. Ein Ausgleich der widerstreitenden Interessen sei am ehesten durch einen fairen Technologietransfer zu erreichen, meint Goldthau: „Es geht nicht nur darum, technische Geräte in den Globalen Süden zu bringen, sondern vor allem darum, Wissen und Technologien zu teilen.“

Hohe Bedeutung des interdisziplinären Austauschs

Das Projekt ISIGET ist Teil des Programms . Das vom Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF) entwickelte und vom DAAD umgesetzte Förderprogramm geht auf die Initiative „Make Our Planet Great Again“ des französischen Staatspräsidenten Emmanuel Macron zu-rück. Internationale Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler in Frankreich und Deutschland werden ermutigt, in den drei Kernbereichen Klima-, Energie- und Erdsystemforschung Projekte zu initiieren und durchzuführen. Von französischer Seite wird das Programm mit 30 Millionen Euro unterstützt, das BMBF stellt 15 Millionen Euro bereit. ISIGET ist das einzige der von deutscher Seite geförderten Projekte, das nicht naturwissenschaftlich ausgerichtet ist. „Das Projekt zeigt, wie vielfältig die Themen des Programms und wie wichtig interdisziplinärer Austausch und Vernetzung sind, um das Ziel von ‚Make Our Planet Great Again‘ zu erreichen“, sagt Anke Stahl, Leiterin des Bereichs „Grundsatzfragen Projekte, Internationalisierung in der Forschung, Hochschulverbünde“ im DAAD.

Prof. Dr. Andreas Goldthau vom Institut für transformative Nachhaltigkeitsforschung (IASS) in Potsdam

Die Potsdamer Forschungsgruppe um Andreas Goldthau hat Expertinnen und Experten der weltweit größten privaten Öl- und Gasfirmen, der größten Unternehmen im Bereich der er-neuerbaren Energien sowie von Entwicklungsbanken, Entwicklungsagenturen und Rückversicherern befragt, unter anderem zu Investitionsentscheidungen. Außerdem wurden globale Initiativen zum Technologietransfer systematisch untersucht. Demnach versuchen die bestehenden Initiativen zwar, den Zugang zu erneuerbaren Energien zu verbessern. Allerdings: „Gerade die Länder, die es am nötigsten hätten, werden kaum erreicht“, sagt Goldthau. Der Grund sei vermutlich, dass es sich durchweg um Public-Private-Partnerships handelt, also um staatliche Initiativen mit Beteiligung privater Investoren.

Konkrete Handlungsempfehlungen erarbeiten

Zwar fließt heute schon mehr als die Hälfte der weltweiten Investitionen in erneuerbare Ener-gien in Länder außerhalb der OECD, jedoch zum größten Teil nach China, Indien und Brasilien. „Milliarden Menschen, mehrheitlich in Afrika, haben von diesen Investitionen überhaupt nichts“, sagt Andreas Goldthau. In Subsahara-Afrika, wo das Bevölkerungswachstum und damit die Energienachfrage der Zukunft besonders groß sind, haben viele Menschen noch gar keinen Zugang zu sauberer Energie.

Wegen der Corona-Pandemie haben sich die geplanten regionalen Fallstudien in Südamerika, Zentralafrika, Nordafrika und Südostasien verzögert. Ziel des Projekts ist es, bis 2022 konkrete politische Handlungsempfehlungen zu erarbeiten. Eine zentrale Frage wird dabei sein, wie private Investoren dazu gebracht werden können, den Technologietransfer in ärmere Länder zu fördern, sagt Goldthau: „Es geht um eine gerechtere Verteilung von Zukunftschancen.“

 

Steckbrief:

Gefördert vom:

BMBF

 

 

 

 

 

 

 

 

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