„Für viele verändert sich das ganze Leben“

Studierende der Universität Mannheim

Bevor der internationale Student aus China in Mannheim ankam, trug er eine Telefonnummer bei sich. Nicht die eines Verwandten, sondern die einer Frau, die er nie vorher getroffen hat. Die Nummer gehört Angela Dörflinger, die an der Universität Mannheim das Team für internationale Vollzeitstudierende leitet. „Wir unterschätzen oft, was es bedeutet, zum ersten Mal das eigene Land zu verlassen und für ein Studium nach Deutschland zu ziehen“, sagt Dörflinger. „Das ist nicht einfach nur eine Reise. Für viele verändert sich das ganze Leben.“ 

Dazu beizutragen, dass dieser Start gut gelingt, zählt inzwischen auch zu den Kernaufgaben deutscher Hochschulen. Über das Programm STIBET finanziert der DAAD unter anderem Betreuungs-, Stipendien- und Unterstützungsangebote. 

In Mannheim beginnt das Ankommen nicht mit der Einführungswoche, sondern mit der Zulassung. Kaum sind die Bescheide verschickt, lädt Angela Dörflinger zu Online-Veranstaltungen ein. Bis zu 200 künftige Studierende sitzen dann vor ihren Bildschirmen – in Brasilien, Indien oder Nigeria – und stellen die Fragen, die sie umtreiben. Es geht um Visa und Krankenversicherungen, vor allem aber darum, die Unsicherheit zu bewältigen und erste Kontakte zu knüpfen. Über kurze Umfragen entdecken die Studierenden, wer dasselbe Fach gewählt hat, und noch während der Veranstaltung entstehen die ersten WhatsApp-Gruppen. „Onboarding beginnt mit der Zulassung“, so heißt ein Workshop, den Dörflinger für andere Hochschulen beim DAAD hält. Denn viele Bewerberinnen und Bewerber haben Zusagen von mehreren Universitäten – in Deutschland wie in weiteren Ländern. Wer erst zur Welcome Week auf die Zugelassenen zugeht, hat sie in den Monaten bis dahin womöglich längst an eine andere Hochschule verloren. 

Eine Ersatzfamilie auf Zeit 

Für manche Neuankommende ist der Start in Deutschland überwältigend: Mancher steht zum ersten Mal am Frankfurter Flughafen und versteht keine Durchsage; ein anderer findet im Wohnheim ein Zimmer vor, das ganz anders aussieht als auf den Fotos. In Offenburg setzt genau hier ein ungewöhnliches Konzept an. Zuerst begleitet ein studentisches Buddy-Programm der Hochschule die Neuankömmlinge, oft schon vor dem Studienbeginn. Ehrenamtliche holen die neuen Studierenden am Bahnhof ab und begleiten sie später, falls nötig, zur Ausländerbehörde. Sie zeigen ihnen den Campus und helfen beim Zurechtfinden im fremden Alltag. Zu Studienbeginn treffen sie dann auf den „Senior Service“, eine Initiative der Hochschule Offenburg und der Stadt: Ältere Offenburgerinnen und Offenburger engagieren sich ehrenamtlich. Man trifft sich beim „Get together“, kocht zusammen, wandert, grillt.  

Teilnehmende des „Senior Service“ der Hochschule Offenburg mit internationalen Studierenden bei einer Wanderung im Schwarzwald

Der Austausch wirkt in beide Richtungen: Die Älteren vermitteln Sprache und Kultur, sind Ansprechpartner im Alltag und manchmal Vertrauenspersonen in schwierigen Momenten; umgekehrt bereichert der Kontakt mit jungen Menschen aus aller Welt ihr eigenes Leben, hält sie im Geiste jung und fördert die Offenheit vor Ort. „Einer brachte Studierenden das Fahrradfahren bei; ein anderer half einer iranischen Studentin über Wochen bei Bewerbungen“, erzählt Alexander Burdumy, der das International Center der Hochschule Offenburg leitet. Burdumy und viele seiner Kolleginnen und Kollegen kennen das Leben zwischen Kulturen aus eigener Erfahrung. Gerade deshalb wissen sie, wie steil der Weg für jemanden sein kann, der ohne ein Wort Deutsch ankommt. „Viele finden im Senior Service so etwas wie eine Ersatzfamilie“, sagt Burdumy. 2022 wurde das Projekt mit dem Preis des Auswärtigen Amts für exzellente Betreuung internationaler Studierender ausgezeichnet. 

Auch in Mannheim entscheidet sich vieles in den ersten Wochen. „Manche Studierende sind erst 17 Jahre alt und stehen plötzlich allein in einer Wohngemeinschaft. Wir sagen nicht: Das musst du jetzt aushalten“, erzählt Angela Dörflinger. „Wir sagen: Komm vorbei, wir schauen gemeinsam, wie wir es verbessern.“ Auch sie weiß, wovon sie spricht: Als Studentin war sie selbst die Fremde in Schweden, lernte die Sprache, und bekam doch einen Monat lang fast nur Antworten auf Englisch. Seither, sagt sie, antworte sie jedem, der Deutsch übt, auch auf Deutsch. 

Die Wirkung eines frühen Onboardings reicht weit über die ersten Wochen hinaus. Die glaubwürdigsten Botschafter einer Hochschule, sagt Dörflinger, seien ihre ehemaligen internationalen Studierenden: Bei Alumni-Abenden erzählen sie nicht nur, wo sie heute arbeiten, sondern auch vom Ankommen in Deutschland. Manche werden außerdem zu Brücken in mittelständische Firmen, die international wachsen, und verändern dort die Kultur. Eine Ehemalige schrieb ihr Jahre nach dem Abschluss, ausschlaggebend für die Wahl von Mannheim als Studienstandort sei nicht die Website gewesen, nicht das Ranking, sondern ein einziger Satz aus einem der ersten Webinare: „Kein Problem, das schaffen wir.“ Alexander Burdumy ergänzt: „Viele unserer Ehemaligen sind geblieben und haben inzwischen hier Familie. Sie sind wirklich angekommen und Teil unserer Gesellschaft.“ 

Die Karriere der Ägypterin Prof. Dr. Hana Attia startete an der Universität Mannheim.

Wie weit dieser Weg führen kann, zeigt die Geschichte von Professorin Hana Attia. Aufgewachsen ist sie in Kairo; zum Studium der Politikwissenschaft kam sie nach Mannheim. „Verglichen mit Kairo ist Mannheim eine kleine Stadt – aber unglaublich vielfältig, lebendig und perfekt für Studierende“, sagt sie. Nach dem Bachelor blieb sie für den Master, arbeitete als studentische Hilfskraft in einem Sonderforschungsbereich der Universität und entschied sich danach für eine wissenschaftliche Laufbahn. Ihre Forschung führte sie weiter nach Konstanz, an das German Institute for Global and Area Studies in Hamburg und nach Salzburg. Heute, mit 32 Jahren, ist sie Juniorprofessorin für Sicherheitspolitik und Frieden an der Leuphana Universität Lüneburg. An ihre Zeit in Mannheim aber denkt sie besonders gern zurück: „Ich habe dort viele Freundschaften geschlossen und Verbindungen geknüpft, die mir bis heute wichtig sind.“ 

Vielleicht beginnt gelungene Internationalisierung genau so: in dem Moment, in dem jemand feststellt, wirklich willkommen zu sein.  

Carola Hoffmeister (14. Juli 2026) 

 

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