„Oft ist das Gegen-Etwas-Sein wichtiger als die Wahrheit“
Desinformation ist auch im Bereich der Wissenschaftskommunikation ein großes Problem. Einfache Lösungen gibt es nicht, denn die Mechanismen sind komplex und reichen von gezielten politischen Kampagnen bis hin zu Ängsten und Gefühlen des Abgehängtseins. Umso wichtiger ist es, mögliche Lösungsstrategien auf soliden wissenschaftlichen Erkenntnissen aufzubauen. Dieses Ziel hat die Transfer Unit Wissenschaftskommunikation, ein Gemeinschaftsprojekt der Organisation Wissenschaft im Dialog (WiD) und der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften (BBAW). Ein Gespräch mit der Programmleiterin Liliann Fischer des Insights-Programms bei WiD und dem wissenschaftlichen Leiter des Projekts an der BBAW, Professor Sebastian Büttner.
Frau Fischer, Herr Professor Büttner, die Transfer Unit Wissenschaftskommunikation ist ein Gemeinschaftsprojekt von Wissenschaft im Dialog und der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften. Was sind die Ziele der Unit?
Liliann Fischer: Die Transfer Unit ist ein Projekt, das sich dem Austausch und der Vernetzung zwischen Forschung und Praxis der Wissenschaftskommunikation widmet. Als Gemeinschaftsprojekt zwischen Wissenschaft im Dialog und der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften sind wir hierfür ja selbst ein Beispiel. Konkretes Ziel ist es, praxisrelevante Forschungserkenntnisse zusammenzutragen und diese in verschiedenen Formaten aufzubereiten.
Welche Formate sind das?
Liliann Fischer: Das geht von Newslettern über Infografiken, How-Tos bis hin zu Konferenzen wie etwa der „Wisskomm Connected“, die letztes Jahr im September das erste Mal stattgefunden hat. Wir sind auch auf anderen Konferenzen präsent, wie dem „Forum Wissenschaftskommunikation“, das dieses Jahr vom 3. bis 4. Dezember in Stuttgart stattfindet. Dort werden wir mit einem Workshop vertreten sein, den wir zusammen mit BR24-Faktenfuchs des Bayerischen Rundfunks veranstalten. Auch international sind wir engagiert, zum Beispiel im Rahmen der European Science Engagement Association. Wir wollen Praktikerinnen und Praktikern Orientierung geben und die Forscherinnen und Forscher motivieren, sich praxisrelevanten Fragen zu widmen.
Dann ist also die Vernetzung von Praxis und Forschung hier entscheidend, oder?
Liliann Fischer: Richtig. Nur dann kann man bei den inzwischen vielen Wissensständen und Erkenntnisse wirklich konstruktiv arbeiten. Jedes Mal, wenn wir ein neues Paper vorstellen, veranstalten wir einen Lunch Talk, bei dem die Forschenden ihre Erkenntnisse vorstellen und Menschen aus der Praxis kommentieren und ihr Erfahrungswissen einbringen können. Dieser Dialog ist für uns ganz wesentlich.
Eines Ihrer Fokusthemen ist Desinformation. Wie beurteilen Sie die aktuelle Lage?
Sebastian Büttner: Zunächst muss man unterscheiden zwischen Miss- oder Fehlinformationen und gezielten Desinformationen. Unter Missinformation versteht man schlicht eine falsche Information, unter Desinformation versteht man dagegen die gezielte Manipulation der Öffentlichkeit und damit auch die gezielte Verbreitung von Falschinformationen. Das ist natürlich kein neues Phänomen, in der politischen Kommunikation gab es immer auch Versuche der Manipulation. Historisch betrachtet ist es interessant, dass erst seit der Aufklärung und mit der Entstehung einer bürgerlichen Öffentlichkeit und unabhängigen Medien überhaupt das Bewusstsein entstand, dass die Herrschenden aus strategischen Gründen die Unwahrheit sagen, wenn es ihnen nützt.
Wie wirkt Desinformation heute?
Sebastian Büttner: Wir erleben Desinformation, die sich ganz bewusst gegen die Wissenschaft und Expertentum stellt. Und es gibt das, was im US-Diskurs inzwischen „Bullshit“ heißt, also einfach Quatsch, der ganz gezielt verbreitet wird. Diejenigen, die ihn verbreiten, haben überhaupt keine Motivation mehr, sich für irgendetwas zu rechtfertigen – der Unterschied zwischen Wahrheit und Lüge wird einfach vollkommen nivelliert. Relativ neu ist auch die Wirkung der sozialen Medien: Hier werden auch Themen und Diskurse verbreitet, die früher für die breite Öffentlichkeit gar nicht relevant waren – also zum Beispiel Stammtischdiskussionen, obskure Deutungen –, und plötzlich breite Aufmerksamkeit erhalten.
Zum Stichwort Bullshit: Wäre es eine Strategie, in Anlehnung an die berüchtigte Losung von Steve Bannon „Flood the Zone with Shit“, zu fordern: „Flood the Zone with Facts“?
Sebastian Büttner: Das wird durchaus diskutiert in der Community und ist direkt gekoppelt mit der Überlegung, doch stärker auf Medien wie TikTok präsent zu sein. Das war für viele Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler lange ein No-Go. Allmählich setzt sich aber die Haltung durch: Wir müssen auch auf solchen Kanälen präsent sein, um das Feld nicht irgendwelchen Spinnern oder gefährlichen Manipulatoren zu überlassen.
Die Transfer Unit hat kürzlich einen Systematic Review veröffentlicht, der einen Überblick zu wirksamen Strategien gegen Desinformation gibt. Er unterscheidet präventive von reaktiven Ansätzen, bestehend aus „Literacy“, „Prebunking“ und „Debunking“. Können Sie diese drei Hauptstrategien kurz vorstellen?
Sebastian Büttner: Mit „Literacy“ sind präventive Strategien zum Aufbau von grundlegender Medien- und Wissenschaftskompetenz gemeint. Das Ziel ist es, die Menschen auf mögliche Desinformationen vorzubereiten und ihnen Mittel an die Hand zu geben, diese besser einzuordnen. „Prebunking“ geht über den allgemeinen Aufbau von Kompetenz hinaus. Das sind institutionelle Strategien, die zum Ziel haben, sich von vornherein auf Falschinformationen einzustellen: Was kommt denn eigentlich auf uns zu? Wenn im Vorfeld schon klar ist, dass es Desinformationskampagnen geben wird, kann man präventiv Aufklärung betreiben.
Und Debunking?
Sebastian Büttner: Beim Debunking geht es darum, Falschinformationen gezielt zu entkräften. Dabei sollte man nie mit der Falschinformation selbst beginnen, sondern diese einbetten in die richtige Information und Einordnung. Man spricht hier auch von einem sogenannten „Fakten-Sandwich“.
Man hört immer wieder, dass Debunking-Versuche den Glauben an Mythen sogar verstärken oder das Vertrauen in objektive Wahrheit untergraben können. Stimmt das?
Sebastian Büttner: Das ist leider so. Menschen nehmen Informationen selektiv wahr. Je tiefer ein bestimmtes Weltbild in einem Menschen verankert ist, desto schwieriger wird es, ihn mit Fakten zu erreichen, die diesem widersprechen – besonders dann, wenn Emotionen eine Rolle spielen: Ängste, Gefühle der Unzufriedenheit oder des Nicht-Gehört-Werdens. In diesem Zustand können faktenbasierte Informationen sogar provozieren. Und deshalb haben Influencer oder auch soziale Medien so viel Erfolg, weil die häufig auf der Ebene der Emotionen und an die Alltagssprache andocken.
Wie funktioniert das konkret?
Sebastian Büttner: Hier ist das Impfen ein gutes Beispiel – in diesem Fall die Angst davor. Bei manchen Menschen spielt hier tatsächlich nur die Furcht vor dem Stich eine Rolle. Es tut weh oder es wird als ein massiver Eingriff in den Körper verstanden. Oder jemand aus dem unmittelbaren Umfeld berichtet von einem Impfschaden. Dann ist es sinnlos, mit Wahrscheinlichkeiten zu argumentieren. Stattdessen muss man die Ursache der Angst identifizieren und die Kommunikation entsprechend darauf anpassen.
Was weiß man noch über die Gründe für die erstaunliche Hartnäckigkeit von Falschinformationen?
Sebastian Büttner: Dazu gibt es interessante Studien zu den Mechanismen von Verschwörungstheorien. Oft spielt deren faktische Falschheit keine Rolle für deren Anhänger. Sie verfechten sie trotzdem. Warum? Weil das Gegen-Etwas-Sein, zum Beispiel gegen die Eliten oder die geltende Meinung, offenbar wichtiger ist als die tatsächliche Faktenlage.
In autokratischen Gesellschaften gibt es das Phänomen, dass offensichtliche Unwahrheiten von vielen Menschen schlicht toleriert werden – auch aus Angst vor sozialen Konsequenzen. Wie beurteilen Sie das?
Sebastian Büttner: Machtverhältnisse spielen hier eine entscheidende Rolle – man beobachtet das auch in Organisationen. Wenn der Chef oder die Chefin eine bestimmte Meinung vertritt, wird es oft schwer, gegen diese zu argumentieren. Man muss einen inneren Widerspruch aushalten. Einige Menschen lösen das durch Opportunismus und Anpassung.
Wie sind die Hochschulen denn im Bereich Wissenschaftskommunikation inzwischen aufgestellt?
Liliann Fischer: Der Stellenwert von Wissenschaftskommunikation an den Universitäten und Hochschulen ist gewachsen. Wir beobachten eine große Nachfrage nach Fortbildung, Weiterbildung und Trainings im Bereich Wissenschaftskommunikation – und bei den Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern in Kommunikationsabteilungen in den Hochschulen einen hohen Anspruch an sich selbst. Sie möchten ihre eigene Arbeit möglichst gut machen und dabei auch auf die Grundlagen zurückgreifen, die ihnen die Forschung liefert.
Interview: Klaus Lüber (16. Oktober 2025)