„Wir müssen mutiger sein und neue Räume erschließen“
„Wissenschaft im Dialog (WiD)“ ist eine gemeinnützige Organisation der großen deutschen Wissenschaftsorganisationen und wurde im Jahr 1999 auf Anregung des Stifterverbands gegründet. Seit 2022 gehört auch der DAAD zu den offiziellen Kooperationspartnern. Ziel ist es, den Dialog zwischen Wissenschaft und Öffentlichkeit zu fördern. Doch was bedeutet das im Kontext von Künstlicher Intelligenz, Social Media und Demokratiekrise? Im Interview spricht WiD-Geschäftsführer Dr. Benedikt Fecher über die gewachsene Rolle der Wissenschaftskommunikation – und warum sie künftig noch politischer, digitaler und mutiger werden muss.
Herr Dr. Fecher, seit 25 Jahren will Wissenschaft im Dialog (WiD) das Verständnis für Wissenschaft und den Dialog mit der Gesellschaft stärken. Ist das gelungen?
Ja, das kann man guten Gewissens sagen. Wissenschaft im Dialog wurde als eine Art erstes Start-up der Wissenschaft gegründet – mit dem Ziel, das Verständnis für wissenschaftliche Prozesse und Ergebnisse fest in der Gesellschaft zu verankern. Alle großen wissenschaftlichen Organisationen haben sich hier zusammengetan. Das Vertrauen der Bevölkerung in die Wissenschaft zeigt, dass vieles gelungen ist. Auch das Ziel, Wissenschaftskommunikation professioneller und vernetzter zu gestalten, wurde erreicht: Heute gibt es starke Initiativen und eine lebendige Community. Allerdings hat sich unser Auftrag mit der Zeit gewandelt – die Herausforderungen von heute sind andere als vor 25 Jahren.
Was hat sich verändert?
Gesellschaft und Wissenschaft stehen heute unter enormem Druck; durch technologische Umbrüche etwa in Form von Künstlicher Intelligenz ebenso wie durch zunehmende Angriffe auf die Demokratie. Darauf muss Wissenschaftskommunikation reagieren. Heute geht es mehr denn je darum, für eine offene Wissenschaft in einer offenen Gesellschaft einzustehen und damit auch demokratische Werte zu verteidigen. Zudem sollten wir wissenschaftliches Wissen gezielt und verantwortungsvoll einsetzen, um gesellschaftlichen Fortschritt zu fördern. Das neue Leitbild von WiD, das wir 2024 mit allen Gesellschaftern verabschiedet haben, trägt diesem Anspruch Rechnung.
Seit 2022 ist der DAAD Partner von WiD. Wie profitieren Sie von dieser Kooperation?
Die skizzierte Entwicklung hat eine globale Dimension – nicht nur wegen der aktuellen Umbrüche in den USA. Dank der Partnerschaft mit dem DAAD können wir uns auch international stärker positionieren. So sind wir seit diesem Jahr Partner von COALESCE, einer EU-Initiative, die den Austausch zwischen Wissenschaft, Politik, Journalismus und Öffentlichkeit fördert. Insgesamt bringt der DAAD wichtige Impulse und Perspektiven ein.
Dank der Partnerschaft mit dem DAAD können wir uns auch international stärker positionieren.
Wie gut erreichen Sie Menschen außerhalb der Wissenschaft?
Sehr bekannt ist ja das umgebaute Binnenschiff MS Wissenschaft, das wir seit Anfang der 2000er-Jahre gemeinsam mit dem BMBF jedes Jahr auf Tour schicken. Dieses Jahr legt das Ausstellungsschiff ab dem 14. Mai zum Wissenschaftsjahr-Thema „Zukunft der Energieversorgung“ an 29 Orten an; wie immer mit einer interaktiven Ausstellung, mit vielen Stationen zum Mitmachen. Darüber hinaus gehen wir auf Marktplätze, führen Diskussionsveranstaltungen durch, zeichnen YouTuber aus, die ihre Forschung vorbildlich vermitteln, bilden Forschende im Bereich Wissenschaftskommunikation weiter und stärken die Wissenschaftscommunity, etwa durch die Onlineplattform wissenschaftskommunikation.de. Seit 2014 veröffentlichen wir jährlich das Wissenschaftsbarometer, eine repräsentative Umfrage, die unter anderem das Vertrauen in Wissenschaft, die gesellschaftliche Rolle von Forschung, das Interesse an wissenschaftlichen Themen und die Informationsquellen der Bevölkerung misst – eine wichtige Evidenzbasis für die Gestaltung von Wissenschaftskommunikation.
Laut dem jüngsten Wissenschaftsbarometer vertrauen unter hochgebildeten Menschen 75 Prozent der Wissenschaft, mit niedriger formaler Bildung nur 40 Prozent. Inwieweit erreicht WiD nichtakademische Bevölkerungsschichten?
Für mich zeigt das Ergebnis vor allem, dass wir benachteiligte Gruppen besser ansprechen und noch weit häufiger an Orte gehen müssen, an denen es keine Universitäten und keine Science Center gibt, so wie wir das mit dem Ausstellungsschiff MS Wissenschaft machen. Wir nehmen diesen Gedanken schon sehr ernst, haben etwa ein digitales Format, über das Schulen mit Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern in Kontakt treten können. Dennoch würde ich gern noch viel mehr machen. In jedem Fall darf sich Wissenschaftskommunikation nicht mit den sprichwörtlichen „low hanging fruits“ zufriedengeben – immer dieselben Zielgruppen, ähnliche Formate. Heute geht es darum, mutiger zu sein und neue Räume zu erschließen.
Sind soziale Medien für Wissenschaftskommunikation eher Fluch oder Segen?
Beides. Doch wir dürfen digitale Räume nicht denen überlassen, die faktenfrei oder aggressiv auftreten. Soziale Medien sind Marktplätze im Digitalen; lassen wir sie links liegen, ignorieren wir große Teile der Gesellschaft. Ich plädiere zum Beispiel sehr für eine neue, möglichst groß angelegte Initiative, in der wir mit Shorts – also kurzen Videos – vor allem Jugendliche ansprechen. Da gibt es gute Einzelinitiativen, aber kaum systematische Angebote. Wenn wir dafür eine Finanzierung hinbekämen, wäre das toll.
Wir dürfen digitale Räume nicht denen überlassen, die faktenfrei oder aggressiv auftreten.
Der digitale Wandel macht noch einmal deutlich, dass sich verschiedene Zielgruppen an verschiedenen Orten – oder Plattformen – aufhalten. Wie kann Wissenschaftskommunikation damit umgehen?
Ein zentrales Problem war lange die Vorstellung, man müsse „die Öffentlichkeit“ erreichen – als gäbe es nur eine. Tatsächlich gibt es viele Öffentlichkeiten, mit ganz unterschiedlichen Bedürfnissen. Ebenso gibt es nicht „die Wissenschaft“, sondern eine große disziplinäre und institutionelle Vielfalt. Gute Wissenschaftskommunikation erkennt diese Vielfalt an und entwickelt passende Formate. Das stärkt auch den Praxistransfer, also die Wirkung wissenschaftlicher Erkenntnisse in der Gesellschaft. Nur wer versteht, welche Öffentlichkeit welche Art von Wissenschaft braucht, kann echte Relevanz schaffen.
Wenn Sie 25 Jahre vorausblicken: Wo steht Wissenschaftskommunikation dann?
Ich wünsche mir, dass sie dann nicht mehr als „Add-on“ gesehen wird, sondern als selbstverständlicher Teil wissenschaftlicher Arbeit.
Bedeutet das, jede und jeder Forschende soll selbst über seine Arbeit kommunizieren?
Nicht zwingend. Jede Wissenschaft hat ihre spezifische Öffentlichkeit, bei reiner Grundlagenforschung etwa steht nicht die öffentliche Wirkung im Vordergrund. Es geht nicht darum, dass alle alles machen – sondern darum, dass Kommunikation und das Erzielen gesellschaftlicher Relevanz als gemeinsame Aufgabe verstanden wird und wir die Vielfalt der Öffentlichkeit und der Wissenschaft ernst nehmen. Dafür braucht es strukturelle Förderung und klare Zuständigkeiten – und gewiss auch weiterhin eine Organisation wie Wissenschaft im Dialog.
Interview: Jeannette Goddar (6. Mai 2025)