Verantwortungsvoll kooperieren – Wissenssicherheit in Zeiten geopolitischer Umbrüche

Zwei Personen sitzen an einem Tisch vor einem großen Fenster und führen ein Gespräch über Dokumente.

In Zeiten geopolitischer Spannungen wird die risikoreflexive Ausgestaltung internationaler Wissenschaftskooperationen immer wichtiger. Seit 2019 berät das Kompetenzzentrum Internationale Wissenschaftskooperationen (KIWi) im DAAD Hochschulen dazu, wie sie ihre Resilienz gegen die ungewollte Nutzung ihrer wissenschaftlichen Erkenntnisse und Technologien stärken können. Seit September bietet das KIWi eine Checkliste an, um internationale Kooperationen mithilfe von Fragen zur Selbsteinschätzung zu prüfen. Ein Gespräch mit Sakine Weikert, Leiterin des KIWi, und Benedikt Brisch, Leiter des Bereichs Wissen und Netzwerk im DAAD, über die Hintergründe und praktische Hilfestellungen.

Frau Weikert, Herr Brisch, warum ist Wissenssicherheit für deutsche Hochschulen so wichtig geworden?

Benedikt Brisch: Die geopolitischen Veränderungen sind der Hauptgrund. Nicht nur der russische Angriffskrieg auf die Ukraine hat verdeutlicht, wie schnell Forschungsergebnisse in die Hände problematischer Akteure gelangen und für Spionage, Propaganda oder Destabilisierung missbraucht werden können. Wissenssicherheit soll Hochschulen befähigen, ihre Resilienz gegen derlei Missbrauch zu stärken und Entscheidungen nach dem Prinzip der „gebotenen Sorgfalt“ – im Englischen Due Diligence – zu treffen.

Sakine Weikert: Wobei das Themenfeld Risiko und Sicherheit für das KIWi schon seit seiner Gründung 2019 zentral ist. Unser Ziel war es von Anfang an, den Hochschulen angesichts der immer komplexer werdenden Rahmenbedingungen internationaler Kooperationen beratend zur Seite zu stehen. Seitdem ist der Bedarf stark angestiegen, insbesondere zu Dual-Use-Gütern – also Wissen und Technologien, die zivil wie militärisch nutzbar sind. Unser Alleinstellungsmerkmal ist die umfangreiche Regionalexpertise des DAAD. Sie bildet eine wichtige Grundlage für unsere Empfehlungen zur risikoreflexiven und rechtssicheren Ausgestaltung von Kooperationen mit herausfordernden Partnern.

Forschungsergebnisse können in die Hände problematischer Akteure gelangen und für Spionage, Propaganda oder Destabilisierung missbraucht werden.
Benedikt Brisch, Leiter des Bereichs Wissen und Netzwerk im DAAD

Vor wenigen Monaten hat der Wissenschaftsrat – das höchste bildungspolitische Beratergremium von Bund und Ländern – ein Positionspapier zu Wissenschaft und Sicherheit in Zeiten weltpolitischer Umbrüche veröffentlicht. Welche Rolle spielt das?

Brisch: Wir begrüßen das Papier sehr; insbesondere, dass darin der breite Begriff „Wissenssicherheit“ verwendet wird, der auch Lehre und Wissensmanagement einschließt. Entscheidend ist auch die Betonung der Wissenschaftsfreiheit in diesem Kontext: Die Verantwortung für wissenschaftliche Kooperationen muss primär bei der Wissenschaft selbst liegen. Dieser Ansatz findet in der deutschen Wissenschaftslandschaft und auch im DAAD große Zustimmung.

Grafische Darstellung einer vernetzten Weltkugel und Weltkarte mit einem grünen Kompasssymbol und dem Schriftzug „daad.de/kiwi“.

Im September hat das KIWi die „Checkliste Wissenssicherheit“ vorgelegt. Wer soll damit arbeiten und wie ist sie aufgebaut?

Weikert: Die KIWi-Checkliste richtet sich primär an individuelle Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler, kann aber auch von Hochschulleitungen und Mitarbeitenden aus der Verwaltung für eine Ersteinschätzung genutzt werden. Auf Basis unserer Beratungspraxis zu individuellen Kooperationen wie auch zur Implementierung von Sicherheitsarchitekturen an Hochschulen haben wir 17 Fragen in vier Blöcken entwickelt: Partner und Finanzierung, Exportkontrolle, Ergebnisverwertung und Wissenschaftsethik. Die Antworten – „Nein“ (aktuell keine Anhaltspunkte für weitere Abstimmungsbedarfe) oder „Ja/Unklar“ (weiterführende Prüfung/Abstimmung empfohlen) – machen deutlich, wo Klärungsbedarf besteht. Die Ergebnisse dieser Einschätzungen dienen dann als Grundlage für eine etwaige vertiefte Prüfung. Uns war ebenfalls wichtig, die Checkliste im Dialog mit Expertinnen und Experten aus dem akademischen Sektor auf ihre Praxistauglichkeit zu prüfen und diese Rückmeldungen systematisch einzubeziehen. Die Checkliste unterstützt Forschende und Hochschulen somit frühzeitig dabei, sicherheitsrelevante Aspekte in den Blick zu nehmen – ohne Kooperationen pauschal infrage zu stellen. 

Die Liste verweist unter anderem auf Informationen wie die Exportkontrollgesetzgebung oder EU-Sanktionslisten. Für viele Forschende ist das Neuland. Wo bekommen sie konkrete Unterstützung?

Weikert: Im Anhang der Checkliste werden jeweils konkrete Ansprechpartner benannt, etwa das Bundesamt für Wirtschaft und Ausfuhrkontrolle (BAFA), die Justiziariate der Hochschulen oder die Kommissionen für Ethik sicherheitsrelevanter Forschung (KEF). Und natürlich können sich Hochschulen und Forschende jederzeit vertraulich an das KIWi wenden. Wir sind eine zentrale Beratungseinheit für alle deutschen Hochschulen – sowohl für jene, die bereits über Compliance-Strukturen verfügen, als auch für solche, die diese Ressourcen bisher nicht haben. Wir können Akteure gezielt miteinander vernetzen, Wissen gebündelt weitergeben und so Abwägungsprozesse befördern.

Brisch: Wichtig ist noch, dass die Checkliste auch auf Englisch verfügbar ist. So erreichen wir auch die vielen internationalen Forschungsteams an deutschen Hochschulen. Und wir machen auch international deutlich, welche Maßnahmen wir ergreifen. Das ist wichtig, weil die Berücksichtigung von Wissenssicherheit international immer mehr zum Standard wird.

Unser Ansatz ist: Beraten und die Akteure in ihrer Handlungs- und Entscheidungsfähigkeit stärken.
Sakine Weikert, Leiterin KIWi

Andere Länder haben teils strengere Vorgaben für Research Security. Sind diese ein Vorbild für Deutschland?

Weikert: Die Systeme sind sehr unterschiedlich. Die Niederlande verfolgen beispielsweise ein stärker staatlich eingebettetes Beratungsmodell, in dem über einen National Contact Point for Knowledge Security die befassten Ministerien und Dienste eine Einschätzung vornehmen. In Großbritannien gibt es mit dem Research Collaboration Advice Team (RCAT) ebenfalls staatliche Unterstützung, ergänzt durch konkrete Compliance-Teams an den Hochschulen, aber auch die Sorge an Hochschulen, aus dem freiwilligen Ansatz könnten strengere Vorgaben werden. Kanada wiederum hat konkrete Ausschlusslisten entlang sensibler Technologiefelder oder militärisch affiliierter Einrichtungen (STRAC) veröffentlicht: Kooperationen, die von den Listen tangiert sind, sind per se nicht förderfähig. Unser Ansatz setzt hingegen auf Stärkung von Eigenverantwortung durch fundierte Beratung. Entscheidend ist aus unserer Sicht, Lösungen zu entwickeln, die sowohl die Absicherung potenzieller Risiken als auch die Bedürfnisse der Wissenschaft einbeziehen. Wir brauchen ein wissenschaftsnahes und wissenschaftsbasiertes System.

Welche Rolle spielt die EU bei dem Thema?

Weikert: Die Europäische Kommission setzt seit Anfang 2025 sukzessive die EU-Ratsempfehlungen zur Forschungssicherheit um. In diesem Zuge vernetzt sie europaweit Stakeholder aus diversen Bereichen miteinander. Hier ist der DAAD mit dem KIWi eng beteiligt. Im Rahmen des ersten EU-Workshops „Research Security“ im Oktober 2025 wurde die Einrichtung einer EU-Beratungsstelle („Center of Expertise“) ebenso angekündigt wie ein digitales Prüftool zur Due-Diligence-Unterstützung, das zunächst Informationen zu Institutionen in China bündeln soll. Außerdem wird aktuell geprüft, das Thema „Research Security“ im für 2026 geplanten „European Research Area Act“ zu verankern. Das zeigt: Auch auf europäischer Ebene ist das Thema in Bewegung.

Welche langfristigen Pläne hat der DAAD, um Hochschulen im Bereich Wissenssicherheit weiter zu unterstützen?

Weikert: Als einen unserer nächsten Schritte bauen wir eine umfassende Webpräsenz zur Wissenssicherheit auf. Dort werden wir unter den Rubriken „Tools“ und „Practices“ Publikationen, Praxisbeispiele und Videos bereitstellen, die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler in der verantwortungsbewussten Gestaltung internationaler Kooperationen stärken.

Brisch: Unsere besondere Stärke bei alledem ist die Kombination unserer Fachexpertise mit dem globalen Netzwerk der DAAD-Außenstellen. Während unsere Checkliste bewusst länderneutral gehalten ist, beziehen sich viele Beratungsanfragen auf spezifische Länder. Hier können wir mit unserer jahrzehntelangen Präsenz vor Ort fundierte Regionalexpertise liefern und Fragen der Wissenssicherheit länderspezifisch einordnen und kontextualisieren.

Interview: Jeannette Goddar (27. November 2025)



 

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