EFFAL-Stipendium: „Ich kann meine Stimme erheben und etwas in der Welt bewegen“
Seit die Taliban in Afghanistan wieder an der Macht sind, ist Bildung für Mädchen und junge Frauen stark eingeschränkt. Zwei Stipendiatinnen des EFFAL-Programms (Empower Future Female Afghan Leaders) des DAAD, die an der Asian University for Women (AUW) in Chittagong, Bangladesch, studieren, erzählen hier, welche Chancen ihnen das Programm gibt – und welche Träume sie haben.
Farangis Paiez, Bachelorstudentin in Umweltwissenschaften
„Kurz bevor ich im September 2022 Afghanistan verließ, hatten die Taliban verfügt, dass keine Frau mehr ohne männlichen Vormund ausreisen darf. Wir waren eine Gruppe von sechs Frauen, die Studienplätze an der Asian University for Women (AUW) in Bangladesch bekommen hatten. Dass ein Mitarbeiter am Flughafen Kabul uns trotz allem unsere Bordkarten gab und uns in den Flieger steigen ließ, war ein großes Glück. Kurz danach wurde die Überwachung verschärft und wir hätten es nicht mehr aus dem Land hinausgeschafft.
Ich bin in Kabul aufgewachsen. Meinen Schulabschluss habe ich in der 12. Klasse gemacht, ein Jahr früher als vorgesehen. Damals zeichnete sich nämlich schon ab, dass die Taliban die höheren Schulen für Mädchen schließen würden. Meine Familie hat mich ermutigt, mich um einen Studienplatz im Ausland zu bewerben. Das EFFAL-Stipendium hat mein Leben verändert. Es ist für mich die Chance, mich weiterzuentwickeln, sodass ich meine Stimme erheben und etwas in der Welt bewegen kann. Millionen afghanische Frauen haben diese Möglichkeit nicht mehr. Unter der Taliban-Herrschaft dürfen Mädchen nur noch bis zur 6. Klasse zur Schule gehen. Meine Schwester und meine früheren Klassenkameradinnen mussten im Land bleiben; sie machen sich große Sorgen um ihre Zukunft.
Mein Studiengang Umweltwissenschaften hier an der AUW ist sehr international und es gefällt mir, mit Studentinnen aus verschiedenen Ländern zusammen zu lernen. In Afghanistan ist die Natur wunderschön, aber die Menschen tun leider wenig, um sie zu erhalten, auch weil es kaum Wissen über die Bedeutung von Umweltschutz gibt. Die Flüsse sind verschmutzt und voller Müll und viele Menschen haben keinen Zugang zu sauberem Trinkwasser. Zahlreiche Tier- und Pflanzenarten sind vom Aussterben bedroht. In Umweltwissenschaften kann ich mich mit dem ganzen Spektrum dieser Probleme beschäftigen. An der AUW gibt es einen Waste Management Club, in dem ich mich als Vizepräsidentin engagiere. Wir wollen Studierende dazu motivieren, Müll zu vermeiden und weder Wasser noch Lebensmittel zu verschwenden. Dazu organisieren wir Workshops und Aufräumaktionen auf allen drei Campus der Hochschule. In einem Workshop haben wir zum Beispiel Ideen für eine bessere Abfallwirtschaft an der AUW gesammelt, in einem anderen Schlüsselanhänger aus Kokosnussschalen gebastelt, die bei einer internationalen Konferenz unseres Fachbereichs an die Teilnehmenden verschenkt wurden.
Im Frühling 2027 mache ich meinen Bachelorabschluss. Danach kann ich mir gut vorstellen, ein Masterstudium zu absolvieren – vielleicht in Deutschland. Ich weiß noch nicht, wohin mich mein Weg führen wird, aber auf jeden Fall möchte ich etwas zurückgeben und andere Menschen unterstützen. Ich hoffe, dass sich die politischen Verhältnisse in meiner Heimat ändern. Dann könnte ich zurückkehren, um mich für den Natur- und Umweltschutz in Afghanistan einzusetzen.“
Khatira Ahmadi, Bachelorstudentin in Politics, Philosophy and Economics
„Ich habe schon in meiner Kindheit Verantwortung übernommen, denn als älteste Tochter habe ich meine Mutter nach dem frühen Tod meines Vaters mit meinen Geschwistern unterstützt. Vor dem Studium an der AUW arbeitete ich als Büroleiterin eines bekannten Krankenhauses einer Nichtregierungsorganisation in Kabul, davor unter anderem als Personalreferentin in einem Unternehmen und als Teamleiterin beim British Council. Bei diesen Tätigkeiten konnte ich meine Organisations-, Kommunikations- und Führungsfähigkeiten weiterentwickeln.
Als die Taliban die Macht übernahmen, wurde die Lage in Afghanistan immer gefährlicher. Mir wurde klar, dass ich das Land verlassen muss, um weiter lernen und ein selbstbestimmtes Leben führen zu können. Der Abschied von meiner Familie und meiner Heimat fiel mir nicht leicht, aber er war notwendig. Glücklicherweise wurde auch meine Schwester an der AUW aufgenommen. Hier studieren rund 550 afghanische Frauen und wir alle träumen davon, einmal zu einer besseren Zukunft für unser Land beizutragen.
An sechs Tagen in der Woche gebe ich afghanischen Mädchen ehrenamtlichen Online-Unterricht in Englisch und Präsentationstechniken. Meine Schwester und ich haben die Initiative ins Leben gerufen. Eine meiner Schülerinnen ist vor kurzem an einem eiskalten Tag auf einen Hügel geklettert, nur um Handyempfang zu haben und am Unterricht teilnehmen zu können. Diese Entschlossenheit inspiriert und motiviert mich, weiter hart zu arbeiten, um noch mehr Frauen durch Bildung zu stärken.
Der Studiengang Politik, Philosophie und Wirtschaft hat meinen Horizont erweitert. Ich interessiere mich vor allem für internationale politische Ökonomie, da es in diesem Fach um die Frage geht, wie politische Entscheidungen und globaler Handel faire und inklusive Wirtschaftssysteme fördern können. Weil die AUW ihren Studierenden Jobmöglichkeiten anbietet, kann ich zu meinem Stipendium etwas hinzuverdienen und dabei wertvolle Erfahrungen sammeln. Ich war schon Lehrassistentin und IT-Supervisorin. Jetzt arbeite ich als Peer-Mediationsassistentin an der AUW Lab School, an der ich Schülerinnen unterstütze, die zur Volksgruppe der Rohingya gehören und aus Myanmar geflohen sind.
Als Mitgründerin und Präsidentin des „AUW Fashion Tailoring Club“ und des dazugehörigen Shops kann ich meine Führungskompetenz mit meiner Leidenschaft für Kreativität und Mode verbinden. Gelegentlich schreibe ich Artikel für „The Echo“, unsere Studierendenzeitung. Mein Terminkalender ist also ganz schön voll. Aber mit sorgfältiger Planung und viel Motivation schaffe ich es, Studium, Arbeit und ehrenamtliches Engagement unter einen Hut zu bringen.
Für die Zukunft plane ich, einen Masterabschluss in Internationalen Beziehungen an einer Hochschule in einem Industrieland zu machen. Ich möchte mich weiter intensiv für die Rechte, die Bildung und die Stärkung von Frauen einsetzen. Mein Traum ist, in einer internationalen Organisation zu arbeiten und zur Lösung sozialer und wirtschaftlicher Probleme in armen Ländern beizutragen. In Afghanistan, Bangladesch und anderswo gibt es unzählige junge, talentierte Menschen voller Potenzial, aber mit begrenzten Möglichkeiten. Ich möchte mein Leben der Aufgabe widmen, Chancen für sie zu schaffen.