Hochschulprojekte für mehr Geschlechtergerechtigkeit

Eine Gruppe von 18 Personen, darunter Frauen und Männer, posiert auf einem Balkon, wobei vier Frauen in der vorderen Reihe Zertifikate halten, in einer Außenumgebung mit umliegenden Gebäuden.

Noch bis Ende 2025 fördert der DAAD mit dem Programm Ta’ziz Partnerschaft die Zusammenarbeit deutscher Hochschulen mit Partnern in der MENA-Region (Middle East and North Africa). Dabei widmen sich einige der Kooperationen auch dem Thema Geschlechtergerechtigkeit. Wie reagieren Gesellschaften auf die rechtliche Gleichstellung von Frauen, wenn diese im Konflikt stehen zu religiösen und kulturellen Normen? Und wie kann eine kostenlose Rechtsberatung durch Studierende die Position von Frauen stärken? Mit diesen Fragen beschäftigen sich zwei spannende Ta’ziz-Projekte in Zusammenarbeit mit ihren Partnern in Ägypten, Tunesien und Irak, die wir Ihnen hier vorstellen.

Freiräume für die Forschung zu eröffnen, unabhängig von räumlichen oder inhaltlichen Beschränkungen – darauf zielt das „Law and Economics Research Forum“ (LERF), eine Kooperation der Universität Hamburg (UHH) mit Partnerhochschulen in Ägypten und Tunesien. Sie ermöglicht es Forschenden und Studierenden, sich mit gesellschaftlich relevanten Rechtsthemen der Region im Hinblick auf ökonomische Auswirkungen auseinanderzusetzen. „Sehr spannend ist es beispielsweise zu untersuchen, wie institutionelle Veränderungen, die Frauen etwa im Familien- und Erbrecht gleiche Rechte einräumen, im Konflikt mit weiterhin geltenden religiösen und kulturellen Normen stehen“, sagt Dr. Nora El-Bialy vom Institut für Recht und Ökonomik (ILE) der UHH.

Projektpartner sind in Ägypten die Universität Kairo und die British University in Egypt (BUE), in Tunesien die Université de Sousse und die Mediterranean School of Business (MSB). Gefördert wird LERF durch das DAAD-Programm Ta’ziz Partnerschaft, das noch bis Ende 2025 aus Mitteln des Auswärtigen Amts die Zusammenarbeit deutscher Hochschulen mit Partnern in der MENA-Region unterstützt. Ziel ist es, die Wissenschaftsfreiheit und partizipative Ansätze zu stärken, Reformbestrebungen an den ausländischen Partnerhochschulen zu unterstützen und den Wissenstransfer zwischen Wissenschaft und Gesellschaft zu fördern. Deshalb sind auch außeruniversitäre Akteure wie Behörden, NGOs oder Unternehmen in die Projekte eingebunden. „Es geht darum, den Austausch zwischen der Gesellschaft und der akademischen Welt zu verbessern und Perspektivenvielfalt herzustellen“, sagt Ruth Schimanowski, Leiterin des zuständigen DAAD-Referats.

Eine Frau mit Sonnenbrille und Schal steht an einer Uferpromenade, im Hintergrund sind Boote, Gebäude und ein Kirchturm unter klarem Himmel zu sehen.

E-Learning-Plattformen, Lernvideos, hybride Lehrformate

LERF arbeitet unter anderem mit Behörden und Kanzleien zusammen, um neue Inhalte zu entwickeln, die zur Modernisierung der Curricula beitragen. Seit dem Projektstart 2023 wurden digitale, praxisnahe Kurse zur ökonomischen Analyse des öffentlichen Rechts und des Unternehmensrechts eingeführt. Derzeit wird mit der ägyptischen Kartellbehörde ein ähnlicher Kurs zum Wettbewerbsrecht entwickelt. Alle Inhalte werden auch nach dem Projektende verfügbar sein.

E-Learning-Plattformen, Lernvideos und hybride Lehrformate spielen bei LERF eine große Rolle. Module des gemeinsamen Masterstudiengangs „Law and Economics“ (MLEA) der UHH und der Universität Kairo wurden beispielsweise so umstrukturiert, dass Präsenzveranstaltungen nur noch an wenigen Tagen stattfinden. „Jetzt können verheiratete Frauen und Mütter einfacher teilnehmen, die ohne diese Maßnahme ihr Studium möglicherweise nicht angetreten hätten“, sagt die Volkswirtin Dr. Nora El-Bialy. Auch Studierende mit eingeschränkter Mobilität oder Teilzeitjobs würden entlastet.

Fokus auf Geschlechtergerechtigkeit

Wichtig seien aber auch direkte Begegnungen, betont Professor Stefan Voigt vom ILE. Sie werden unter anderem durch die Förderung ein- bis dreimonatiger Forschungsaufenthalte von Nachwuchswissenschaftlerinnen und -wissenschaftlern ermöglicht. Für die Gäste aus Ägypten und Tunesien, so Voigt, seien etwa die wöchentlichen Diskussionsforen am ILE sehr interessant: „Dort werden aktuelle Papers kritisch besprochen – unabhängig davon, welche Position die Verfasserin oder der Verfasser einnimmt.“

Bei allen Aktivitäten liegt ein Fokus auf Geschlechtergerechtigkeit. Frauen und Mütter werden ermutigt, sich für Forschungsaufenthalte zu bewerben. Rania Mahmoud, Dozentin an der Universität Kairo, verbrachte ihren ersten längeren Auslandsaufenthalt in Hamburg – und war begeistert: „Ich konnte produktiver arbeiten. Und die Seminare und Treffen waren eine großartige Gelegenheit zum Brainstorming!“ So entdeckte sie das Thema ihrer Dissertation über den Einfluss von Wechselkurs-Volatilität auf die Konsumausgaben, an der sie derzeit arbeitet.

Law Clinics zur Sicherung des Rechtsstaats

Im Mittelpunkt des Ta’ziz-Projekts „LegalLead“ der Universität zu Köln (UzK), der Al-Nahrain Universität (ANU) in Bagdad und der Carthage Universität (UCAR) in Tunis stehen sogenannte Law Clinics: Beratungsstellen an juristischen Fakultäten, die kostenlose Rechtsberatung für sozial benachteiligte Bevölkerungsgruppen anbieten. Das innovative Lehrkonzept ermögliche es den Studierenden nicht nur, praktische Erfahrungen für den Beruf zu sammeln, sagt Projektkoordinator Dr. Thilo Zimmermann von der UzK: „Sie spüren auch, dass sie wirklich etwas verändern können. Einige von ihnen werden später in der Politik oder in öffentlichen Institutionen tätig sein.“ Eine junge Generation von Juristinnen und Juristen könne eine entscheidende Rolle dabei spielen, demokratische Institutionen weiterzuentwickeln und den Rechtsstaat – die Basis der Demokratie – zu sichern, so Zimmermann.

Eine große Gruppe von Männern und Frauen in formeller und legerer Kleidung posiert auf den Stufen eines Gebäudes mit einer blauen Tür im Hintergrund.

Thematische Schwerpunkte von „LegalLead“ sind die Stärkung von Frauen und Good Governance. Die erste Law Clinic der ANU befindet sich im Aufbau, drei bereits etablierte Beratungsstellen an den juristischen Fakultäten in Köln und Tunis sind nun miteinander vernetzt. Sie bieten Unterstützung für Geflüchtete beziehungsweise für Frauen und vielfältige Zielgruppen an, die Opfer von Gewalt geworden sind. Im Rahmen von LegalLead arbeiten die Law Clinics mit öffentlichen Institutionen, Thinktanks und NGOs zusammen: im Irak unter anderem mit Bayt-al Hikma und dem Strategic Center for Human Rights, in Tunesien mit Avocats Sans Frontières, Ramy Khouilli oder Wahid Ferchichi. So soll ein dauerhaftes Netzwerk geschaffen werden, auf das die jungen Juristinnen und Juristen künftig zurückgreifen können. 

Austausch über wirtschaftliche und soziale Herausforderungen für Frauen

Die jährlichen Winter Schools des Projekts stoßen bei den Studierenden auf großes Interesse. Yasmine Boussabeh, die an der UCAR internationales Recht studiert, ist eine von rund 40 Teilnehmenden der Winter School Ende September 2024. „Der Austausch über die verschiedenen wirtschaftlichen und sozialen Herausforderungen, denen Frauen in Tunesien, dem Irak und Deutschland gegenüberstehen, war sehr bereichernd“, erzählt die Masterstudentin, die sich auch in der Law Clinic im Migrationsrecht engagiert. Das Thema sei noch nicht im Curriculum verankert, aber sehr wichtig, weil in Tunesien so viele Geflüchtete aus Subsahara-Ländern leben, sagt Boussabeh. „Die Law Clinic lädt auch externe Fachleute ein, zum Beispiel vom UN-Flüchtlingshilfswerk, um uns Studierenden das Thema nahezubringen. Das ist hochinteressant und ich lerne dort sehr viel.“

Miriam Hoffmeyer (11. Oktober 2024)

 


 

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