Kolumbien: Bildung und Wissenschaft

Ein Denkmal von einem Mann.

Die Regierung unter Iván Duque vom Centro Democrático, der 2018 mit Hilfe der Ultrarechten zum Präsidenten gewählt wurde, tut sich schwer mit der Umsetzung der im Friedensabkommen von 2016 vereinbarten „Maßnahmen zur Konstruktion eines stabilen und dauerhaften Friedens“ nach über 60 Jahren Bürgerkrieg. Kolumbien scheint unter fast allen Aspekten polarisiert: politisch, gesellschaftlich, ökonomisch und auch in Bezug auf die Hochschulen und den Bildungszugang. Im Schatten der COVID-19-Pandemie haben sich die Bedingungen für eine Aussöhnung und weniger Ungleichheit in der Gesellschaft sogar noch verschlechtert. Es ist zu erwarten, dass die wirtschaftliche Krise, in die Kolumbien im Zuge der COVID-19-Pandemie unweigerlich geraten wird, den Anteil der unterhalb der Armutsgrenze lebenden Bevölkerung (laut HDI-Report 2019: 27 Prozent) wieder deutlich erhöhen wird. Dass für Bildung und Forschung weniger Geld zur Verfügung stehen wird, steht ebenfalls außer Frage. Die Politik und die internationalen Beziehungen Kolumbiens werden weiterhin sehr stark von den USA beeinflusst. Das spiegelt sich auch im Hochschulbereich wider. 

Das Fundament für das moderne Hochschulsystem Kolumbiens wurde nach der Unabhängigkeit des Landes im 19. Jahrhundert mit der Gründung der ersten öffentlichen Universität – der Universidad Nacional de Colombia – gelegt, die sich erkennbar am Humboldtschen Bildungsideal ausrichtete. Den heute 33 öffentlichen Universitäten Kolumbiens stehen 54 private gegenüber, die sich überwiegend am angelsächsischen Hochschulsystem orientieren.

Bis zum Ausbruch der Corona-Pandemie war Kolumbien das Boom-Land für Hochschulen und Hochschulbildung in Lateinamerika. Die Studienangebote, vor allem im Bachelor-Bereich, haben sich vervielfältigt und differenziert. Allerdings sinken seit 2018 die Einschreibzahlen, vor allem aus demografischen Gründen. Nach wie vor fehlen aber Master- und Promotionsangebote, weshalb diese vermehrt im Ausland gesucht werden.

Die wichtigsten Universitäten im Land sind: die private Universidad de los Andes mit Sitz in Bogotá; auf Platz 8 des THE-Ranking für Lateinamerika reklamiert sie mit 16 PhD- und 71 Masterprogrammen für sich, die beste Universität im Land zu sein. Die ähnlich aufgestellte, ebenfalls private (jesuitische) Universidad Javeriana, die an zwei Standorten (Bogotá und Cali) präsent ist, schafft es im Ranking nur auf Platz 28. Besser schneidet die staatliche Universidad Nacional, kurz UNAL, auf Platz 22 ab. Die UNAL bietet 69 Promotions- und 170 Masterstudiengänge an und ist im Land mit neun Campi vertreten. Sie ist die größte Universität Kolumbiens. Zu den forschungsstarken öffentlichen Universitäten zählt auch die bereits 1803 gegründete Universidad de Antioquia (UdeA) in Medellín. Sie landet mit 13 PhD- und 34 Masterprogrammen auf Platz 36 des genannten Rankings.

Insgesamt konzentriert sich das qualitativ hochwertige Studienangebot in Kolumbien auf die großen Ballungszentren: Bogotá, Medellín, Cali, Barranquilla und Bucaramanga. Vereinzelt gibt es auch in Provinzstädten gute Universitäten. In den Städten hängen die Chancen für den Erwerb guter Bildung immer noch stark von den sozioökonomischen Verhältnissen der Studierenden beziehungsweise ihrer Familien ab. 

In dem nach Brasilien und Mexiko bevölkerungsreichsten Land Lateinamerikas sind über 30 Prozent der Einwohner unter 15 Jahre alt. 2018 machten im Durchschnitt 52,8 Prozent eines Jahrgangs eine Ausbildung im tertiären Bereich. Insgesamt verfolgen 2,4 Millionen Kolumbianer eine Ausbildung im erweiterten Hochschulbereich. Die 1,6 Millionen an Universitäten eingeschriebenen Studierenden verteilen sich etwa hälftig auf öffentliche und private Einrichtungen.

Diverse Förderprogramme, meist Studienkredite, sollen den einkommensschwachen Bevölkerungsschichten den Zugang zur höheren Bildung ermöglichen. Es gibt ein breites und gut etabliertes Finanzierungssystem, das von staatlicher Seite über die Studienkreditbehörde ICETEX umgesetzt wird und sich weitgehend über zum Teil hohe Zinsen refinanziert. Die intensive Förderung von Studierenden durch Stipendien und Kredite ähnelt stark den angelsächsischen Studienfinanzierungssystemen und ist einzigartig in Lateinamerika. So hatte das Bildungsministerium mit dem Programm „Ser Pilo Paga“ zwischen 2015 und 2018 jährlich 10.000 Vollstipendien ausgelobt, die es den erfolgreichsten Schulabgängern öffentlicher Schulen ermöglichen sollte, die besten Universitäten des Landes zu besuchen. Unter der Regierung Duque wird das Programm mit einigen strukturellen Veränderungen unter dem Namen „Generación E“ weitergeführt. Das Programm setzt sich zum Ziel, in vier Jahren bis zu 336.000 Sekundarschulabgängern den Zugang zu einer öffentlichen Universität zu ermöglichen.

Anfang 2020 entstand aus der Forschungsförderagentur COLCIENCIAS das Wissenschaftsministerium MinCiencas. Der Haushalt für Forschung, Technologie und Innovation stieg um 10 Prozent. Weiterhin Bestand hat die Regelung, dass 10 Prozent der Einnahmen aus den Royalties für Erdölförderung in die Forschung fließen müssen. Diese Mittel werden von den lokalen Regierungen der „Departamentos“ zumeist für Stipendien im Master und Promotionsbereich verwendet. Mit diesen und anderen strategischen Entscheidungen sucht Kolumbien, das fast ausschließlich Rohstoffe und unverarbeitete Agrarprodukte exportiert, den Weg zu einer 'entwickelten' Wirtschaft und Gesellschaft.

Als Zukunftsfelder hat ein von der kolumbianischen Regierung eingesetzter internationaler Expertenrat 2019 folgende acht thematischen Cluster benannt: „Konvergierende Technologien“ (Industrie 4.0, Nano- und Informationstechnologie, Künstliche Intelligenz), „Produktionen des Kultur- und Kreativsektors“, „Erneuerbare Energien“, „Biotechnologie, Umwelt und Bioökonomie“, „Ozeane und hydroessourcen“, „Sozialwissenschaften, gesellschaftlich gerechte Entwicklung“, „Lebenswissenschaften und Gesundheit“, „Grundlagenforschung und Raumfahrt“.

Verfasser: DAAD-Außenstelle Bogotá

Der DAAD unterhält in Kolumbien ein Informationszentrum in Bogotá sowie jeweils ein Regellektorat an der Universidad del Valle in Cali und an der Universidad de Antioquia in Medellín.