Research Security – Internationale Perspektiven

Eine Frau mit Brille sitzt vor mehreren Monitoren mit Weltkarten und Datenanzeigen und blickt nachdenklich in die Kamera.

Wissenssicherheit ist zu einer zentralen Herausforderung für Hochschulen und Forschungseinrichtungen geworden. Wissenschaft lebt von Offenheit und internationalem Austausch, doch neue Bedrohungsszenarien erfordern ein wachsendes Bewusstsein für den Schutz von Forschungsergebnissen und wissenschaftlicher Infrastruktur. Wir haben drei Experten aus Japan, Kanada und den USA nach ihren Perspektiven und Einschätzungen gebeten.

Akademische Freiheit als Chancengleichheit beim Zugang

Porträt eines Mannes im Anzug vor unscharfem Hintergrund, der leicht lächelt und in die Kamera blickt.

„Wir haben das Problem früh erkannt. Als der Konflikt zwischen den USA und China eskalierte, gerieten viele chinesische Forschende an US-Universitäten unter Verdacht. Für Japan war das ein Weckruf – denn 60 bis 70 Prozent unserer Promovierenden aus dem Ausland kommen aus China. Ohne sie wäre unser Wissenschaftssystem kaum funktionsfähig. Deshalb schließen wir niemanden aus. Aber wir schaffen Transparenz: Forschende und Studierende müssen offenlegen, ob sie Verbindungen zu gelisteten Organisationen haben – auf japanischen und US-amerikanischen Listen. Das Zulassungsverfahren bleibt offen. Was wir steuern, ist das Forschungsthema. In sensiblen Technologiebereichen können wir es eingrenzen. Die Person ist willkommen – nicht jedes Thema.

Manche nennen das einen Eingriff in die akademische Freiheit. Ich sehe das anders. Akademische Freiheit bedeutet Chancengleichheit beim Zugang – nicht das Recht auf jedes beliebige Forschungsthema. Wir können einem Studierenden ein anderes Thema anbieten. Das ist kein Ausschluss. Die wichtigste Erkenntnis der letzten Jahre: Research Integrity ist zeitlos – sie gilt immer und überall. Research Security ist das Gegenteil. Sie verschiebt sich mit der geopolitischen Lage. Das Fußballtor wechselt die Position. Wer das mit einem starren Gesetz regeln will, verliert die Flexibilität, die Universitäten brauchen. Wir müssen auf veränderte politische Realitäten reagieren können. Und dabei unsere eigene Haltung behalten.“

Professor Takahiko Sasaki leitet das Research-Security-Programm der Tohoku Universität. 

Die Nadeln im Heuhaufen finden

„An der Universität Toronto verstehen wir Research Security als etwas, das das gesamte Forschungs- und Innovationssystem betrifft: einzelne Forschende, Promovierende, Verwaltungsmitarbeitende und die Hochschulleitung gleichermaßen. Als Kanadas Richtlinien erstmals eingeführt wurden, gab es viel Angst, viel Verunsicherung. Die Menschen betrachteten die Regeln aus der Vogelperspektive und nahmen das Schlimmste an. Aber je genauer wir hinschauen, desto besser werden wir darin, echte Risiken von angemessener Zusammenarbeit zu unterscheiden.

Ich stelle es mir so vor: Die Sorge der Regierung gilt wirklich nur ein paar Nadeln in einem riesigen Heuhaufen. Je präziser wir diese Nadeln identifizieren können, desto mehr bleibt der Rest des Heuhaufens für Partnerschaften nutzbar. Auf unserer Verbotsliste stehen über 100 Organisationen – viele davon chinesische –, aber das ist kein Verbot der Zusammenarbeit mit China. Es ist ein gezielter, organisationsbezogener Ansatz, kein länderbezogener Ansatz.

Mein Team und ich sind keine Entscheidungsträger. Wir haben keine Entscheidungsbefugnis. Unsere Aufgabe ist es, einzelne Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler zu befähigen – ihnen die richtigen Informationen zu geben, damit sie selbst entscheiden können. In Graubereichen zeigen wir Forschenden empirisch, wo wir Risiken sehen und warum. Und sehr oft lautet unsere Antwort: ein bedingtes Ja, kein klares Nein. Es gibt nicht viele harte Grenzen. Es geht darum, Informationen bereitzustellen – und sich dann eher im Hintergrund zu halten.“

Paul Jarrett leitet das Research-Security-Programm der Universität Toronto.

Sicherheit ist die Voraussetzung von Offenheit

Porträt eines Mannes im Anzug vor grauem Hintergrund, der leicht lächelt und in die Kamera schaut.

„Viele gehen automatisch davon aus, dass Offenheit und Sicherheit im Widerspruch zueinander stehen. Das halte ich für einen Fehler. Die offene Wissenschaft, die wir in den letzten hundert Jahren aufgebaut haben, ist ein globales Gemeingut. Und jedes Gemeingut braucht vereinbarte Regeln, damit es erhalten bleibt – ob es um Fischbestände geht oder um Forschung. Research Security ist keine Einschränkung von Offenheit. Sie ist ihre Voraussetzung.

Sie hilft uns außerdem, Globalisierung verantwortungsvoller und respektvoller zu gestalten. Viele Länder wollen an den Vorteilen globaler Wissenschaft teilhaben. Talent gibt es überall. Aber verschiedene Länder haben unterschiedliche politische Systeme, unterschiedliche Normen institutioneller Governance sowie unterschiedliche Kulturen und Traditionen. Wir brauchen Instrumente, um mit diesen Unterschieden umzugehen. Genau dabei hilft Forschungssicherheit.

Es gibt auch ein Problem mit dem Begriff „Dual Use“. Für viele impliziert er, dass es nur ein paar Technologien gibt, um die wir eine Grenze ziehen können. Meine Position ist: Praktisch alles ist Dual Use. Ich habe kürzlich den Fall eines der führenden chinesischen Experten für Computer Vision untersucht. Er erhielt Aufträge zur Entwicklung von Algorithmen zur Tumorerkennung, finanziert von internationalen Gesundheitsorganisationen. Das Problem ist: Er hat auch Start-up-Unternehmen mit Verträgen mit der Staatssicherheit und dem Militär, um exakt dieselben Technologien anzuwenden. Er arbeitet in einem System, in dem von ihm außerdem erwartet wird, einem autoritären Staat zu dienen.

Statt wie ein Jurist zu denken – also in Kategorien von legal oder illegal –, sollten wir wie ein Investor denken: Jede Aktivität ist mit Risiken verbunden, und wir müssen Risiko, Ertrag, Wahrscheinlichkeiten und unsere Risikotoleranz gegeneinander abwägen. Risiko ist kein Schalter, den man umlegt. Es ist ein Spektrum. Und wenn man das verstanden hat, kann man Kooperationen steuern – statt sie pauschal zu blockieren.“

Glenn Tiffert ist Distinguished Research Fellow an der Hoover Institution und Historiker für Modernes China. Er leitet die Beteiligung der Stanford University am SECURE-Programm.

Klaus Lüber (23. Juni 2026)