Europäische Hochschulallianzen: Mit KI auf neuen Wegen
Europäische Hochschulallianzen profitieren von den enormen Möglichkeiten Künstlicher Intelligenz. Die Allianz EUonAIR, der die HTW Berlin und die Hochschule Heilbronn angehören, baut unter anderem an einem KI-gestützten virtuellen Campus und stärkt den digitalen Austausch mit den Hochschulstädten. Das Netzwerk INGENIUM, zu dessen Mitgliedern die Hochschule Karlsruhe zählt, hat eine eigene KI-Vernetzungsplattform für Forschende entwickelt.
Die Kraft, mit der Künstliche Intelligenz Transformationen bewirkt, hat längst auch den Hochschulsektor erfasst. „Wir sind schon mittendrin“, sagt Sarah Marx, Projektmanagerin der Europäischen Hochschulallianz EUonAIR an der Hochschule für Technik und Wirtschaft (HTW) Berlin. Sie verweist auf die weitreichende Nutzung moderner KI-Chatbots, um Alltagskorrespondenz und Recherchearbeit zu beschleunigen. Doch mit KI kommt noch viel mehr auf die Hochschulen zu – und dann ist im Vorteil, wer vielfältige Erfahrungswerte und Kenntnisse zusammenführen kann. „Innerhalb von EUonAIR profitieren wir davon, dass zehn Hochschulen aus acht Ländern ihre Kompetenzen bündeln“, so Marx.
Der European University on AI in Curricula, Smart UniverCity and (Return) Mobility, so der volle Name von EUonAIR, gehört in Deutschland neben der HTW Berlin auch die Hochschule Heilbronn an. Deren Projektleiterin Isabell Steidel hebt ein Allianz-Ziel hervor: „Ein ethisch verantwortungsvoller Umgang mit KI hat bei unserer europäischen Perspektive besondere Bedeutung.“ Ein Beirat aus Expertinnen und Experten unterstützt die Allianz beim Umgang mit ethischen Fragestellungen, Professorinnen und Professoren forschen zu entsprechenden Themen und es werden Guidelines entwickelt, die den Hochschulangehörigen Orientierung geben.
„Ein wichtiger Punkt ist Transparenz“, sagt Steidel. „Es muss zum Beispiel erkennbar sein, worin die Eigenleistung der Studierenden besteht und wo KI unzulässig eingesetzt wurde.“ Da alle Mitglieder der Allianz als Business Schools oder Technische Hochschulen einen starken Bezug zur Wirtschaftswelt haben, sei es entscheidend, Vorteile und Risiken von KI fürs Berufsleben mitzudenken. „Wir entwickeln unsere Lehre und Formate weiter und stärken damit die kompetente KI-Nutzung ebenso wie die Fähigkeit zum kritischen Denken.“
Studieren mit Avataren und Chatbots
Dieser Anspruch an neue Wege in Forschung und Bildung wird an den zehn Allianzhochschulen von Spanien bis Litauen gelebt – und er findet Ausdruck in einem neuen, virtuellen Campus: der MyAI University. Die Möglichkeiten der Vernetzung werden dort mit Avataren und Chatbots genutzt, um kollaborative KI-Forschung voranzutreiben und moderne, KI-gestützte Lehrkonzepte und Curricula anzuwenden. „Zur MyAI University wird auch eine ‚Return Mobility Assessment Unit‘ gehören, an die sich Studierende, die von einem Auslandsaufenthalt zurückgekehrt sind, unkompliziert wenden können“, erzählt Sarah Marx. Die Unit hat das Ziel, Studierende darin zu unterstützen, ihre im Ausland erworbenen Kompetenzen gezielt und aktiv in ihre Karriereplanung einzubauen.
Die HTW Berlin und die Hochschule Heilbronn machen deutlich, dass sie auch für die jeweilige Stadtgesellschaft konkrete Wirkungen anstreben. „Einer unserer Professoren ist zum Beispiel ein Smart-City-Experte, der schon lange innovative Stadtentwicklungskonzepte vorantreibt“, sagt Marx. „Das trägt zum zentralen EUonAIR-Ziel bei, Universitäten und Städte auch im KI-Zeitalter nachhaltig und im Einklang mit der Umwelt aufzustellen.“
Isabell Steidel berichtet von einer weitreichenden Vernetzung zwischen Stadt und Hochschule Heilbronn: „Wir haben die Allianzarbeit von Anfang an mit der Kommune verknüpft; so ist zum Beispiel der Heilbronner Oberbürgermeister Mitglied unserer EUonAIR-Generalversammlung.“ In Smart City Labs arbeiten Hochschulangehörige zusammen mit externen Stakeholdern unter anderem gemeinsam an der Frage, wie sich die ökologischen Kosten von KI-Nutzung begrenzen lassen. Mit Blick auf die Themen Dialog und Vernetzung heben Isabell Steidel und Sarah Marx die Vorteile des nationalen DAAD-Begleitprogramms der Europäischen Hochschulallianzen hervor. Es stärke den Austausch aller deutschen Allianzhochschulen durch unterschiedliche Formate sowie eine zielgerichtete Öffentlichkeitsarbeit.
Neue KI-Plattform für die europäische Vernetzung
Die Arbeit mit KI eröffnet den Europäischen Hochschulallianzen neue Horizonte. Gerade weil sie Vernetzung stärken, sind die Möglichkeiten Künstlicher Intelligenz für sie interessant. Ein eigenes Tool hat die italienische Universität G. d'Annunzio entwickelt: Mit der Plattform Connect können Forschende der Allianz INGENIUM, zu deren Mitgliedern die Hochschule Karlsruhe zählt, Kooperationsmöglichkeiten schnell und einfach sondieren. Mit dem Start von INGENIUM im Jahr 2023 wurde deutlich, wie die Hochschulen aus verschiedenen Teilen Europas besonders vom KI-Potenzial profitieren können. „Wir mussten uns erst über die europäischen Grenzen hinweg kennenlernen und haben auch zu diesem Zweck gezielt an der Entwicklung von Connect gearbeitet“, erzählt Professor Marcello Costantini von der Universität G. d'Annunzio, der federführend verantwortlich ist.
Mit einem eigenen Algorithmus ist es Costantini und seinem Team gelungen, Datenmassen leicht zugänglich zu machen. Dazu wurden die Veröffentlichungen sämtlicher an den INGENIUM-Hochschulen beteiligter Forschender – insgesamt rund 12.000 Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler – aus einer Datenbank ausgelesen. Auf Connect bietet ein einfaches Suchfeld den Nutzerinnen und Nutzern Zugang zum Datenschatz: Mit einer Texteingabe (bis zu 500 Zeichen) können sie blitzschnell abgleichen, wer passende Forschungsinteressen verfolgt. So lassen sich kurzerhand auch Kolleginnen und Kollegen identifizieren, mit denen sich der Aufbau einer Forschungskooperation lohnt.
Die Möglichkeiten von Connect stehen sogar Hochschulen außerhalb der Allianz offen, da die Plattformstruktur als Open-Source-Lösung übertragen werden kann. Marcello Costantini betont: „Als Europäische Hochschulallianz glauben wir an die grundsätzliche Offenheit der Wissenschaft.“ Der Professor verweist zudem auf einen größeren Kontext: „Das Teilen von Wissen ist wesentlich für die verbindende Kraft der europäischen Kultur über Ländergrenzen hinweg. Diese Offenheit für das Zusammenwirken einzelner Nationen für gemeinsame Ziele ist heutzutage nicht mehr selbstverständlich, aber wir setzen uns als Europäische Hochschulallianz gezielt dafür ein.“
Johannes Göbel (27. Januar 2026)