Europäische Hochschulallianzen: EUPeace und eine besondere Partnerschaft zwischen Marburg und Kyjiw

Dr. Iryna Ivanets und Prof. Dr. Elisabeth Schulte

Die Philipps-Universität Marburg ist Mitglied der Europäischen Hochschulallianz EUPeace (European University for Peace, Justice, and Inclusive Societies), die Kyiv National Economic University (KNEU) deren assoziiertes Mitglied. In Kriegszeiten steht die etablierte Partnerschaft der beiden Hochschulen vor außergewöhnlichen Herausforderungen.

Europa, ein Friedensprojekt – diese Idee hat noch immer Strahlkraft. Ein Kontinent, dessen Staaten sich über Jahrhunderte hinweg bekriegten, kann mittlerweile auch dank der einigenden Wirkung der Europäischen Union auf lange Friedenszeiten zurückblicken. Der völkerrechtswidrige russische Angriffskrieg gegen die Ukraine hat jedoch nun seit mehr als vier Jahren verheerende Folgen an Europas östlicher Grenze.

Unterstützung erhält die Ukraine von zahlreichen europäischen Partnern – auch aus dem Hochschulsektor. Europäische Hochschulallianzen beziehen auf unterschiedliche Weise ukrainische Universitäten mit ein. Die Allianz EUPeace zählt die Kyiv National Economic University (KNEU) und die Nationale Universität Kiew-Mohyla Akademie zu ihren assoziierten Partnern – und nennt Frieden, Gerechtigkeit und inklusive Gesellschaften als ihre übergeordneten Ziele. Doch wie funktioniert die Zusammenarbeit angesichts des Kriegs in der Ukraine?

Starkes Fundament für die Zusammenarbeit

„EUPeace erhält während des Konflikts die Brücken zur Ukraine und stärkt das Fundament der Zusammenarbeit“, sagt Professorin Elisabeth Schulte, die an der Philipps-Universität Marburg das Fachgebiet Institutionenökonomie vertritt. „Diese Brücken haben sich auch als wirksam in der Notfallhilfe erwiesen, etwa durch die Aufnahme geflüchteter ukrainischer Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler an mehreren Universitäten der Allianz.“ Wie auch die Justus-Liebig-Universität Gießen ist die Marburger Hochschule deutsches Mitglied der Europäischen Hochschulallianz. EUPeace verbindet neun Partneruniversitäten und insgesamt mehr als 30 assoziierte Partner weltweit. Elisabeth Schulte ist an ihrer Universität Fachbereichsdelegierte für EUPeace und Mitglied des Senats der Europäischen Hochschulallianz, zudem hat sie ein allianzweites kooperatives Kursangebot initiiert. In Marburg arbeitet sie eng mit ihrer ukrainischen Kollegin Dr. Iryna Ivanets zusammen, die im Mai 2022 an die hessische Universität kam, zwei Monate nach der russischen Vollinvasion.

Iryna Ivanets ist wissenschaftliche Mitarbeiterin in Elisabeth Schultes Forschungsgruppe und zugleich Kontaktperson ihrer Kyjiwer Heimatuniversität KNEU für die Hochschulallianz EUPeace. In Marburg koordiniert sie zudem das Programm „KNEU on the MO:VE“. Es umfasst virtuelle Studienangebote und Unterstützungsstrukturen, die es KNEU-Studierenden ermöglichen, ihr Studium trotz des Krieges fortzusetzen. „Gemeinsam stellen wir verlässliche Strukturen für die Zusammenarbeit zwischen den Universitäten in Marburg und Kyjiw sicher“, erläutert sie. „Als Koordinatorinnen sind Elisabeth Schulte und ich an der Konzeption und Umsetzung aller Maßnahmen beteiligt, sodass die Rahmenbedingungen und Besonderheiten des deutschen und des ukrainischen Hochschulsystems berücksichtigt werden.“ Das reiche von der Entwicklung gemeinsamer Lehrveranstaltungen bis zur Abstimmung von Studienplänen, die zu parallel erworbenen Abschlüssen führen.

Digitalisierung für eine widerstandsfähige Lernumgebung

Die Partnerschaft zwischen der Universität Marburg und der KNEU besteht seit 2008 und bildete sowohl den Ausgangspunkt für die unmittelbare Notfallhilfe als auch für die strategische Weiterentwicklung der Zusammenarbeit. „Auf Grundlage bestehender Verträge, Erfahrung im Studierendenaustausch und verlässlicher Kontakte konnte in der Krise schnell reagiert und die Kooperation effektiv skaliert werden“, hebt Iryna Ivanets hervor. Im Rahmen des MO:VE-Projekts wurden bereits 45 Kurse digitalisiert und eine flexible, widerstandsfähige Lernumgebung geschaffen, von der bislang mehr als 2.800 KNEU-Studierende profitiert haben.

Zugleich wurde die Studierendenmobilität seit Beginn des Krieges deutlich ausgeweitet: 60 KNEU-Studierende konnten seit 2022 ein Austauschsemester an der Universität Marburg absolvieren. Die Zusammenarbeit hat zu einer Harmonisierung der Lehrinhalte und -ziele zwischen beiden Universitäten geführt. „Das erleichtert die gegenseitige Anerkennung von Studienleistungen und unterstützt die Integration der KNEU in den Europäischen Hochschulraum“, sagt Elisabeth Schulte. Die Kooperation beider Universitäten diene der EUPeace-Allianz „als Beispiel für tiefgreifende bilaterale Kooperation weit über traditionelle Austauschprogramme hinaus“.

Die Erfahrungen aus der Entwicklung kooperativer digitaler Studienangebote fördert die Weiterentwicklung ähnlicher Formate innerhalb der Allianz. „Zudem profitiert EUPeace von der Marburger Expertise im Umgang mit einer großen Zahl virtueller Studierender. Die Erfahrungen in der Ukraine verkörpern zentrale Anliegen der Allianz – Konfliktlösung, Gerechtigkeit, Inklusion und Resilienz – und ermöglichen EUPeace direkten Zugang zu gelebten Erfahrungen in diesen Themenfeldern“, sagt Elisabeth Schulte. So hätten ukrainische Hochschulen innovative Wege entwickelt, Forschung, Lehre und Transfer trotz Stromausfällen, Vertreibung und hybriden Lernens unter Kriegsbedingungen aufrechtzuerhalten. Ukrainische und deutsche Hochschulen sind in neun weiteren Europäischen Hochschulallianzen verbunden und profitieren dort auch vom mit Mitteln des Bundesforschungsministeriums finanzierten nationalen Begleitprogramm des DAAD. Es fördert den akademischen Austausch von Studierenden, Forschenden und Hochschulangehörigen beider Länder und stärkt somit nachhaltig die gemeinsamen europäischen Netzwerke.

Wiederaufbau der Ukraine im Blick

Elisabeth Schulte und Iryna Ivanets lenken den Blick auch auf einen Wiederaufbau der Ukraine nach Kriegsende und verweisen auf den EUPeace-Beitrag zur Stärkung akademischer Infrastruktur und Expertise – ein entscheidender Faktor, um die Fachkräfte auszubilden, die das Land in den kommenden Jahren dringend benötigt. Iryna Ivanets unterstreicht: „Ukrainische Studierende erwerben in EUPeace-Kursen Kompetenzen in Verhandlung und Mediation sowie zu Fragen der Übergangsgerechtigkeit und werden damit zu wichtigen Akteurinnen und Akteuren im zukünftigen Friedensprozess. Die Ukraine wird Infrastruktur erneuern, Curricula zu Trauma und Versöhnung anpassen und vertriebene Gemeinschaften reintegrieren müssen – Bereiche, in denen EUPeace technische Expertise und Partnerschaftsmodelle bereitstellen kann.“

Johannes Göbel (12. März 2026)

 

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