Wenn Netzwerke Zukunft schaffen

Teilnehmende des EMNET-Projekts in Äthiopien.

107 Jahre: So lange könnte es laut dem Global Gender Gap Report 2025 des World Economic Forum noch dauern, bis Frauen und Männer in Subsahara-Afrika die gleichen Chancen haben. Dieses Ungleichgewicht zeigt sich ausgerechnet auch in Bereichen wie dem Logistiksektor, die für die wirtschaftliche Entwicklung von Ländern des Globalen Südens von zentraler Bedeutung sind. Das deutsch-äthiopische Kooperationsprojekt EMNET zeigt, wie echter Wandel aussehen kann.

EMNET steht für „Empowering Women in Logistics Networks in Ethiopia“ und verbindet das Fachgebiet der Logistik an der Technischen Universität Berlin (TU) mit der Addis Ababa University und teilnehmenden Praxispartnern. EMNET will den Wandel hin zu einer gleichberechtigten Gesellschaft beschleunigen und setzt dazu auf eine „faire und nachhaltige Industrialisierung von Schwellenländern durch Logistik“, wie Professor Dr.-Ing. Frank Straube von der TU Berlin erklärt. Straube initiierte EMNET 2023 als Kooperationsprojekt von Wirtschaft und Wissenschaft. „Wissenstransfer ist nicht als Einbahnstraße zu verstehen, sondern als Zusammenarbeit, durch die beide Seiten Innovationen erzeugen“, sagt er. Sein wissenschaftlicher Mitarbeiter Martin Harz-Vrátil koordiniert das Projekt. Auf äthiopischer Seite betreuen es Bezawit Negash, Mitarbeiterin an der School of Pharmacy, und Dr. Shiferaw Mitiku von der School of Commerce.

Mehr als individuelle Förderung

Wer verstehen will, worum es bei EMNET geht, landet schnell bei einem Unternehmen in Addis Abeba, das aus Plastikmüll Bausteine für Schulen und Kindergärten herstellt. Die Organisation der Sammelwege, die Sortierung der Materialien und die Weiterverarbeitung zu neuen Produkten sind klassische Aufgaben der Logistik. Gesammelt, sortiert und verarbeitet wird der Müll überwiegend von Frauen, die strategische Leitung der Betriebe liegt meist bei Männern. Circular Economy ist hier nicht nur eine Umweltfrage. Sie zeigt auch, wer die Arbeit macht – und wer am Ende entscheidet.

„In Deutschland ist man sich der Wechselwirkung zwischen einer männerdominierten Logistik, dem Potenzial des zirkulären Wirtschaftens und einem bewussten Female Empowerment durchaus bewusst“, sagt Projektkoordinator Martin Harz-Vrátil. In Äthiopien zeige sich, dass es noch viel Handlungs- und Forschungsbedarf gebe. Daher nimmt das Projekt vor allem Studentinnen, Entrepreneurinnen und Managerinnen in den Fokus. Wer Circular Economy durch Logistik voranbringen will, muss Frauen ermächtigen, unterstützen und ein förderliches Umfeld schaffen – und stärkt damit eine klimaresiliente grüne Wirtschaft.

Ermöglicht wird das Projekt durch eine Förderung des DAAD aus Mitteln des Bundesministeriums für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung, die Kühne-Stiftung sowie Hochschul- und Praxispartner in Deutschland und Äthiopien. EMNET unterstützt junge Frauen dabei, Führungsaufgaben in Logistik und zirkulären Geschäftsmodellen zu übernehmen. Das passiert durch anwendungsorientierte Forschung, ein Mentoring-Programm, ein internationales Forschungssemester sowie den direkten Austausch mit Unternehmen und Praxispartnern aus der Industrie. Dadurch sollen fachliche Kompetenzen gestärkt, internationale Netzwerke aufgebaut und Zugang zu beruflichen Chancen erleichtert werden.

Bezawit Negash

Mitarbeiterin Bezawit Negash kennt die Herausforderungen aus eigener Erfahrung. Als sie selbst einst kurz nach ihrem Masterabschluss nach einer Mentorin gesucht habe, bekam sie die Antwort, sie sei zu jung, um Karriere zu machen. Jahre später erhielt sie die Einladung, an einem Programm mitzuwirken, das genau solche Hürden abbauen soll. „Es fühlte sich an wie eine Berufung“, sagt sie. Heute koordiniert Negash EMNET auf äthiopischer Seite und begleitet junge Frauen als Mentorin. Auf die rund 25 Plätze pro Jahrgang kommen inzwischen mehr als 100 Bewerbungen.

Workshops zu Klimawandel, Digitalisierung, Geschlechtergerechtigkeit

Das Programm hinter EMNET ist ein Geflecht aus Begegnungen. Seit Beginn des Projekts begleiteten mehr als 40 Mentorinnen und Mentoren insgesamt rund 65 Mentees für neun bis zwölf Monate. Mehr als 80 Prozent der Teilnehmerinnen gaben später an, dass die Unterstützung einen positiven Einfluss auf ihre Karriere- und Zukunftsplanung hatte. 48 Studierende aus Berlin und Addis Abeba arbeiteten gemeinsam an Fallstudien zu Logistik, Circular Economy und Gleichstellung. 91 Prozent der Befragten nennen die internationale Zusammenarbeit und die Netzwerke als zentralen Mehrwert des Programms. Im internationalen Forschungssemester arbeiteten sie über Ländergrenzen hinweg an konkreten Fragestellungen aus Wissenschaft und Praxis. Workshops zu Klimawandel, Digitalisierung oder Geschlechtergerechtigkeit brachten Hochschulen, Unternehmen und junge Fachkräfte an einen Tisch – mehr als 125 Vertreterinnen und Vertreter aus Unternehmen beteiligten sich daran.

Genau die Kontakte, die Frauen oft fehlen, werden durch EMNET systematisch aufgebaut. Doch Ende des Jahres endet das Projekt. Was bleibt, sind Partnerschaften zwischen Hochschulen und Unternehmen sowie ein Netzwerk, gewachsen zwischen Berlin und Addis Abeba. Die Grundlage ist geschaffen. Doch Bedarf besteht nicht nur in Äthiopien.

Sarah Kanning (19. Juni 2026)

 

Verwandte Themen