Europäische Hochschulallianzen: Wissenschaftskommunikation für den Kontinent
Wissenschaftskommunikation für die Zukunftsfähigkeit der europäischen Gesellschaften: Wie wichtig die Vermittlung ihres Wirkens an die Öffentlichkeit ist, unterstreichen mehrere Aktivitäten der Europäischen Hochschulallianzen.
Wie können Häuser mithilfe piezoelektrischer Materialien Energie für den Eigenbedarf erzeugen? Welches Potenzial hat Biokohle als CO2-Speicher? Und wie können sich Studierende in der European University Alliance on Responsible Consumption and Production (EURECA-PRO) aktiv engagieren? Die Podcastreihe „Committed to Planet A“ der Allianz will Neugier auf innovative Forschungsansätze rund um Nachhaltigkeit wecken und zum Mitmachen einladen. „Uns geht es darum, Nachhaltigkeitsthemen und deren wissenschaftliche Bearbeitung verständlich und zugänglich zu vermitteln – und so Menschen dazu zu bewegen, ihr Verhalten im Alltag und im Beruf zu ändern“, sagt Dr. Cornelius Hagenmeier, Referent Internationalisierung der Hochschule Mittweida.
Die Europäische Hochschulallianz EURECA-PRO, der die sächsischen Hochschulen Mittweida und TU Bergakademie Freiberg angehören, will in der interdisziplinären Forschung zu nachhaltiger Produktion und verantwortungsvollem Konsum führend werden. Ihre Arbeit stellen Forschende der neun Partnerhochschulen aus acht Ländern auch in einer gemeinsamen Videoserie vor. Bei mehreren EURECA-PRO Science Slams konnten so auch die Bürgerinnen und Bürger in Sachsen schon direkt mit Forschenden ins Gespräch kommen, bei Livemusik, Snacks und Getränken. „Während der Science Slams wird immer viel gelacht, sie zeigen, dass Wissenschaft auch Spaß macht“, erzählt Hagenmeier. Wichtig sei, dass die Allianz in ihrer Wissenschaftskommunikation Nachhaltigkeitsthemen immer in den größeren Zusammenhang stelle – mit Fokus auf ihren Wert für Europa. So ging es auch bei einem „Erasmus Pub Quiz“ im Oktober 2025, das viele Einwohnerinnen und Einwohner Mittweidas in die Hochschulmensa lockte, um Fragen zu Nachhaltigkeit und Europa.
Kommunikation für die „Third Mission“
Wissenschaftskommunikation hat für die Europäischen Hochschulallianzen besondere Bedeutung. Denn die Netzwerke, die aus der EU-Initiative Europäische Hochschulen mit Erasmus+ Mitteln gefördert werden, erproben nicht nur in Lehre und Forschung neue Kooperationsmodelle. Ein zentrales Ziel ist auch, die „Third Mission“, also die innovationsfördernde Zusammenarbeit mit Wirtschaft und Gesellschaft, auf eine neue Ebene zu heben. Die Menschen müssten wissenschaftliche Fragestellungen verstehen und der Wissenschaft vertrauen können, dann seien sie dazu bereit, Innovationen zu unterstützen, sagt Birgit Siebe-Herbig, Leiterin des Referats Forschung und Internationalisierung, Hochschulnetzwerke im DAAD. „Wissenschaftskommunikation ist deshalb eine Investition in die Zukunftsfähigkeit von Gesellschaften. Es ist von zentraler Bedeutung, relevante Forschungsergebnisse sichtbar zu machen, Kommunen und NGOs einzubeziehen und Bürgerinnen und Bürgern Teilhabe zu ermöglichen.“
Die Ansätze und Formate seien so vielfältig wie die Netzwerke selbst. Die Allianz European Campus of City-Universities (EC2U), der die Friedrich-Schiller-Universität Jena angehört, hat zum Beispiel ein internationales Forschungsprojekt an Schulen in Deutschland, Frankreich und Rumänien ins Leben gerufen. Einen eigenen Preis für Promovierende, die die Bedeutung ihrer Forschung für Gesellschaft, Wirtschaft oder Umwelt prägnant darstellen, verleiht die Allianz Una Europa, an der die Freie Universität Berlin beteiligt ist. Zu gewinnen gibt es einen Auftritt auf der „Inspiration Stage“ der Berlin Science Week.
„Data Storytelling“ für europaweite Vernetzung
Ein innovativer Ansatz der Wissenschaftskommunikation ist auch „Data Storytelling“, also das öffentlichkeitswirksame Präsentieren von Datensätzen, -analysen und -geschichten. Mit ihrem Data Story Center gibt die Universität Bielefeld Lehrenden und Studierenden die Möglichkeit, eigene Datengeschichten zu veröffentlichen. „Menschen sind heute einer Flut von Desinformation ausgesetzt, gerade auch in sozialen Medien“, sagt Dr. Katharina Weiß, Geschäftsführerin des Bielefeld Center for Data Science und Managerin der Scientific Data Services der Universität. „Fake News tragen dazu bei, gesellschaftliche Debatten immer weiter aufzuheizen, und gefährden dadurch die Demokratie. Umso wichtiger ist es, aufzuzeigen, dass wissenschaftliche Daten eine fundierte Grundlage für Handlungsentscheidungen bieten – sowohl im persönlichen als auch im politischen Bereich.“ Die Klimakrise und die Coronapandemie verdeutlichten, wie wichtig datengeleitetes Handeln sei. Neben Datengeschichten bietet das Data Story Center auch Fachliteratur und Best-Practice-Beispiele. „Ein Fokus liegt darauf, Studierende dazu zu befähigen, selbst Data Stories zu erstellen“, sagt Weiß. In interdisziplinären und fachspezifischen Seminaren im Sommersemester 2025 entstanden unter anderem Data Stories über Fatigue bei Studierenden und über Fahrradunfälle in Bielefeld.
Die Universität ist Teil der Allianz Transforming Regions for an Inclusive Europe (NEOLAiA), in der neun Hochschulen in EU-Regionen jenseits der großen Metropolen zusammenarbeiten. Gemeinsam wollen sie ein offenes und inklusives Bildungs- und Sozialumfeld schaffen, das Gerechtigkeit an der Universität und in der europäischen Gesellschaft insgesamt fördert. Damit die Partnerhochschulen, von denen einige ebenfalls Data Storytelling nutzen, auf das Data Story Center zugreifen können, sind dessen Inhalte seit Kurzem auch auf Englisch abrufbar. Für die Zukunft sind europaweite Kooperationen geplant: Vorstellbar, so Weiß, wären etwa hochschulübergreifende Seminare und die Erstellung gemeinsamer Datengeschichten.
Unterstützung durch das nationale Begleitprogramm des DAAD
Der DAAD bietet für die insgesamt 67 deutschen Hochschulen, die an Europäischen Hochschulallianzen beteiligt sind, ein nationales Begleitprogramm. Dank der zusätzlichen Mittel könne die Hochschule Mittweida Englischkurse und interkulturelle Trainings anbieten und so die Kommunikation mit Allianzpartnern verbessern, sagt Cornelius Hagenmeier: „Ohne die Förderung könnten wir uns nicht so aktiv an EURECA-PRO beteiligen.“ Der DAAD unterstützt die deutschen Hochschulen auch unmittelbar in der Wissenschaftskommunikation: Jedes Jahr organisiert er eine Themenwoche rund um den Europatag am 9. Mai, die der Öffentlichkeit Einblicke in die Arbeit der Allianzen gibt.
Im Rahmen des nationalen Begleitprogramms organisiert der DAAD zudem ein Jahrestreffen und regelmäßige Online-Foren, auf denen die deutschen Allianzhochschulen ihre Erfahrungen austauschen. Diese Treffen seien sehr bereichernd und eröffneten neue Perspektiven auf die eigene Arbeit, meint Cornelius Hagenmeier: „Dort habe ich schon sehr hilfreiche Tipps bekommen und auch selbst Impulsvorträge gehalten. Ich freue mich schon auf das nächste Treffen im Dezember!“
Miriam Hoffmeyer (13. November 2025)