„Ein geschwächtes US-Wissenschaftssystem ist auch für Deutschland schlecht“

Nahaufnahme der Bronzestatue Alma Mater vor der Bibliothek der Columbia University mit ionischen Säulen im Hintergrund.

Die aktuelle Situation an US-amerikanischen Hochschulen ist angespannt. Das weltweit renommierte Wissenschaftssystem leidet unter deutlichen finanziellen Einschnitten und den Auswirkungen einer restriktiveren Visavergabe für internationale Studierende. Was bedeutet dies für die Arbeit des DAAD? Es berichten Dr. Zahar Barth-Manzoori, Direktorin des DWIH San Francisco, und Christian Strowa, Leiter der DAAD-Außenstelle New York.

Frau Dr. Barth-Manzoori, Herr Strowa, bezogen auf die aktuelle Lage an US-Hochschulen: Welche Fragen und Sorgen erreichen Sie derzeit von DAAD-Geförderten, von deutschen und amerikanischen Studierenden, Forschenden oder Partnerinstitutionen?

Christian Strowa: Die letzten Monate waren von einem hohen Grad an Unsicherheit und Disruption geprägt. Das zieht sich durch alle Ebenen der Hochschulen, angefangen von Fragen zu staatlichen Fördermitteln über Visafragen, die Finanzierung von Stellen und die Durchführbarkeit ganz konkreter Forschungsvorhaben. Das betrifft nicht nur internationale Studierende und Forschende, auch wenn uns hier insbesondere Visa- und Einreisefragen aktuell besonders beschäftigen.

Zahar Barth-Manzoori: Ich kann das bestätigen. Insgesamt sind Studierende und Forschende verunsichert, was ihre Einreise und ihren Aufenthalt in den USA betrifft. Dass es zu echten Problemen bei der Einreise kommt, ist aber bisher die Ausnahme.

Leidet das Image der USA als Studien- und Forschungsstandort?

Christian Strowa: Es ist bereits erkennbar, dass insbesondere Drittstaatsangehörige sich verstärkt nach Alternativen umschauen. Damit gemeint sind Studierende und Forschende von außerhalb der USA, die sich derzeit zum Studium in den USA aufhalten und sich nun überlegen, ob sie ihr Studium oder ihre Forschung anderswo fortsetzen – oder einen geplanten Aufenthalt in den USA stattdessen in einem anderen Land antreten.

Da ist natürlich auch Deutschland ein attraktiver Zielort.

Zahar Barth-Manzoori: Das stimmt; Deutschland ist bereits jetzt ein attraktiver Zielort für internationale Studierende und kann das ausbauen. Aber es geht hier gar nicht um eine Konkurrenz zwischen Deutschland und den USA, sondern vor allem um die Partnerschaft zwischen den beiden Wissenschaftssystemen. Gemeinsam mit unseren Partnerinstitutionen machen wir uns deshalb dafür stark, transatlantische Partnerschaften aufrechtzuerhalten. In der Beratung betonen wir, dass letztlich die Entscheidung für oder gegen einen akademischen Aufenthalt in den USA immer ein – auch subjektives – Abwägen ist.

Welche aktuellen Entwicklungen gibt es bei Visa- und Einreisebestimmungen für deutsche und internationale Studierende und Forschende?

Christian Strowa: Nach einem zwischenzeitlichen Stopp werden Visatermine jetzt wieder vergeben und zahlreiche für die USA ausgewählte Geförderte haben,  Stand heute, auch schon ihren Visatermin beziehungsweise ihr Visum. Bei den Visa-Interviews wird etwa nach dem Forschungsvorhaben und der anvisierten Aufenthaltsdauer gefragt. In einem nächsten Schritt kommt es dann zum sogenannten „enhanced screening“: Das heißt, die Online-Aktivitäten der Antragstellenden werden durchgesehen. Vereinfacht wird das oft auch als Social Media-Überprüfung bezeichnet, es beschränkt sich aber nicht zwangsläufig nur auf Beiträge in den sozialen Medien.

 

Mann im Anzug steht vor einem Fenster mit Blick auf die Skyline von New York City bei Sonnenuntergang, inklusive UN-Gebäude und East River.

Gibt es auf Bundesstaatenebene in den USA relevante Entwicklungen, die wir in den deutschen Medien nicht mitbekommen?

Christian Strowa: Neben den zahlreichen Protesten, die man zum Beispiel im Stadtbild von New York und San Francisco durchaus sieht, gibt es auch auf Bundesstaatenebene Förder- und Unterstützungsmöglichkeiten, die nicht unmittelbar aus Washington gesteuert werden. Beispielsweise hat Kalifornien die Unterstützung für die staatlichen kalifornischen Universitäten ausgeweitet, auch finanziell. Und in New York gibt es schon seit einiger Zeit ein bundesstaatlich finanziertes Stipendienprogramm, das jetzt natürlich noch einmal stärker nachgefragt wird. Auf der anderen Seite standen die Universitäten in manchen Bundesstaaten, je nach politischer und hochschulpolitischer Ausrichtung, schon vor dem Amtsantritt Donald Trumps stark unter Druck, beispielsweise in Florida.

Zahar Barth-Manzoori: Hinzu kommen private Mittel, sei es aus der Industrie oder von vermögenden, philanthropisch orientierten Spendern. Insbesondere im Bereich der angewandten Forschung ist Förderung aus nicht-staatlichen Mitteln in den wirtschaftsstarken Regionen schon immer sehr relevant gewesen.

Porträt einer Frau mit mittellangem, dunklem Haar, grauem Blazer und freundlichem Lächeln vor weißem Hintergrund.

Welche Chancen und Herausforderungen bringen die Restriktionen für US-Universitäten für Deutschland mit sich? Was bedeutet dies aus Ihrer Sicht für die Arbeit des DAAD?

Christian Strowa: Unsere Arbeit ist wichtiger als je zuvor. Gerade jetzt geht es darum, die transatlantischen Wissenschaftsbeziehungen zu stärken, als verlässlicher Partner aufzutreten und gemeinsame, bilaterale Initiativen voranzutreiben. Ein geschwächtes US-Wissenschaftssystem ist auch für Deutschland schlecht, und die langjährigen Hochschul- und Wissenschaftskontakte zwischen Deutschland und den USA werden hierzulande weiterhin sehr geschätzt. Wir sind in letzter Zeit viel unterwegs gewesen im Land und haben immer wieder gesehen: Das Interesse an Deutschland ist hoch, und unsere Förder- und Unterstützungsmöglichkeiten werden positiv wahrgenommen.  

Was können deutsche Hochschulen unternehmen, um den bedrängten US-Institutionen beizustehen?

Zahar Barth-Manzoori: Wir empfehlen, die bestehenden Partnerschaften fortzuführen und nicht von vornherein zu politisieren – auch um diejenigen Kooperationen zu schützen, die im Augenblick noch nicht von Einschränkungen betroffen sind und sonst unter Generalverdacht gelangen könnten. Von daher wäre unsere Empfehlung, weiterzumachen, und wenn Probleme auftreten, zu überlegen, wie damit umgegangen werden kann. Der DAAD steht den deutschen Hochschulen hier beratend zur Seite.

Christian Strowa: Vor-Ort-Gespräche und -Kontakte sind aktuell enorm wichtig. Unsere Erfahrung ist, dass man gerade jetzt das Face-to-Face-Gespräch schätzt und dass es trotz aller finanzieller Einschränkungen viel Potenzial für gemeinsame Aktivitäten wie Austauschvereinbarungen und gemeinsame Forschungsaktivitäten gibt. Es wäre ein großer Fehler, jetzt zu sagen: Die nächsten vier Jahre lassen wir das USA-Geschäft ruhen.

Wie schätzen Sie die mittelfristigen Perspektiven für den transatlantischen Austausch und die Wissenschaftskooperation ein? Welche Rolle kann der DAAD – auch angesichts der aktuellen politischen Lage – spielen, um diesen Austausch zu sichern oder auszubauen?

Zahar Barth-Manzoori: Der DAAD spielt hier eine Schlüsselrolle: Seit 100 Jahren fördert er nicht nur den akademischen Austausch, sondern stärkt Vertrauen, gegenseitigen Respekt und gemeinsame Visionen in der internationalen Wissenschaftsgemeinschaft. Diese langfristigen Beziehungen sind ein Fundament für eine resiliente transatlantische Zusammenarbeit. Die Wirkung unserer Arbeit zeigt sich nicht nur im Rahmen einer Science Diplomacy, sondern auch darin, dass wir Menschen ausbilden, die als Brückenbauerinnen und -bauer wirken – als Alumnae und Alumni, Forscherinnen und Forscher sowie Entscheidungsträgerinnen und -träger von morgen.

Interview: Klaus Lüber (28.August 2025)

 

 


 

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