Ta’ziz Partnerschaft: Netzwerke von der Bioinformatik bis zur Geschichte der Pharmazie

Ta’ziz Partnerschaft

Ein starkes Netzwerk in den Lebenswissenschaften profitiert von der DAAD-Förderung durch das Programm Ta’ziz Partnerschaft. Hochschulen und Forschungseinrichtungen aus Deutschland, Ägypten, dem Libanon, Tunesien und Marokko kooperieren zu wegweisenden medizinischen Lösungen. Ein weiteres Projekt stärkt die deutsche Zusammenarbeit mit der MENA-Region in den Feldern Islamwissenschaft und Archäologie.

Die rasanten Fortschritte in der Bioinformatik könnten die Medizin revolutionieren: Mithilfe von Künstlicher Intelligenz lassen sich riesige Mengen biologischer Daten analysieren und Muster darin erkennen. Auf dieser Grundlage könnten Diagnosen künftig weit früher gestellt werden und Patientinnen und Patienten effektivere, nebenwirkungsärmere Therapien erhalten, die genau auf ihre genetischen Eigenschaften abgestimmt sind. Um die Forschung in diesem Bereich zu stärken, wurde 2023 das interdisziplinäre „German Arab Network for Computational Life Science“ (GARN-CLS) ins Leben gerufen, in dem Hochschulen und Forschungseinrichtungen aus Deutschland, Ägypten, dem Libanon, Tunesien und Marokko zusammenarbeiten.

Expertise in Bioinformatik sowie modernen KI-Methoden und -Technologien bringen Forschende der Universitätsmedizin Rostock, der Universität Göttingen, der Deutschen Universität in Kairo (GUC), des Institut Pasteur de Tunis, des Institut Pasteur du Maroc und des ägyptischen Bioinformatik-Netzwerks „EgCompBio Community“ in die Kooperation ein. Ihre Kolleginnen und Kollegen an der Amerikanischen Universität Beirut (AUB) und der German International University (GIU) in Kairo kommen aus der Biologie und der Klinischen Medizin, ihre Forschungsschwerpunkte sind die Entstehung von Krebs und neuromuskulären Erkrankungen. „Die Zusammenarbeit ist unglaublich bereichernd“, sagt die Medizinprofessorin Hiba El Hajj von der AUB. Forschende und Studierende ihrer Hochschule hätten viel Wissen und technische Fähigkeiten in Bioinformatik erworben: „Dadurch kann ich meine RNA-Sequenzierungsdaten jetzt effektiver analysieren.“

Zahlreiche Studierende und Forschende engagieren sich

Gefördert wird das Netzwerk durch das DAAD-Programm Ta’ziz Partnerschaft, das mit Mitteln des Auswärtigen Amts die Zusammenarbeit deutscher Hochschulen mit Partnern im Nahen Osten und in Nordafrika unterstützt. „Die Projekte der Programmlinie Wissenschaftskooperationen haben das Ziel, einen Beitrag zu Strukturveränderungen in den Wissenschaftssystemen der Partnerländer zu leisten“, sagt Andrea Gerecke vom DAAD. Im Rahmen von GARN-CLS wurde eine Reihe von Vorhaben bereits umgesetzt: So entwickelten die Partner Curricula für zwei gemeinsame Studiengänge in Bioinformatik und Genomic Medicine; der Masterstudiengang Bioinformatik soll im Frühjahr 2026 an der AUB und der GIU starten. Außerdem wurde ein Expertenausschuss für multidisziplinäre Forschungsbereiche gebildet, der über Beförderungen von Forschenden bei den arabischen Partnerinstitutionen mitentscheidet. In Tunesien wird derzeit mit Unterstützung von GARN-CLS die Gründung eines Bioinformatik-Netzwerks nach ägyptischem Vorbild vorbereitet; auch im Libanon ist ein solches nationales Forschungsnetzwerk geplant. An den zahlreichen Aktivitäten von Garn-CLS – darunter bisher sechs Workshops, ein großes Symposium und zwei Hackathons – nahmen mehr als 600 Forschende und Studierende teil.

„Da wir zu allen Veranstaltungen auch Forschende anderer Hochschulen in Europa und der arabischen Welt einladen, können die Teilnehmenden ihre Netzwerke erweitern“, sagt Dr. Mohamed Hamed Fahmy von der Universitätsmedizin Rostock, der GARN-CLS auf deutscher Seite koordiniert. Dadurch seien schon zwei weitere deutsch-arabische Wissenschaftskooperationen im Bereich Bioinformatik angestoßen worden. Verbindungen wolle man aber nicht nur auf wissenschaftlicher, sondern auch auf sozialer und politischer Ebene aufbauen: „Deshalb teilen wir unser Wissen auf Online-Veranstaltungen mit der Öffentlichkeit in den Partnerländern.“

Interdisziplinäre Wissenschaftskooperation mit Geschichtsbezug

Auch das Ta’ziz-Projekt der Philipps-Universität Marburg „Dealing with Material Culture in the Eastern Mediterranean. Between Excavation and Digitization“ setzt auf öffentliche Vorträge, sowohl vor Ort als auch online, um ihre Ergebnisse in Deutschland und den Partnerländern Ägypten und Libanon zu kommunizieren. Thema der interdisziplinären Wissenschaftskooperation ist die materielle Kultur im östlichen Mittelmeer in verschiedenen Epochen, von der Pharaonenzeit über die griechisch-römische Antike bis zum arabisch-islamischen Mittelalter. Materielle Objekte könnten im Laufe der Zeit kulturelle und religiöse Umdeutungen erfahren, erläutert der Islamwissenschaftler Professor Albrecht Fuess von der Philipps-Universität Marburg: „Bei manchen Objekten lässt sich ihr ‚soziales Leben‘ von der Herstellung bis heute nachvollziehen. So finden sich Steine mit pharaonischen Hieroglyphen in der Stadtmauer von Kairo, die während des mittelalterlichen Fatimiden-Kalifats gebaut wurde.“

Ta’ziz Partnerschaft

Die Kooperation mit der Ain-Schams-Universität in Kairo, der Alexandria Universität sowie der AUB umfasst die Fächer Islamwissenschaft, Archäologie sowie Geschichte der Pharmazie und Medizin. „Wir wollten die Komfortzonen unserer Fachgebiete verlassen, um unsere Horizonte zu erweitern, und junge Forschende und Studierende der beteiligten Hochschulen auf diesen Weg mitnehmen“, sagt Fuess. Der Austausch sei für beide Seiten sehr lohnend: „Die Kolleginnen und Kollegen in den Partnerländern haben einen engen, gewachsenen Bezug zu ihren materiellen Kulturen. Wir bringen unsere frische Außenperspektive und eine gute technische Ausstattung ein.“

Digitalisierung spielt bei der Kooperation eine wichtige Rolle. Insbesondere die Forschung an mittelalterlichen islamischen Handschriften profitiert stark davon, dass ein viel schnellerer Zugriff auf eine weit größere Anzahl von Quellen möglich wird. „Im Mittelpunkt der Zusammenarbeit steht das 2023 gegründete Digitalisierungslabor an unserer Hochschule, das als Drehscheibe für Schulungen und Forschung fungiert“, sagt der Ägyptologe Professor Mamdouh Eldamaty von der Ain-Schams-Universität. Das Labor ging aus einem DAAD-geförderten Vorgängerprojekt hervor.

„Durch das Projekt sind persönliche Netzwerke entstanden, auch unter Studierenden, die bestehen bleiben“, sagt Albrecht Fuess. Ihre jährlichen gemeinsamen Herbstschulen wollen die beteiligten Hochschulen auch nach dem Auslaufen des Ta’ziz-Programms Ende 2025 nach Möglichkeit weiter anbieten. Zudem ist ein gemeinsames Masterprogramm im Bereich Digitalisierung und Handschriftenkunde in Planung. Auch die Partner des Bioinformatik-Netzwerks GARN-CLS wollen ihren Austausch in den Bereichen Forschung, Ausbildung und Kapazitätsausbau unbedingt fortsetzen. Sie haben daher bereits Förderanträge bei deutschen, europäischen und US-amerikanischen Institutionen eingereicht.

Miriam Hoffmeyer (19. August 2025)

 

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