Taʼziz Netzwerke: Brücken in die Gesellschaft bauen
Bürgerbeteiligung und Nachhaltigkeitsprojekte: Wie die Programmlinie „Netzwerke“ des Taʼziz Programms partizipative Prozesse fördert und damit die Demokratie stärkt, zeigen Projektbeispiele in Ägypten, Tunesien und dem Irak.
Die Autonome Region Kurdistan im Nordirak hat sich in den vergangenen Jahren rasant entwickelt. Die besseren Lebensbedingungen haben viele Menschen aus anderen Landesteilen angezogen, zahlreiche Bau- und Infrastrukturprojekte sind derzeit in Planung. Die Menschen, die davon betroffen sind, haben allerdings kaum Einfluss darauf, was wo gebaut wird. „In der irakischen Politik und Verwaltung herrscht traditionell eine Top-Down-Kultur vor, auch in der Stadt- und Regionalplanung“, sagt Dr. Basheer Saeed, Leiter der Abteilung für Raumplanung an der Universität Dohuk (UoD). „Bürgerinnen und Bürger werden in der Regel nicht eingebunden, sondern erst dann über ein Projekt informiert, wenn die Planung schon weit fortgeschritten ist.“ Das führe zu Unzufriedenheit und oft auch zu langwierigen Rechtsstreitigkeiten. Partizipative Planungsprozesse, meint Saeed, könnten einen wichtigen Beitrag dazu leisten, das Vertrauen in die noch jungen demokratischen Institutionen im Irak zu stärken: „Sie sind so etwas wie Mini-Labore der Demokratie.“
Die UoD und die Technische Universität (TU) Dortmund, die seit mehr als 15 Jahren eng zusammenarbeiten, werben seit 2023 in ihrem gemeinsamen Projekt „Strengthening Participatory Planning and Local Community Development in the Kurdistan Region“ für mehr Bürgerbeteiligung in der Stadt- und Regionalplanung. Seit 2023 fanden zahlreiche Veranstaltungen und Trainings statt. Die Hochschule habe dadurch viele neue Kontakte zu Ministerien, Behörden und Nichtregierungsorganisationen (NGO) knüpfen können, auch auf den obersten Ebenen, erzählt Dr. Laila Raswol, Dekanin des College of City and Regional Planning an der UoD, das 2009 mit DAAD-Unterstützung gegründet worden ist. „Es ist eine große Herausforderung, die Verantwortlichen davon zu überzeugen, dass sich Partizipation lohnt“, sagt sie. „Aber inzwischen gehen Verwaltungen und NGOs aktiv auf uns zu, um sich zum Thema Partizipation beraten zu lassen. Wenn alle Betroffenen mit ihren Wünschen und unterschiedlichen Interessen von Anfang an in die Entscheidungsfindung eingebunden werden, entstehen nicht nur bessere Projekte, es gibt auch weniger Konflikte.“
Das Projekt wird durch das DAAD-Programm Ta’ziz Partnerschaft in der Programmlinie „Netzwerke“ gefördert, das aus Mitteln des Auswärtigen Amts die Zusammenarbeit deutscher Hochschulen mit Partnern im Nahen Osten und in Nordafrika unterstützt. Ziel ist es, die Wissenschaftsfreiheit und partizipative Ansätze zu stärken und wissenschaftliche Erkenntnisse in die Gesellschaften zu kommunizieren, um positive Veränderungen mit anzustoßen. Deshalb sind immer auch externe Akteure in die Projekte eingebunden. „Wissenschaftskommunikation ist in der Ta’ziz Partnerschaft ein zentrales Mittel, um nachhaltigen Dialog, gesellschaftlichen Wandel und internationale Kooperation zu ermöglichen“, sagt Monika Brodke, die beim DAAD für Kooperationsprojekte in Nahost, Asien, Afrika und Lateinamerika mitverantwortlich ist.
In Dohuk planen die Projektpartner derzeit eine Workshop-Reihe für Managerinnen und Manager der großen Flüchtlingslager rund um die Stadt. Dort leben insgesamt rund 100.000 Binnenflüchtlinge, von denen viele voraussichtlich in ihre Herkunftsregionen zurückkehren werden. Seit Jahren seien die Geflüchteten von den Entscheidungen anderer abhängig, sagt Dr. Johannes Lückenkötter von der TU Dortmund: „Viele müssen erst wieder lernen, ein selbstbestimmtes Leben zu führen. Über die Schulungen wollen wir erreichen, dass die Menschen aktiv in Entscheidungen über die künftige Entwicklung ihrer Camps, aber auch über den Wiederaufbau in ihrer Heimat eingebunden werden.“ Im November 2025, kurz vor dem Auslaufen der Ta’ziz Partnerschaft Ende des Jahres, soll an der UoD das neue „Zentrum für partizipative Planung und Entwicklung“ eröffnet werden. Das Zentrum wird Beratung und Training zum Thema Partizipation anbieten und das entstandene Netzwerk pflegen und erweitern.
Brücken zur Gesellschaft schlagen
Verschiedene Facetten von Nachhaltigkeit stehen im Mittelpunkt des Ta’ziz Netzwerks „GreenMuseum Hub: Sustainabale Futures for Museums and Heritage Sites“ der Julius-Maximilians-Universität Würzburg, der Helwan Universität (HU) Kairo in Ägypten und der Universität Manouba (UM) in Tunesien. „Nachhaltige Entwicklung ist ein Querschnittsthema, das ökologische und ökonomische Aspekte ebenso umfasst wie soziale und kulturelle“, sagt Professor Guido Fackler von der Universität Würzburg. „Das bietet die Chance, ganz unterschiedliche Blickwinkel einzubeziehen. Jede Partnerhochschule lernt von den anderen.“ Das Themenspektrum reiche von Photovoltaikanlagen auf historischen Gebäuden bis zur Frage, wie Museen Menschen aus unterschiedlichen Bevölkerungsgruppen anziehen können: „Nach heutigem Verständnis gehört zur Museumsarbeit ja nicht nur das Sammeln, Vermitteln, Erforschen und Bewahren, sondern auch die Zusammenarbeit mit den Communities, das heißt Brücken zur Gesellschaft zu schlagen.“
Zu dem internationalen Netzwerk gehören neben den drei Hochschulen 23 weitere Partner – vor allem Museen und Kulturerbe-Stätten, aber auch Agenturen, Behörden und NGOs. Die jährlichen Netzwerktreffen sind immer mit „Green Museum Camps“ für die örtlichen Studierenden verbunden. Die drei Hochschulen veranstalten außerdem regelmäßig Workshops und Online-Lectures und betreuen gemeinsam Masterarbeiten zu Nachhaltigkeitsthemen. Derzeit erarbeiten Studierendengruppen in Würzburg, Kairo und Manouba eine Pop-up-Ausstellung über die vielfältigen Nachhaltigkeitsstrategien der Partnermuseen in den drei Ländern – vom „Digital Clean-up Day“ am Badischen Landesmuseum, bei dem stromfressender Datenmüll gelöscht wird, bis zu Handwerks- und Gesundheitskursen am National Museum of Suez. Die Wanderausstellung solle beim Abschlusstreffen des Projekts im Dezember in Manouba eröffnet werden, sagt Guido Fackler. „Wir hoffen, dass wir den sehr spannenden Austausch in unserem Netzwerk auch danach fortsetzen können, zum Beispiel mit Summer Schools für Studierende.“
Miriam Hoffmeyer (30. Mai 2025)