„Man sollte dieses Abenteuer Auslandsaufenthalt unbedingt annehmen“

Eine Lehrerin gibt einem fröhlichen Schüler in einem Klassenzimmer ein High-Five, während andere Kinder im Hintergrund sitzen.

Eine Zeit im Ausland zu studieren oder zu hospitieren, stärkt nicht nur die eigene Persönlichkeit und das Selbstbewusstsein, sondern ermöglicht Studierenden auch, Fachkenntnisse zu sammeln und Kompetenzen zu vertiefen. Auch für angehende Lehrkräfte gehören Auslandserfahrungen zum professionellen Portfolio des künftigen Arbeitsalltags: Sie werden voraussichtlich häufig Schulklassen unterrichten, die sich durch eine große Vielfalt an Muttersprachen, biografischen Hintergründen und Leistungsniveaus auszeichnen. 

Dennoch gibt es bei der internationalen Mobilität von Lehramtsstudierenden große Unterschiede, wie aktuelle Daten des DAAD aus dem Projekt „Benchmark Internationale Hochschule“ (BintHo) zeigen: Während fast 40 Prozent der angehenden Fremdsprachenlehrkräfte für längere Zeit ins Ausland gehen, ist dieser Anteil bei Studierenden anderer Fächer nur halb so groß. Auch in Bezug auf die Schulformen sind deutliche Unterschiede sichtbar: Studierende des Grundschul- oder des sonderpädagogischen Lehramts sammeln laut der Auswertung viel seltener Auslandserfahrungen als künftige Gymnasiallehrkräfte. Die Angst vor Zeitverlust im Studium, Schwierigkeiten bei der Wohnungssuche im Ausland und Finanzierungsprobleme sind nach der Befragung die größten Hindernisse, den Schritt ins Ausland zu wagen. 

„Die Ergebnisse zeigen, wie wichtig Beratung und niedrigschwellige Angebote gerade für diejenigen Zielgruppen sind, die seltener ins Ausland gehen“, sagt Jelena Bloch vom DAAD. Sie koordiniert das Programm Lehramt.International, das die Herausforderungen auf unterschiedlichen Ebenen angeht. Bis heute wurden mehr als 3.400 Stipendien an Lehramtsstudierende vergeben, die ein Schulpraktikum im Ausland machen. Außerdem werden deutsche Hochschulen bei Modellprojekten unterstützt, die in Kooperation mit ausländischen Partnerhochschulen die Internationalisierung von Lehramtsstudiengängen vorantreiben. In der laufenden zweiten Förderphase des aus Mitteln des Bundesministeriums für Forschung, Technologie und Raumfahrt (BMFTR) finanzierten Programms können Hochschulen bestimmte Gruppen von Studierenden stärker in den Fokus nehmen. Projekte können zum Beispiel auch gemeinsame virtuelle Seminare oder kurze Auslandsaufenthalte wie Exkursionen umfassen. Im Rahmen des Programms organisiert der DAAD außerdem Dialogveranstaltungen mit Vertreterinnen und Vertretern von Politik und Hochschulen. Ziel ist es, für die besonderen Rahmenbedingungen für die Internationalisierung des Lehramtsstudiums zu sensibilisieren. 

Hier berichten zwei Studierende davon, warum der Auslandsaufenthalt für sie eine bereichernde Erfahrung war – und warum sie anderen empfehlen würden, den Schritt ins Ausland zu wagen.

 

Celine Angerstein, Universität Erfurt

Zwei elegant gekleidete Frauen sitzen an einem festlich gedeckten Tisch bei einem formellen Dinner-Event und lächeln in die Kamera.

„Südostasien fasziniert mich. Dass man das mehrmonatige Schulpraktikum, das zu meinem Studiengang gehört, auch an einer deutschen Schule im Ausland machen kann, sehe ich daher als tolle Chance. Vorher musste ich natürlich viel planen und vorbereiten, zum Beispiel die Untervermietung meiner Wohnung organisieren. Aber ich hatte auch viel Unterstützung: Mein Ansprechpartner an der Uni hat mir den Tipp gegeben, mich um das Stipendium Lehramt.International zu bewerben. Vom DAAD habe ich auf Fragen immer direkt eine Antwort bekommen. Und die Schule hat sich um mein Visum gekümmert und uns eine Praktikumsbetreuerin zur Seite gestellt, die immer ansprechbar war. Wir waren vier Praktikantinnen und Praktikanten, mit einer von ihnen hatte ich mich schon in Deutschland getroffen und wir haben uns anfangs eine Unterkunft geteilt. Ich habe mir Sorgen gemacht, wie wir eine halbwegs bezahlbare Wohnung bekommen. Aber über Kontakte der Schule hatten wir schon nach zwei Wochen eine schöne Wohnung direkt an den Petronas Towers im Zentrum.

Von acht Uhr morgens bis nachmittags habe ich in der 5. bis 10. Klasse unterrichtet und einmal pro Woche eine Koch- und Back-AG für Grundschulkinder geleitet. Ich fand es beeindruckend, dass fast alle Kinder drei Sprachen sprechen: Malaiisch oder Chinesisch, Englisch und Deutsch. Nach der Schule habe ich die Stadt erkundet. Das Zentrum ist sehr modern, es gibt aber auch Viertel wie Little India oder Chinatown, in denen man in eine ganz andere Welt eintaucht. Der Aufenthalt hat mich nicht nur persönlich weitergebracht – ich glaube, es wird mir auch später als Lehrerin helfen, dass ich andere Kulturen und Traditionen erleben durfte. Auch an deutschen Schulen sind ja viele verschiedene Kulturen vertreten. Und abgesehen davon ist jedes Kind individuell, manche sind ruhig, andere extrovertiert. Wer die Diversität der Welt kennenlernen konnte, kann sich darauf vielleicht besser einstellen. Trotzdem kann ich gut nachvollziehen, wenn Leute zögern, ins Ausland zu gehen. Ich hatte selbst Angst, dass ich mich in Malaysia vielleicht nicht wohlfühle und gleich wieder nach Hause will. Aber ich wollte es zumindest probiert haben. Ich bin sehr froh, dass ich diesen Mut hatte. Darum kann ich allen nur sagen: Traut euch, denn was man erleben kann, ist so wertvoll.“

Celine Angerstein, 27, studiert an der Universität Erfurt Ethik und Sport für das Realschullehramt. Von Februar bis Juli 2025 absolvierte sie ein Praktikum an der Deutschen Schule in Kuala Lumpur, Malaysia.

 

Oliver Kehl, Carl von Ossietzky Universität Oldenburg

Ein Mann mit Rucksack und Basecap steht lächelnd vor einer felsigen Küstenlandschaft mit bewaldeten Hügeln im Hintergrund.

„Beim Reisen ist mir wichtig, das alltägliche Leben eines Landes kennenzulernen. Daher war ein Auslandssemester schon lange mein Ziel. Dennoch braucht es Mut, für ein halbes Jahr die Komfortzone zu verlassen und sich auf das Unbekannte einzulassen. Die Bedenken lösten sich jedoch sofort nach meiner Ankunft auf. Obwohl sich der Visumsprozess verzögerte und ich dadurch die Orientierungswoche verpasste, gab es auch danach viele Möglichkeiten, Kontakte zu knüpfen. Mit Freunden verbringe ich Zeit in Cafés oder am Strand; Surfen lernt man bei den hohen Wellen hier schnell. Oft treffen wir uns zum Grillen: Der ,Braai‘, ein Holzfeuergrill, ist tief in der südafrikanischen Kultur verwurzelt. Und die Wanderungen durch spektakuläre Landschaften, bei denen ich Elefanten und Giraffen aus nächster Nähe gesehen habe, sind unvergesslich. 

Obwohl mein Masterstudiengang in Deutschland sehr eng getaktet ist, habe ich keinen zeitlichen Nachteil durch mein Auslandssemester. Alle Module, die ich hier absolviere, werden anerkannt. Dazu hat mich meine Universität sehr gut beraten; sie ist eine Partnerhochschule meiner südafrikanischen Universität. Das Modul ,Psychological Coping‘ gefällt mir besonders: Der Schwerpunkt liegt darauf, die eigenen Prägungen zu reflektieren. Ich denke, dass mir das dabei helfen wird, Schülerinnen und Schüler zu verstehen und zu unterstützen. Sehr interessant war auch die Projektarbeit mit anderen Studierenden in einem lokalen Township, in dem ich in einer neu eingerichteten Förderklasse hospitieren konnte. Was am Anfang ungewohnt war: Aus Sicherheitsgründen geht man hier nach Einbruch der Dunkelheit nicht mehr zu Fuß aus dem Haus. Dadurch entsteht erst einmal eine Übervorsichtigkeit. Davon musste ich mich freimachen, um weiter offen auf Menschen zugehen zu können. Ich habe nur positive Erfahrungen gemacht. Offenheit ist gerade für Sonderschullehrkräfte extrem wichtig, davon bin ich überzeugt. Andere Kulturen kennenzulernen, fördert das Bewusstsein dafür, wie viele unterschiedliche Perspektiven und Lebenshintergründe es gibt. Ich habe mich hier selbst besser kennengelernt und ein neues Maß an Selbstsicherheit gewonnen. Wer die Chance auf einen Auslandsaufenthalt bekommt, sollte dieses Abenteuer unbedingt annehmen, denn es erweitert den Horizont wie kaum etwas anderes.“

Oliver Kehl, 27, studiert Sonderpädagogik und Evangelische Theologie an der Carl von Ossietzky Universität Oldenburg. Seit Juli 2025 absolviert er ein Auslandssemester an der Nelson Mandela University in Gqeberha, Südafrika (Kooperationspartner im Lehramt.International-Modellprojekt).

Miriam Hoffmeyer (18. November 2025)

 

 


 

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