Europäische Hochschulallianzen: Entrepreneurship erfolgreich fördern
Die Europäischen Hochschulallianzen EuroTeQ Engineering University und EUGLOH bringen Studierende und Forschende mit Unternehmen zusammen – durch Wettbewerbe, Konferenzen und mit einem Fokus auf praxisnahe Lösungen.
Wie können Kleinbauern in Uganda bei 35 Grad im Schatten frisches Obst und Gemüse zum Markt transportieren, ohne dass es verdirbt? Eine innovative Lösung von Studierenden der Technischen Universität München (TUM) kam 2025 europaweit auf den ersten Platz im Wettbewerb „EuroTeQ Collider“. Ausgerichtet hat ihn die Europäische Hochschulallianz EuroTeQ Engineering University, in der sich acht führende Technische Universitäten aus besonders industriestarken Regionen zusammengeschlossen haben. Das Münchener Gewinnerteam entwickelte in enger Kooperation mit der ugandischen NGO Tukule Foundation die „BioThermoBox“ – eine mobile, langlebige und lokal produzierbare Kühlbox aus recycelten Bananenfasern.
Eine Besonderheit des EuroTeQ-Collider-Wettbewerbs ist, dass die Teilnehmenden nicht nur mit Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern zusammenarbeiten, sondern auch mit Industriepartnern, Start-ups oder NGOs. Gemeinsam sollen tragfähige Lösungen für gesellschaftlich relevante Herausforderungen gefunden werden. Das breite Themenspektrum reichte 2025 allein an der TUM von Mobilitätslösungen für ältere Menschen bis zu einer digitalen Plattform, die kleine und mittlere Unternehmen dabei unterstützt, nachhaltiger zu werden. „Das Challenge-Based-Learning-Format fördert unternehmerisches Denken“, sagt Angela Wester, die bei der TUM für den EuroTeQ Collider verantwortlich ist. „Die Studierenden erhalten wertvolles Feedback von den Unternehmenspartnern und werden so sehr gut auf den Arbeitsmarkt vorbereitet.“
Entrepreneurship Bootcamp in Barcelona
Der Wettbewerb findet jedes Jahr an allen EuroTeQ-Hochschulen statt. An der TUM nehmen bis zu 100 Bachelor-, Master- und PhD-Studierende aus allen Fächern teil, etwa 80 Prozent von ihnen sind internationale Studierende. „Im Collider arbeiten Studierende mit ganz verschiedenen Hintergründen zusammen und lernen so neue Perspektiven kennen. Die kreativsten und innovativsten Lösungen entstehen oft aus dem Aufeinandertreffen von Ideen einer vielfältigen Gruppe“, hebt Angela Wester hervor. Zum Abschluss der ersten Wettbewerbsphase wählen an jeder EuroTeQ-Hochschule lokale Jurys drei Teams aus, die in der zweiten Phase auf europäischer Ebene im „EuroTeQaThon“ gegeneinander antreten. Seit 2024 können besonders vielversprechende Teams an einem Entrepreneurship Bootcamp der IESE Business School in Barcelona teilnehmen, die ebenfalls der Europäischen Hochschulallianz angehört. „Das ist ein tolles Sprungbrett, um ein Projekt mit internationaler Unterstützung weiterzuentwickeln und vielleicht sogar den Grundstein für ein Start-up zu legen“, sagt Wester.
Die EuroTeQ Engineering University ist Teil der Initiative Europäische Hochschulen: Die EU fördert aus dem Erasmus+ Programm grenzüberschreitende Hochschulallianzen, die neue Kooperationsmodelle erproben – nicht nur in Forschung und Lehre, sondern auch in Innovation und Transfer. „Die Initiative basiert auf der Überzeugung, dass die Europäischen Hochschulen einen wesentlichen Beitrag dazu leisten können, große gesellschaftliche Herausforderungen anzugehen und nachhaltiges Wachstum, Unternehmertum und Beschäftigung in ihren Städten und Regionen voranzubringen“, sagt Birgit Siebe-Herbig, Leiterin des Referats Forschung und Internationalisierung, Hochschulnetzwerke im DAAD.
Abschlussarbeiten in Kooperation mit Unternehmen
Bei der Zusammenarbeit mit der Wirtschaft nutzen die Allianzen ein breites Spektrum aus bewährten und innovativen Ansätzen. Angebote für Studierende umfassen zum Beispiel Reallabore, Abschlussarbeiten in Kooperation mit Unternehmen oder Wettbewerbe wie den EuroTeQ Collider. Eine wichtige Rolle spielt auch die Entwicklung beruflicher Weiterbildungsangebote in Kooperation mit Unternehmenspartnern. Jede Hochschule der EuroTeQ Engineering University steuert ein Modul zum gemeinsamen „European Leadership Program on Industrial Science“ (ELPIS) bei, das sich mit rasch entwickelnden neuen Technologien wie Künstlicher Intelligenz, 3D-Druck oder Biotechnologie befasst und Kontakte zu unterschiedlichen Branchen ermöglicht.
„Indem die Europäischen Hochschulallianzen Transfer und Entrepreneurship fördern, schaffen sie Mehrwert auf vielen Ebenen“, sagt Birgit Siebe-Herbig: „Wenn neue Technologien schneller in die Anwendung gelangen, entsteht eine stärkere Innovationsdynamik und perspektivisch mehr Wohlstand in den Regionen, was auch den gesellschaftlichen Rückhalt für die Forschung stärken kann. Studierende gewinnen mehr Praxiserfahrung und verbessern ihre interkulturellen und unternehmerischen Kompetenzen. Und die Unternehmen können auch auf europäischer Ebene Kontakte zu künftigen Fachkräften knüpfen, was vor allem in Regionen mit Fachkräftemangel sehr wichtig ist.“ Der DAAD unterstützt die insgesamt 67 deutschen Hochschulen, die Europäischen Hochschulallianzen angehören, mit dem aus Mitteln des Bundesforschungsministeriums finanzierten nationalen Begleitprogramm. Es ermöglicht unter anderem die Organisation regelmäßiger Vernetzungstreffen, bei denen Erfahrungen und neue Ideen ausgetauscht werden.
Großforschungsanlagen und der „Geist des Unternehmertums“
Gerade auf dem Gebiet der Medizin ist Grundlagenforschung für Innovationen extrem wichtig. Die Hochschulallianz EUGLOH (The European University Alliance for Global Health) brachte im Juni 2025 Forschende ihrer neun Mitgliedshochschulen sowie aus Großforschungsanlagen mit Industriepartnern und Start-ups zusammen. Drei Elektronenbeschleuniger, darunter das Deutsche Elektronen-Synchrotron (DESY) in Hamburg, sind assoziierte Partner von EUGLOH. Mithilfe von Synchrotronstrahlung lässt sich unter anderem die Struktur von Proteinen und anderen Biomolekülen untersuchen. „Die präzise Charakterisierung von Biomolekülen eröffnet Chancen, neue Arzneimittel sehr viel schneller zu entwickeln als bisher“, sagt Felix Poschinger vom EUGLOH-Team der Universität Hamburg (UHH).
Die Veranstaltung im Juni verband eine Konferenz mit mehrtägigen Workshops in Forschungseinrichtungen auf dem Hamburger Campus Bahrenfeld. Beteiligt waren neben der UHH und dem DESY die Röntgenlaser-Forschungseinrichtung European XFEL, das Centre for Structural Systems Biology (CSSB) und das European Molecular Biology Laboratory (EMBL).
Die fast 90 Teilnehmenden, unter ihnen auch PhD- und Masterstudierende aller neun EUGLOH-Hochschulen, diskutierten nicht nur über Forschungsfragen, die die Einrichtungen gemeinsam mit Unternehmen bearbeiten, sondern auch über das unternehmerische Potenzial an der Schnittstelle von Gesundheitswissenschaften, Biophysik und großen Forschungsinfrastrukturen. „Die Kooperation mit Großforschungsanlagen trägt dazu bei, den Geist des Unternehmertums in die Wissenschaft zu tragen“, sagt Felix Poschinger, der sich als unmittelbare Wirkung der Veranstaltung mehr Abschlussarbeiten und Dissertationen in Zusammenarbeit mit Unternehmenspartnern erhofft. Wegen der großen positiven Resonanz, so Poschinger, soll auch 2026 eine EUGLOH-Konferenz in Kooperation mit Großforschungsanlagen stattfinden.
Miriam Hoffmeyer (7. Oktober 2025)