Drei Jahre Zuse Schools: Exzellenz mit Verantwortung

Ein vierbeiniger Roboter mit leuchtendem Sensor steht auf einem Flur, umgeben von einer Menschengruppe.

Europa muss und will unabhängiger im Bereich digitaler Technologien werden. Das war eine zentrale Nachricht des Digitalgipfels, zu dem am 18. November 2025 hochrangige Vertreter Deutschlands, Frankreichs und der EU in Berlin zusammenkamen. Europa müsse in vereinter Kraftanstrengung einen eigenen digitalen Weg gehen, sagte Bundeskanzler Friedrich Merz. „Um im Wettbewerb um digitale Technologien zu bestehen, brauchen wir Innovationsfähigkeit.“ Die Bundesregierung fördert Künstliche Intelligenz als Schlüsseltechnologie, um den Standort Deutschland zu stärken.

In diesem Kontext spielen die 2022 mit Mitteln des Bundesministeriums für Forschung, Technologie und Raumfahrt (BMFTR) gegründeten und durch den DAAD koordinierten Konrad Zuse Schools of Excellence in AI eine entscheidende Rolle. Sie bieten internationalen Talenten Förderung für Master und PhD an Universitäten in Deutschland. Außerdem intensivieren sie die Zusammenarbeit zwischen Hochschulen, außeruniversitären Forschungseinrichtungen und Unternehmen. Während sich die Zuse School ELIZA (Darmstadt, Berlin, Freiburg und weitere) besonders auf die Grundlagen maschinellen Lernens konzentriert, widmet sich SECAI (Dresden und Leipzig) dem Zusammenspiel von Elektrotechnik, Informatik und Medizin, und die Graduiertenschule relAI (München) hat es sich zum Ziel gemacht, die Entwicklung und Erforschung zuverlässiger Künstlicher Intelligenz voranzutreiben – mit Blick auf Sicherheit, Datenschutz, Robustheit und gesellschaftliche Verantwortung. Das Fördervolumen umfasst rund 25 Millionen Euro bis 2027.

Eine Besonderheit der Zuse Schools ist das durchgängige Betreuungskonzept. Masterstudierende können, sofern sie exzellente Leistungen vorweisen, über eine durchgehende Förderung anschließend direkt eine Anstellung als Doktorandin oder Doktorand erhalten. Gefördert werden sowohl deutsche als auch internationale Talente. 

Eine große Gruppe von Menschen mit Namensschildern posiert für ein Gruppenfoto auf einer Treppe vor einem Gebäude.

288 Masterstudierende aus 60 Ländern

Nach drei Jahren Förderzeit lautet die beeindruckende Bilanz: 288 Masterstudierende und 130 Promovierende aus rund 60 Ländern weltweit, über 400 wissenschaftliche Publikationen, 22 Auszeichnungen, drei Ausgründungen und 45 Industriepartner. Dabei waren die Graduiertenschulen schon von Anfang an auf eine möglichst breite Wirkung in Forschung und Gesellschaft angelegt. "Das Zuse-Programm zielt nicht nur darauf ab, Finanzmittel und Infrastruktur bereitzustellen, sondern auch ein Gefühl der Zugehörigkeit, Sinnhaftigkeit und ethische Grundlagen zu vermitteln", so Dr. Michael Harms, stellvertretender Generalsekretär des DAAD, anlässlich des dritten Jahrestreffens der Zuse Schools am 28. Oktober an der TU Darmstadt, „und zwar auf Grundlage von Wissenschaftsfreiheit und interdisziplinärer Zusammenarbeit.“ Ziel soll es sein, zur Ausgestaltung einer „KI made in Europe“ beizutragen, die grundrechtliche Werte wie Demokratie, Menschenwürde, Freiheit und Gleichstellung schätzt.

Wie erfolgsversprechend so ein Ansatz ist, zeigte sich im intensiven Austausch der Zuse Fellows zur Frage, inwieweit KI in Zukunft menschliche Denkleistung ersetzen könnte. Im Augenblick, so die Einschätzung der Expertinnen und Experten, habe eine konstruktive Zusammenarbeit zwischen Mensch und KI die besten Erfolgsaussichten. Die Abhängigkeit von oft mangelhaften Datensätzen macht KI zwar anfällig für Fehlschlüsse, aber das sei beim Menschen nicht viel besser, betonte Iryna Gurevych. Auch Menschen leben in Filterblasen. Doch zusammen könnten sie die Fehler der jeweils anderen Seite kompensieren. Gurevych plädierte dafür, KI als kritischen Denkpartner zu nutzen, der neue Perspektiven bietet – in Form einer „Human-AI-Collaboration“. Für die Wissenschaft könnte das beispielsweise bedeuten: Literaturrecherche und Neuigkeitsbewertungen von Papers übernimmt die KI, komplexe Schlussfolgerungen der Mensch.

Große Gruppe von Teilnehmenden eines wissenschaftlichen Events steht mit Namensschildern auf den Treppen vor einem historischen Universitätsgebäude und blickt in die Kamera.

Ausgründungen: Transfer von Wissenschaft in die Praxis

Insbesondere beim Transfer von Forschungsergebnissen leisten die Zuse Schools einen wichtigen Beitrag. Mit am deutlichsten zeigt sich die Transferkompetenz anhand universitärer Ausgründungen. Der Kontakt zu Netzwerkpartnern und Informationsveranstaltungen zum Gründen ermutigen Stipendiaten und Fellows, ihre eigenen Startups zu gründen. Ein Spin-off der Zuse School SECAI entwickelt Software und Hardware für autonome Systeme wie Drohnen oder mobile Roboter, die sich in komplexen Umgebungen ohne GPS oder vorab bekannte Karten zurechtfinden können. Ein weiteres Zuse-School-Start-up ging aus dem Lehrstuhl für Hochparallele VLSI-Systeme und Neuromikroelektronik der TU Dresden hervor und hat sich auf besonders energiesparende Hochleistungsrechner spezialisiert – einer der Gründer ist Stipendiat bei SECAI. 

Generell ist das Potenzial für neue, innovative Lösungen groß. Beim Jahrestreffen zeigte Valentine Idakwo, Doktorand an der Zuse School relAI der LMU München, wie KI-Systeme in Zukunft verschiedene Datenquellen für die medizinische Diagnostik kombinieren können, um Ärztinnen und Ärzte besser zu unterstützen. Deniz Kucukahmetler, Doktorandin an der Zuse School SECAI der Universität Leipzig, untersucht, wie das menschliche Gehirn reagiert, wenn wir Filme rezipieren. Ihr Team entwickelte ein multimodales Deep-Learning-Modell, das Gehirnreaktionen auf audiovisuelle Reize vorhersagen kann, und kommt zum Ergebnis: KI kann Gehirnprozesse mittlerweile erstaunlich gut vorhersagen, funktioniert aber ganz anders als das Gehirn selbst. Langfristig könnten solche Modelle helfen, neuronale Dynamiken besser zu verstehen – etwa bei der Früherkennung von Epilepsie oder in der Erforschung emotionaler Reaktionen. 

AI made in Europe

Neben den großen Potenzialen der Technologie gibt es nach wie vor auch Herausforderungen, die man ernst nehmen sollte. „KI ist kein neutrales Werkzeug.“ Sie reproduziere gesellschaftliche Vorurteile und dürfe nicht allein wirtschaftlichen Interessen überlassen werden, mahnte Prof. Dr.-Ing. Matthias Oechsner, Vizepräsident für Forschung der TU Darmstadt, an. 

Die Zuse Schools nehmen diese Herausforderung an, so Dr. Michael Harms, stellvertretender Generalsekretär des DAAD. Sie seien Orte, an denen Exzellenz auf Verantwortung treffe und ein interdisziplinärer, interkultureller Dialog gepflegt werde. Im Zentrum stünden die Menschen, die KI entwickeln – junge Talente aus aller Welt. „Die Zukunft der KI wird durch Ihre Fragen, Ihre Visionen und Ihre Werte geprägt“, so Harms. Sie alle trügen dazu bei, eine Zukunft im Sinne einer „AI made in Europe“ zu gestalten, in der intelligente Systeme demokratischen, europäisch-ethischen Werten Rechnung tragen.

Klaus Lüber (25. November 2025)

 

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