„Wir sehen weiterhin ein großes Interesse an Austausch“

Ein Schild mit der Aufschrift "Tongji University" und chinesischem Text, im Hintergrund unscharf Personen, die ein Gebäude betreten oder verlassen.

Die Zusammenarbeit mit China steht vor diversen Herausforderungen, die deutsche Bundesregierung sieht das Land zunehmend als systemischen Rivalen. Was bedeutet dies für den akademischen Austausch? Ein Gespräch mit Ole Engelhardt, Leiter der DAAD-Außenstelle Peking, und Dr. Daniel Jach, DAAD-Lektor an der Southwest Jiaotong University in Chengdu.

Herr Dr. Jach, Sie arbeiten als DAAD-Lektor an der Southwest Jiaotong University in Chengdu im Südwesten Chinas. Wie sieht Ihr Arbeitsalltag aus? 

Sehr vielfältig und abwechslungsreich. Einen Teil meiner Zeit verbringe ich als Lehrkraft im Klassenzimmer, wo ich unsere Studierenden beim Erlernen der deutschen Sprache und beim Fachstudium Germanistik begleite und unterstütze. Daneben bin ich als Bildungsberater tätig, halte also zum Beispiel Vorträge und gebe Workshops zum deutschen Bildungssystem. Zurzeit baue ich zusammen mit einem chinesischen Kollegen einen Studierendenaustausch mit der Universität Würzburg auf. Ich bin auch in der Forschung tätig, im Bereich der Sprachwissenschaft.

Was reizt Sie an China?

Unter anderem die enorme historische Dimension, die lange und wechselvolle Geschichte des Landes. Das verschwindet manchmal ein wenig unter der Oberfläche der modernen Megastädte. Aber sie prägt das Selbstverständnis der Chinesinnen und Chinesen bis heute. Chengdu, wo ich jetzt lebe, ist zwar eine 20-Millionen-Metropole, aber die Stadt hat sich dennoch Teile ihres traditionellen Charakters bewahrt. Zum Beispiel in Form von klassischen Teehäusern und buddhistischen Tempeln.

Sie haben mit vielen jungen, gut ausgebildeten Menschen zu tun. Welche Gemeinsamkeiten und Unterschiede sehen Sie zu Deutschland und Europa?

Ich denke, eine Gemeinsamkeit ist wahrscheinlich das Gefühl der Unsicherheit. Aber die Gründe hierfür sind sehr unterschiedlich. In Deutschland und Europa bestimmen die aktuellen Krisen sehr stark das Bewusstsein vieler junger Menschen. Meine Studierenden hier in China machen sich weniger Gedanken darüber, was in der Welt passiert. Ihre Hauptsorgen sind ihre Noten, ihre Berufsaussichten und ihre Familie. Sie empfinden einen großen Druck, die Wünsche ihrer Eltern zu erfüllen und eine gute Karriere zu machen. 

Porträt eines Mannes mit Brille und hellblauem Hemd, im Hintergrund Pflanzen und eine unscharfe Wand mit Text.

Herr Engelhardt, stimmen Sie Herrn Jach zu? 

Grundsätzlich ja. Die globale Perspektive spielt in China zumindest im Alltag keine so große Rolle wie in Deutschland und Europa: Nehmen wir die heißdiskutierten US-Wahlen als Beispiel: Der Ausgang der Wahlen vor einigen Wochen war etwa in unserem Pekinger DAAD-Büro oder auch auf Veranstaltungen mit chinesischen Partnern kein allzu großes Thema, wenn man es mit den Debatten in Deutschland vergleicht. Generell wird Politik hier eher als Hintergrundrauschen wahrgenommen, als etwas, das den Alltag zwar in gewisser Weise prägt, das man aber nicht wirklich beeinflussen kann. Es ist nicht so, dass es keine Unzufriedenheit gäbe, auch in China blicken viele nicht gerade optimistisch in die Zukunft. Das heißt aber nicht, dass die Regierung an sich infrage gestellt wird. Man sucht dann im Kleinen nach Verbesserungsmöglichkeiten und äußert dies durchaus auch öffentlich, wie es zum Beispiel während der Coronapandemie zu beobachten war.

Herr Jach, wie nehmen Sie das akademische Verständnis der chinesischen Studierenden wahr? Gibt es Unterschiede zu den westlichen, europäischen Standards?

Nach meiner Erfahrung sehen sich die meisten chinesischen Studierenden zumindest anfangs eher als Schülerinnen und Schüler, die das tun, was die Lehrkräfte ihnen sagen. Das Studium ist wissens- und prüfungsorientiert, die eher passive Rolle der Lernenden ist unter diesen Voraussetzungen nachvollziehbar. Erst spät im Bachelorstudium werden auch methodische Kompetenzen wichtiger. Im Vergleich dazu ist das Studium in Deutschland sicherlich von Anfang an reflexiver und stärker forschungsorientiert. Das ist ein großer Unterschied, den chinesische Studierende dann auch massiv zu spüren bekommen, wenn sie zum ersten Mal eine deutsche Hochschule besuchen. Für viele ist das ein Kulturschock. Aber beide Ausrichtungen haben ihre Traditionen und Begründungen und funktionieren in ihrem jeweiligen gesellschaftlichen Kontext.

Welches Bild haben chinesische Studierende von Deutschland?

Abgesehen von den gängigen Klischees wie Oktoberfest, Autos und Fußball wird Deutschland hier auch als ein Land wahrgenommen, in dem es sich einfach gut leben lässt. In dem der Leistungsdruck, den die Menschen hier in China seit der Grundschule spüren, nicht so groß ist. In dem sie viel mehr persönliche Freiheiten haben. 

Ein Mann in einem dunklen Anzug mit blauem Hemd sitzt an einem Schreibtisch, im Hintergrund Fenster und grüne Pflanzen.

Herr Engelhardt, der DAAD schätzt China als Partner bei der Lösung globaler Herausforderungen, erkennt aber gleichzeitig die „Systemrivalität“, die die Bundesregierung den deutsch-chinesischen Beziehungen inzwischen attestiert. Wie lässt sich in diesem Spannungsfeld eine nachhaltige Zusammenarbeit gestalten?

Wie die Bundesregierung nehmen auch wir systemische Rivalitäten zwischen China und Deutschland wahr, die sich auch auf die wissenschaftliche Kooperation auswirken. Wir haben jedoch nach wie vor eine enge partnerschaftliche Zusammenarbeit mit China im Blick. Natürlich sind neue Herausforderungen hinzugekommen, zum Beispiel die Gefahr des Dual Use in der Forschung. Aber man hat das Problem erkannt und arbeitet daran, die Rahmenbedingungen entsprechend anzupassen. Ich glaube, dass die Voraussetzungen für eine konstruktive Partnerschaft nach wie vor sehr gut sind. Die Austauschprogramme mit deutschen Hochschulen sind gut nachgefragt, teilweise entstehen auch neue Partnerschaften, wie zum Beispiel eine neue Germanistische Institutspartnerschaft (GIP) der TU Dortmund und der Universität Genua mit der Technischen Universität Shenzhen. In Shanghai gibt es Interesse an der Gründung einer neuen chinesisch-deutschen Hochschule. Mitte Oktober feierte die Chinesisch-Deutsche Hochschule für Angewandte Wissenschaften (CDHAW) an der Tongji-Universität ihr 20-jähriges Bestehen. Das sind alles Projekte, die mich persönlich durchaus mit Hoffnung erfüllen.

Die Voraussetzungen für eine konstruktive Partnerschaft sind nach wie vor sehr gut.
Ole Engelhardt, Leiter der DAAD-Außenstelle Peking

Was erwarten Sie von der künftigen wissenschaftlichen Zusammenarbeit mit China? 

Nun, es wäre natürlich sehr einfach, Gründe zu finden, um ein eher düsteres Bild zu malen. Sicherlich beobachten wir in China eine verstärkt antiwestliche Propaganda. Die Ankündigung Donald Trumps, hohe Einfuhrzölle auf chinesische Produkte zu erheben, könnte die Situation noch weiter verschärfen. Dennoch haben wir natürlich weiterhin ein großes Interesse an einer engen Kooperation. In vielen Forschungsfeldern, insbesondere im Bereich der Zukunftstechnologien wie Künstliche Intelligenz, zählt das Land inzwischen zu den globalen Spitzenreitern. Und es ist vollkommen klar: Ohne China als Partner werden wir globale Herausforderungen wie den Kampf gegen den Klimawandel oder Pandemien kaum bewältigen können. 

Optimistisch stimmt mich auch, dass wir inzwischen auf ein riesiges Netzwerk von Alumni zurückgreifen, die sich regelmäßig austauschen. Gerade bei den älteren Stipendiatinnen und Stipendiaten ist die Verbundenheit mit Deutschland und Europa nach wie vor groß. Wir fördern den deutsch-chinesischen Austausch ja bereits seit fast 50 Jahren. Und ich sehe trotz der politischen Herausforderungen immer noch genügend junge und engagierte Chinesinnen und Chinesen, die an einem deutsch-chinesischen Austausch interessiert sind.

Nehmen Sie das auch so wahr, Herr Jach?

Wenn ich mir das große Bild anschaue, habe ich den Eindruck, dass China einen großen Sprung zurück macht. Aber wenn ich dann mit einzelnen Studierenden spreche, mit den Kolleginnen und Kollegen, mit den Partnern an anderen Institutionen, dann spüre ich: Es gibt immer noch genug Menschen, die offen sind und den Kontakt nach außen suchen.

Interview: Klaus Lüber (26. November 2024)



 

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