Ruanda: Bildung und Wissenschaft

Ein Denkmal von einem Mann.

Mit der National University of Rwanda (NUR) wurde 1963 – also bereits kurze Zeit nach der Unabhängigkeit von der Kolonialherrschaft Belgiens im Juli 1962 – die erste Hochschule Ruandas in der ehemaligen Kolonialhauptstadt Butare eröffnet. Die Universität, gemeinsam erbaut von der ruandischen Regierung und dem kanadischen Ableger des Dominikanerordens, etablierte sich schnell zu einem der nationalen Wahrzeichen der jungen Republik, Ende der 1960er noch mit weniger als 3.000 Absolventen. Aufgrund des Genozids von 1994 musste die Universität geschlossen werden, wurde aber 1995 erneut geöffnet und hat sich seither enorm vergrößert. 2013 war die NUR mit rund 11.000 Studierenden, über 60 Bachelor- und Masterprogrammen sowie einem relativ breiten Angebot im PhD-Bereich und mehreren Campus in verschiedenen Regionen die landesweit größte Universität.

Neben der NUR gab es außerdem fünf weitere öffentliche Hochschulen: die School of Finance and Banking (SFB) in Kigali, das Kigali Institute of Science and Technology (KIST), das Kigali Institute of Education (KIE), das Kigali Heath Institute (KHI) und das Institute of Agriculture and Livestock (ISAE) in Ruhengeri. Anfang 2014 wurden im Rahmen des „One University Project“ diese öffentlichen Universitäten zur neuen University of Rwanda (UR) umfunktioniert mit dem Ziel, die staatliche Ressourcennutzung zu optimieren, die Lehrpläne zu harmonisieren und das Studienangebot besonders im Bereich Technical and Vocational Education and Training (TVET) zu verbessern. Seit Herbst 2014 werden entsprechend alle Universitäts-Zulassungen sowie die administrative Betreuung zentral über die UR abgewickelt. Im akademischen Jahr 2015/2016 studierten insgesamt knapp 32.000 Studierende an einem der sechs UR-Colleges (jedes College ist eine der ehemaligen öffentlichen Hochschulen).

Neben der UR und ihren Colleges gibt es eine weitere öffentliche Hochschule (Institute of Legal Practice and Development), 10 staatliche Colleges (die mehrheitlich im berufsbildenden Segment, z.B. Krankenpflege aktiv sind) sowie 33 private Hochschulen welche durch das High Council of Education Board (HCEB) akkreditiert sind und Bachelor-Abschlüsse verleihen. Insgesamt waren 2013 rund 77.000 Studierende an Ruandas Hochschulen immatrikuliert, der Großteil davon an öffentlichen Einrichtungen. Der Frauenanteil ist mit 45 Prozent vergleichsweise hoch. Die mit Abstand meisten Studierenden befinden sich im Bachelor-Bereich; das Postgraduierten-Angebot bleibt relativ begrenzt.

Die politische Verantwortlichkeit für das ruandische Bildungssystem liegt beim nationalen Bildungsministerium, dem Ministère de l’Éducation (MINEDUC). Die Regierung legt viel Wert auf den Ausbau des Bildungssystems, in 2013 wurden knapp 17 Prozent der Regierungsausgaben (Dtl: ca. 12 Prozent), bzw. knapp mehr als 5 Prozent des Bruttoinlandsprodukts (Dtl: ca. 5 Prozent) für den Bildungssektor aufgewandt. Zentrale Themen für das flächenmäßig kleinste Land Ostafrikas sind Mathematik, die Ingenieurwissenschaften, sowie Informations- und Kommunikationstechnologien (IKT). Seit 2005 verfolgt die Regierung eine „National Science, Technology and Innovation Policy“; Armutsminderung und Wirtschaftswachstum sollen durch einen Ausbau der Wissensgesellschaft in Ruanda, durch Praxisrelevanz von Studiengängen, durch den Ausbau von Forschungskapazitäten vorangetrieben werden.

Zunehmend werden auch in Zusammenarbeit mit afrikanischen und weiteren internationalen Partnern Studien- und Forschungsmöglichkeiten eingerichtet.
Trotz des deutlich erkennbaren politischen Willens zur Verbesserung des (Hoch-)Schulangebotes und der vergleichsweise hohen Studienqualität sieht sich Ruanda nach wie vor mit einer Reihe von Herausforderungen konfrontiert. So haben der Genozid 1994 und die damit verbundenen Kampfhandlugen erhebliche Teile sowohl der Infrastruktur als auch des Humankapitals in Ruandas Bildungssektor zerstört. Wenngleich jüngst ein enormer Fortschritt zu erkennen war, bleibt dieses nationale Erbe bis dato auch für den Bildungssektor ein massives Problem, mit akutem Mangel an Finanzen, Lehrpersonal und entsprechender Ausstattung.
Das ruandische Hochschulsystem war lange Zeit sehr auf die National University of Rwanda (NUR) und einige andere Einrichtungen fokussiert, was zu einer starken Diversifizierung der Lehrpläne, Standards und Finanzversorgung geführt hat. Diese mangelnde Koordinierung zwischen verschiedenen Institutionen stellte eine enorme Hürde für die Schaffung eines einheitlich guten Angebotes dar. Die o.g. Hochschulreform bietet vielversprechende Ansätze in diesem Kontext, jedoch bleibt die Umsetzung bisher stockend und wird weitere Anpassungen erforderlich machen, um ihr Potential zu entfalten. Auch die Ausbildung wissenschaftlichen Nachwuchses und (angewandte) Forschungsaktivitäten finden in Ruanda noch nicht in dem Maße statt, wie es sich die Regierung selber vorgenommen hat.

Das Schulsystem Ruandas ist in drei Phasen gegliedert: Sechs verpflichtende Jahre Grundschule, drei Jahre Junior Secondary School plus, drei weitere Jahre Senior Secondary School. Am Ende der zwölften Klasse finden zentrale Abschlussprüfungen statt, die über die Zulassung zum tertiären Bildungssektor entscheiden. Die Prüfungen sind besonders für die Bereiche Medizin, Jura, Ingenieurwissenschaften und Pharmazie äußerst kompetitiv.
Das tertiäre Bildungssystem ist in einen universitären und in einen nicht-universitären Bereich der Ausbildung (z.B. für technische Berufe) geteilt. Ersterer besteht aus vier bis fünf Jahren Studium bis zur Licence (entspr. dem Bachelorabschluss) plus zwei bis drei weiteren Jahren bis zum Master. Nach weiteren drei bis sechs Jahren kann ein Doktorgrad erworben werden. Im nicht-universitären Bereich wird nach zwei bis drei Jahren ein fachliches Berufs-Diplom verliehen.

Allgemeine Unterrichtssprache in der Grundschule ist Kinyarwanda, ab der Sekundarstufe wurde bis 2008 Französisch und Englisch gesprochen, in 2008 wurde Englisch als einzige Sprache des kompletten Bildungssystems festgelegt. Offiziell wurde diese u.a. mit einer angestrebten stärkeren Verortung Ruandas in der East African Community (EAC) begründet.
Ruanda ist Mitglied der im Jahr 2000 von Kenia, Tansania und Uganda neugegründeten EAC. Ein ähnlicher Zusammenschluss hatte bereits von 1967 bis 1977 bestanden. Die Staaten der East African Community (Burundi, Kenia, Ruanda, Tansania und Uganda) streben die Bildung eines gemeinsamen ostafrikanischen Hochschulraums (“common higher education area”) an. Kenia, Uganda und Ruanda haben sich bereits 2014 darauf geeinigt, dass Studierende aus einem dieser Länder in den jeweils anderen Ländern dieselben Studiengebühren zahlen wie Einheimische. Bis 2017 soll ein funktionierendes Credit-System eingeführt werden, das Studierenden erlaubt, Leistungsnachweise aus einem Land in den beiden anderen Ländern anerkennen zu lassen. Auch sollen Abschlüsse der verschiedenen Länder in Profil, Art und Studiendauer aneinander angeglichen werden. Ob dies allerdings tatsächlich ein Schritt zur Vereinheitlichung der Hochschulstrukturen in der EAC ist, sehen Beobachter mit Skepsis.

Im regionalen Kontext ist die Studierendenschaft Ruandas vergleichsweise mobil: in 2014 studierten 6,6 Prozent aller ruandischen Studierenden (gut 5.000 Personen) im Ausland, hauptsächlich in der Demokratischen Republik Kongo, in Indien, den USA, Frankreich und Südafrika. Umgekehrt studierten lediglich etwas mehr als 700 Ausländer in Ruanda.
Das Erlernen der deutschen Sprache hat im bereits recht multilingualen Ruanda (Amtssprachen sind Kinyarwanda sowie Englisch und Französisch) einen relativ geringen Stellenwert. Sprachkurse werden am seit 2008 bestehenden Verbindungsbüro des Goethe-Institutes in Kigali und am Kigali Institute of Science & Technology (KIST) angeboten sowie durch eine begrenzte Zahl privater Sprachschulen. Der Hochschulkompass der HRK weist unter den registrierten internationalen Kooperationen 9 Partnerschaften zwischen deutschen und ruandischen Hochschulen aus: sieben mit der UR (FH Aachen, HS Wismar, U Mainz, U Lüneburg, U Halle-Wittenberg, U Hamburg, U Koblenz-Landau und U Köln), eine mit der School of Finance and Banking (Frankfurt School of Finance and Management).
Zudem besteht seit 1982 eine Partnerschaft zwischen Ruanda und dem Bundesland Rheinland-Pfalz. Die unmittelbaren Träger der Partnerschaft sind Kommunen, Schulen und verschiedene gesellschaftliche Gruppen. Das Hauptaugenmerk der Zusammenarbeit liegt dabei weniger auf Hochschulbildung denn auf den Grundbedürfnissen der Menschen.

 

Verfasser: Dr. Helmut Blumbach, Außenstelle Nairobi