Arbeitsmarktintegration internationaler Studierender: Der Bleibeabsicht besser begegnen

Internationale Studierende schätzen Deutschland, benötigen aber verbesserte Beschäftigungsperspektiven.

Wie gelingt internationalen Studierenden der Weg in den deutschen Arbeitsmarkt? Wie lässt sich ihre Unterstützung optimieren? Professorin Felicitas Hillmann und Dr. Sophie Sommerfeld geben Einblicke in ihre Mikrostudie „Internationale Studierende in Berlin – Arbeitsmarktsituation während des Studiums und Verbleib nach Studienende“.

Der Weg einer Studentin aus Indien an der Technischen Universität (TU) Berlin und in eine Beschäftigung könnte vor Ort so aussehen: Weil die TU Berlin in ihrem Heimatland einen guten akademischen Ruf hat, Berlin eine attraktive Stadt und das Studium gebührenfrei ist, schreibt sie sich für ein englischsprachiges Masterstudium im MINT-Bereich ein. Sie hat finanzielle Verpflichtungen gegenüber der Familie und den Banken, hohe Mietkosten und beschließt, nebenher zu arbeiten. Dafür orientiert sie sich in den sozialen Medien. Weil es schnell gehen muss und es in Berlin einen englischsprachigen Arbeitsmarkt gibt, bietet sich ein Job in der Gastronomie an. Sie kommt bei einem Lieferdienst unter – ein Job, der für ihr Studien- und Berufsziel einen geringen Mehrwert mit sich bringt.

„Das wäre eines der möglichen Szenarios, die sich aus den Ergebnissen unserer Studie ableiten lassen. Wir sehen, dass indische Studierende in ihren Nebenjobs relativ häufiger Überstunden arbeiten als der Durchschnitt internationaler Studierender. Wobei dennoch hervorgehoben werden muss, dass zumindest an der TU Berlin Studierende und Absolventinnen und Absolventen größtenteils fachnah erwerbstätig sind“, sagt Dr. Sophie Sommerfeld vom Autorenteam der jüngst von der TU Berlin veröffentlichten Mikrostudie Internationale Studierende in Berlin – Arbeitsmarktsituation während des Studiums und Verbleib nach Studienende. Die Untersuchung mit 355 Befragten (Studierende und Alumnae und Alumni) fokussierte auf Studierende aus den Ländern Indien und Türkei und wertete insbesondere Umfragen zu deren Arbeits- und Lebensbedingungen aus. Ein Ergebnis ist, dass rund 35 Prozent der Studierenden während des Studiums nicht in Fachnähe arbeiten. „Das hat Folgen für die Arbeitsmarktintegration nach dem Studium“, erläutert Sommerfeld, „denn man baut keine nützlichen Kontakte und praktisches Fachwissen auf.“ Es fehle nicht nur Zeit zum Studieren, sondern auch zum ausreichenden Deutschlernen für eine Stelle als Fachkraft.

Dr. Sophie Sommerfeld und Professorin Felicitas Hillmann

Eine Lücke zwischen Bleibeabsicht und Verbleib

Deutschlands Hochschulen sind für internationale Studierende, zunehmend insbesondere aus Indien, hochattraktiv – und das wiederum ist für deutsche Arbeitgeber interessant. So studieren zum Beispiel zahlreiche Inderinnen und Inder in den MINT-Fächern und möchten anschließend in Deutschland arbeiten, wie Erhebungen des DAAD zeigen. Aber wie sieht deren Situation während des Studiums wirklich aus, und entwickelt sich aus dem Bleibewunsch auch eine Teilhabe am gesellschaftlichen Leben und eine langfristige Arbeitsmarktintegration? „Hier zeigen unsere Daten einen Kontrast“, sagt Professorin Felicitas Hillmann. Sie leitet an der TU Berlin im Fachbereich Arbeitslehre/Technik und Partizipation (ArTe) die „Networking Unit Paradigma Shift“ (NUPS) – eine Forschungseinheit, die sich mit Migration, Arbeitsmarktintegration und der Zukunft der Arbeit befasst. Die Einheit hat bereits mehrere Mikrostudien zu migrationsbezogenen Arbeitsmarktthemen durchgeführt und wurde in den Jahren 2023 bis 2025 durch das Bundesarbeitsministerium gefördert. 

Felicitas Hillmann erläutert: Von den arbeitenden Studierenden und Alumnae und Alumni, die sich im Rahmen der Mikrostudie zur Frage nach dem Integrationsgefühl geäußert haben, gaben zwar 67 Prozent an, dass sie sich am Arbeitsplatz willkommen und integriert fühlen. Aber nur 16 Prozent aller Befragten bestätigten das auch für die Gesellschaft. „Das ist eine auffällige Diskrepanz zwischen ausgeprägter Willkommenskultur am Arbeitsplatz und geringem Zugehörigkeitsgefühl in der Gesellschaft“, so Hillmann.

Was deutschlandweit für viele Hochschulen attraktiv ist, nämlich internationale Studierende mit englischsprachigen Studiengängen anzuwerben, erweist sich als Herausforderung bei der Integration in die deutsche Gesellschaft und in einen deutschsprachigen Arbeitsmarkt nach dem Studium, denn ein internationaler Arbeitsmarkt wie in Berlin ist deutschlandweit eher die Ausnahme. „Das stärkere Angebot an englischsprachigen Studiengängen verschiebt das Erlernen der deutschen Sprache und damit die Integrationsthematik nach hinten“, resümiert Hillmann. Was kann hier helfen?

Informelle Netzwerke und offizielle Unterstützungsangebote

Im Rahmen der Mikrostudie wurde auch nach der Nutzung von privaten, öffentlichen, institutionellen und staatlichen Unterstützungsangeboten gefragt. Die Auswertung der Antworten zeigt, dass viele Studierende bei ihrer Arbeitssuche eher auf informelle Netzwerke wie Social Media zurückgreifen, anstatt offizielle Unterstützungsangebote der Hochschulen zu nutzen. „Wir finden oft projektbasierte, bürokratisch verzweigte oder parallele Strukturen an den Hochschulen, die von den Studierenden als schwer zu durchdringen beschrieben werden“, sagt Hillmann. Also greifen diese auf Selbstorganisation, soziale Medien und private Netzwerke zurück. „Es wäre wünschenswert, dass deutsche Hochschulen die Internationalisierung als Normalfall stärker strukturell verankern und ihre Anlaufstellen für frühzeitige Arbeitsmarktanbindung der Studierenden effektiver zusammenarbeiten würden, auch mit wirtschaftsnahen Institutionen.“ Denn Hilfestellung für den Aufbau beruflicher Kontakte und auch Sprachförderung seien entscheidend, um aus Bleibeabsichten langfristig Fachkräfte für Deutschland zu gewinnen.

Bettina Mittelstraß (6. März 2026)

 

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