Faszination Friesisch: Vom außergewöhnlichen Weg eines Sprachenpioniers

Dr. Alastair Walker bei seiner Verabschiedung an der Universität Kiel im September 2013. Auf der Leinwand im Hintergrund Beispiele für das Netzwerk der Kieler Frisistik, an dem er noch heute mitwirkt.

Dr. Alastair Walker kam 1969 an die Universität Kiel, um das Friesische kennenzulernen. Was daraus folgte, hat nicht nur ihn überrascht. 

Herr Dr. Walker, seit 55 Jahren haben Sie als gebürtiger Brite Ihren Lebensmittelpunkt in Schleswig-Holstein. Was hat Sie in Deutschlands Norden geführt? 

Bereits 1969 kam ich das erste Mal nach Kiel. In meinem Studium der Germanistik und der Allgemeinen Sprachwissenschaft an der University of Reading gab es im dritten Studienjahr ein verpflichtendes Auslandsjahr. Dass ich an eine deutsche Universität gehen würde, war naheliegend, aber mein Professor William B. Lockwood hat meinem Weg eine besondere Richtung gegeben. Er schaute mich an und sagte: „Herr Walker, fahren Sie doch nach Kiel und schreiben Sie eine Arbeit über das Friesische.“ Auf meine Gegenfrage, was denn das Friesische sei, antwortete er: „In Kiel werden Sie das erfahren.“ 

Was machte Kiel zu einem besonderen Ziel? 

An der Universität gab es schon damals die Nordfriesische Wörterbuchstelle. Sie wurde 1950 mit dem Auftrag eingerichtet, ein alle nordfriesischen Mundarten umfassendes Wörterbuch herauszubringen, hatte aber von Anfang Schwierigkeiten, Personal zu finden. 1969 war ein einziger Mitarbeiter für die Wörterbuchstelle tätig. Er hat sich gewundert, warum ihn ein Brite für seine Forschungen besucht, mir dann aber sehr weitergeholfen. Im Winter schickte er mich mit einem Tonbandgerät zum Bauernhof seiner Schwester und ihres Mannes in der Ortschaft Dagebüll an der schleswig-holsteinischen Westküste. Dort habe ich fünf Wochen lang Interviews mit alten Friesinnen und Friesen geführt. Aus meiner Analyse des Nordfriesischen wurde später meine Bachelorarbeit. 

Warum hat Sie die Beschäftigung mit dem Friesischen nicht mehr losgelassen? 

Der Austausch mit den Menschen auf dem Land hat mich fasziniert. Ich sah, wie viel ihnen das Friesische bedeutete und wollte mich wissenschaftlich für diese Sprache engagieren. Nach meinem Bachelorabschluss in Reading ermöglichte mir ein Jahresstipendium des DAAD, weiter an der Nordfriesischen Wörterbuchstelle zu forschen. Ich bin nicht mehr nach England zurückgekehrt und habe im Anschluss an das Stipendium von 1972 bis zum Eintritt in den Ruhestand 2013 als wissenschaftlicher Mitarbeiter an der Wörterbuchstelle sowie im Fach Frisistik gearbeitet. Die DAAD-Förderung war entscheidend, dass ich solch einen Weg einschlagen und mich meiner Leidenschaft für das Friesische widmen konnte. 

Arbeit in der Friesischen Wörterbuchstelle Mitte der 1970er: Dr. Alastair Walker (links) und Dr. Ommo Wilts

Sie haben bereits 1972 an der Einführung des Fachs Friesische Philologie an der Universität Kiel, der heutigen Frisistik, mitgewirkt. Kiel ist weltweit der einzige Ort, an dem man Friesisch als vollständiges akademisches Fach vom Bachelor bis zur Promotion studieren kann. Wie konnte das erreicht werden? 

Es gab Anfang der 1970er-Jahre eine Aufbruchstimmung und eine Renaissance der Regional- und Minderheitensprachen in Europa, vom Schottisch-Gälischen bis zum Rätoromanischen, das im Schweizer Kanton Graubünden gesprochen wird. Durch meine Feldforschung wusste ich, dass viele Friesen die Vernachlässigung, teilweise sogar Unterdrückung ihrer Sprache in der Vergangenheit schmerzte. Interessanterweise waren es in den Siebzigerjahren junge Friesen, die sich leidenschaftlich für eine Gegenbewegung einsetzten. Sie kamen in der Nordfriesischen Wörterbuchstelle zusammen, tauschten sich aus und setzten sich vehement für das Friesische als Studienfach ein. Das haben mein Kollege Dr. Ommo Wilts, der seit 1973 gemeinsam mit mir in der Wörterbuchstelle arbeitete, und ich sehr gerne unterstützt. 

Warum ist es aus Ihrer Sicht grundsätzlich wichtig, dass Minderheitensprachen gepflegt werden? 

Wie Länder mit ihren Minderheiten umgehen, sagt viel über die Qualität ihrer Demokratie aus. In der europäischen Geschichte wurden Sprachen von Minderheiten immer wieder unterdrückt, durften nicht gesprochen, geschweige denn unterrichtet werden. Europas Stärke liegt aber in der Vielfalt – und gerade in Zeiten, in denen gefährlicher Nationalismus stärker wird, sollten wir diese Vielfalt auch in den Sprachen fördern. 

Seit 2013 sind Sie zwar offiziell im Ruhestand, aber noch immer sehr umtriebig. Was sind die Schwerpunkte Ihrer Arbeit? 

Nach wie vor besuche ich Friesinnen und Friesen in der Region, tausche mich mit ihnen aus und erweitere meine umfangreiche Forschung zum Friesischen. Meine Schwerpunkte bilden heute Untersuchungen zur Mehrsprachigkeit in Nordfriesland sowie eine Geschichte der Frisistik in Kiel, die die Bandbreite unserer Arbeit vom Kaffeetisch im friesischen Häuschen bis zur Tätigkeit als wissenschaftliche Ansprechpartner im politischen Brüssel darstellt. Und dann habe ich noch eine weitere Aufgabe: Auf der Nordseeinsel Amrum führe ich Feriengäste regelmäßig durch ein altes Kapitänshaus, das dem örtlichen Friesenverein gehört. Auch auf diese Weise vermittle ich Sprache, Kultur und Geschichte der Friesen. Die Gäste kommen aus ganz Deutschland, und manche heiraten sogar im Kapitänshaus. 

Interview: Johannes Göbel (30. Juni 2026) 

 

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