„Wissenschaft ist nach wie vor die beste Möglichkeit, sich der Wahrheit anzunähern“

Prof. Dr. Elisa Hoven: „Wir müssen den Zweifel aushalten und zulassen“

Im öffentlichen Diskurs zu Fragen von Recht und Unrecht zählt Elisa Hoven zu den gefragtesten Stimmen in Deutschland. Die DAAD-Alumna ist Professorin für Strafrecht und Richterin am Sächsischen Verfassungsgerichtshof; als Buchautorin erreicht sie auch ein größeres Publikum jenseits ihres Fachgebiets. Im Interview spricht Elisa Hoven über die Bedeutung der Wissenschaft im Zeitalter der Desinformation, technologische und internationale Trends – und ihre prägenden Forschungsaufenthalte mit DAAD-Förderung in den USA und Kambodscha.

Frau Professor Hoven, Sie beschäftigen sich nicht allein mit juristischen Themen, sondern auch mit anderen weitreichenden Fragestellungen – wie den aktuellen Diskussionen um Manipulationen der Wahrheit. Inwieweit ist die Welt der Wissenschaft davon besonders herausgefordert?

Die Wissenschaft ist nach wie vor die beste Möglichkeit, sich der Wahrheit anzunähern. Aber man überfordert sie mit Slogans wie „Follow the Science“. Das beginnt schon damit, dass es die eine Wissenschaft überhaupt nicht gibt. Wissenschaft ist kein monolithischer Block, der nur eine Wahrheit kennt. Wir haben während der Coronapandemie zum Beispiel gesehen, wie unterschiedlich zum Teil Rechtswissenschaften, Virologie oder Kinderpsychologie die Lage bewertet haben. Austausch und Kontroverse sind für die Lösung wissenschaftlicher Fragen essenziell. Mit der Wissenschaft ist man auf der Suche, aber man besitzt die Wahrheit nicht automatisch.

Man darf von der Wissenschaft sozusagen nicht zu viel erwarten?

Man sollte sie jedenfalls nicht in eine Rolle drängen, der sie nicht gerecht werden kann. Das gilt besonders für Situationen epistemischer Unsicherheit. Während der Coronapandemie wurde teilweise erwartet, dass die Wissenschaft Aufgaben der Politik übernimmt. Wissenschaft kann Risiken skizzieren, das Abwägen und Entscheiden bleibt Aufgabe der Politik. Der Prozess der Falsifikation, die Widerlegung einer wissenschaftlichen Aussage durch ein Gegenbeispiel, ist wesentlich für die Wissenschaft. Wir erleben aber, dass die Wissenschaft mehr und mehr angezweifelt wird, wenn sie ihre Ergebnisse korrigieren muss – dabei entspricht das ihrer Logik und ist entscheidend für ihren Fortschritt.

Wie kann mit der Zunahme von Desinformation und Lügen in der heutigen Zeit umgegangen werden?

Wir müssen als Gesellschaft darüber nachdenken, wie viel Unwahrheit und wie viel Lüge wir bereit sind zu akzeptieren. Beides lässt sich nicht ausschließen, aber es gibt Bereiche, in denen es sehr wichtig ist, Lügen zurückzudrängen. So widerspricht zum Beispiel eine Politik der Unwahrheit den Grundsätzen von Demokratie und Autonomie. Was wir aber aushalten und zulassen müssen, ist der Zweifel. Wir können nicht alles glauben, was wir hören und sehen. Auch hier kann uns die Wissenschaft ein Vorbild sein, denn sie stellt erst einmal grundsätzlich alles infrage.

Ihre akademische und berufliche Laufbahn ist international geprägt. Erleben Sie die Bedrohung der Wahrheit als globales Phänomen?

Ja, und dazu trägt die technische Entwicklung wesentlich bei. Lügen und Unwahrheiten hat es schon immer gegeben, aber über Social-Media-Plattformen werden sie heute sekundenschnell und massenhaft über den Globus geschickt und erreichen somit in kürzester Zeit Millionen Menschen. Deepfakes arbeiten mit KI-generierten Bildern in immer besserer Qualität und machen es zum Beispiel bei der Wahrnehmung von Kriegen und Konflikten schwer, zwischen Wahrheit und Lüge zu trennen. Statt echten Menschen diskutieren in den sozialen Medien zunehmend Social Bots miteinander und verzerren somit etwa Wahlkämpfe. Was wir in dieser Hinsicht in den USA bereits deutlich beobachten können, droht auch mehr und mehr nach Deutschland zu kommen.

In den USA haben Sie in der Vergangenheit wiederholt geforscht, so auch 2016 als Visiting Scholar mit DAAD-Stipendium an der UCLA School of Law in Los Angeles. Wie hat Sie diese Zeit geprägt?

Ich habe damals an einem Forschungsprojekt zum US-Unternehmensstrafrecht gearbeitet. Das war auch deshalb spannend, weil die Einführung eines Unternehmensstrafrechts für Deutschland zur Diskussion stand. Ich konnte mehrere Reisen unternehmen und habe in der Zeit viel über das amerikanische Rechtssystem gelernt. Vom DAAD wurde ich zudem als Postdoktorandin im Jahr 2012 in Kambodscha gefördert. Mit meinem Team habe ich dort zur Wahrnehmung von Opferrechten nach den Kriegsverbrechen der Roten Khmer geforscht. Auch in dieser Zeit konnte ich das Land und die Menschen kennenlernen und mich tiefgehend mit den juristischen Fragen beschäftigen. Der DAAD hat mir auf zwei Kontinenten wertvolle Perspektiven eröffnet und mir Einblicke in unterschiedliche Lebenswelten und Rechtskulturen ermöglicht.

Interview: Johannes Göbel (13. Januar 2026)

 

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