„Wir erleben eine Wiederentdeckung der deutsch-japanischen Partnerschaft“
Deutschland und Japan verbindet seit Jahrzehnten eine enge wissenschaftliche Partnerschaft. Bereits 1974 schlossen beide Länder ein Abkommen zur wissenschaftlich-technologischen Zusammenarbeit – 2024 feierte es sein 50-jähriges Bestehen. In Tokyo sprachen Petra Sigmund, deutsche Botschafterin in Japan, und DAAD-Präsident Professor Joybrato Mukherjee über die Bedeutung der Kooperation und darüber, wie Japan als Ziel für Studierende und Forschende aus Deutschland noch attraktiver werden kann.
Herr Mukherjee, Frau Botschafterin Sigmund, Japan ist derzeit ein beliebtes Ziel für Spitzenpolitikerinnen und -politiker, zuletzt waren Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier, Forschungsministerin Dorothee Bär und Außenminister Johann Wadephul in Tokyo. Angesichts geopolitischer Spannungen gilt Japan als Schlüsselpartner Deutschlands. Wie bewerten Sie die Rolle der Wissenschafts- und Forschungszusammenarbeit in der Außenpolitik der beiden Länder?
Petra Sigmund: Wir leben in einer Welt neuer Spannungen, in der nicht alle auf das Ziel eines friedlichen Miteinanders hinarbeiten. Gerade bei Wissenschafts- und Forschungskooperationen kommt es deshalb darauf an, genau hinzusehen, mit wem man eng zusammenarbeitet. Oft geht es um sogenannte „Enabling Technologies“ – etwa Quantencomputing, Künstliche Intelligenz, Wasserstofftechnik, Raumfahrt, Fusionsforschung oder neue Kommunikationstechnologien. In all diesen Feldern brauchen wir Partner, die technologisch führend sind und denen wir vertrauen können – und das ist bei Japan der Fall. Solche Kooperationen stärken uns angesichts geopolitischer Spannungen und helfen, Abhängigkeiten zu verringern. Japan steht dabei ganz oben auf der Liste der Länder, auf die wir in Wissenschaft und Forschung setzen.
Joybrato Mukherjee: Ich kann dem nur zustimmen. Oft ist in der Politik von „Wertepartnern“ die Rede – doch nicht immer teilen diese Partner tatsächlich dieselben Werte. Bei Deutschland und Japan ist das anders: Wir haben das gleiche Verständnis von zentralen Prinzipien wie Wissenschafts- und Forschungsfreiheit. Zudem gibt es gewachsene und verlässliche Strukturen akademischer Zusammenarbeit. In so geopolitisch turbulenten Zeiten lohnt es sich daher, diese Partnerschaft weiter zu vertiefen.
Was mir als DAAD-Präsident besonders wichtig ist: Wissenschaftliche Kooperation ist kein „Luxusthema“. Wissenschaft und wissenschaftliche Erkenntnisse werden entscheidend dafür sein, wer im globalen Systemwettbewerb zwischen Demokratien und Autokratien langfristig vorne liegen wird.
Deutschland und Japan sind hochentwickelte Industrieländer und teilen neben Erfolgen auch ähnliche Herausforderungen: Überalterung, Fachkräftemangel, geringes Wirtschaftswachstum. Welche Themen sind in Hochschulkooperation und Forschung aus Ihrer Sicht in diesem Zusammenhang besonders wichtig – auch für zukünftige Potenziale?
Joybrato Mukherjee: Das ist ein weites Feld – ich will daher drei Punkte hervorheben.
Erstens der demografische Wandel: Japan hat eine der ältesten Bevölkerungen der Welt, und auch in Deutschland wächst die Zahl älterer Menschen rasant. Bestehende Kooperationen in der Geriatrie oder bei Aging Associated Diseases bieten hier großes Potenzial und sind ein starkes Fundament, auf dem wir in allen Bereichen der Alterforschung aufbauen können.
Zweitens die Künstliche Intelligenz: Wir suchen in Deutschland derzeit intensiv nach Partnern, mit denen wir gemeinsame Regeln für einen verantwortungsvollen Umgang mit KI entwickeln können. Deutschland und Japan sind hier natürliche Verbündete – sie teilen das Ziel, technologische Entwicklung mit demokratischen Werten zu verbinden.
Und drittens die Geistes- und Sozialwissenschaften: Sie spielen eine zentrale Rolle, wenn es darum geht, gesellschaftliche Entwicklungen zu verstehen. Sowohl in Japan als auch in Deutschland beobachten wir derzeit rechtspopulistische und fremdenfeindliche Tendenzen – unter unterschiedlichen Vorzeichen, aber mit ähnlicher Dynamik. Das gemeinsame Forschen über den Zustand unserer Demokratien ist deshalb wichtiger denn je.
Petra Sigmund: Ich möchte das für die Geisteswissenschaften ausdrücklich unterstreichen. In Japan wird intensiv darüber nachgedacht, was neue Technologien für Gesellschaft und Arbeitswelt bedeuten – und auch für den Kapitalismus selbst. Kürzlich fand in Kyoto eine große philosophische Konferenz statt, mitorganisiert von IT-Unternehmen, die ihre gesellschaftliche Verantwortung sehr ernst nehmen. Den Auftakt hielt der deutsche Philosoph Markus Gabriel, Professor der Universität Bonn, – ein schönes Beispiel für gelebten Austausch.
Gleichzeitig gilt: Deutschland und Japan sind alte Industrienationen mit enormem Know-how, aber andere Länder haben in Forschung und Entwicklung stark aufgeholt. Wir haben in beiden Staaten Abhängigkeiten entstehen lassen – bei Energie, seltenen Erden oder Halbleiterherstellung. Diese Fragen der technologischen Souveränität gehen wir jetzt aktiv an, vor allem in den bereits genannten Enabling Technologies. Wenn Deutschland und Japan ihre Kompetenzen stärker bündeln, können sie wieder zur Weltspitze aufschließen.
Schauen wir auf diese Zusammenarbeit: Es gibt eine große Zahl an Hochschulkooperationen zwischen Japan und Deutschland, mehr als 800. Zugleich studieren derzeit nur rund tausend Deutsche im Land, für ein ganzes Studium sogar nur 200. Dies sind historisch hohe Zahlen, aber keine wirklich großen. Was muss geschehen, damit Japan für deutsche Studierende und Promovierende attraktiver wird?
Petra Sigmund: In Japan ist das Bewusstsein für die lange und enge wissenschaftliche Tradition mit Deutschland tief verankert. Im 19. Jahrhundert legten auch deutsche Wissenschaftler die Grundlagen der modernen Medizin Japans, prägten die Rechtswissenschaft, die Physik – und es gab einen intensiven philosophischen Austausch. An diesen Schatz sollten wir immer wieder erinnern. Lange Zeit richtete sich der deutsche Blick vor allem auf China; Japan und Korea waren weniger präsent. Das ändert sich erfreulicherweise aktuell: Ich erlebe zunehmend Interesse deutscher Hochschulen an Kooperationen, und viele Studierende entdecken Japan als Studienort neu. Wer die Sprache erlernt und sich auf das Land einlässt, findet hier einen faszinierenden Kosmos an Möglichkeiten.
Joybrato Mukherjee: Sie haben einen entscheidenden Punkt angesprochen: die wechselseitige Sprachbarriere. Deutsch wird in Japan nur vereinzelt gelehrt, und Japanischkenntnisse sind unter jungen Menschen in Deutschland selten. Daher sollten wir pragmatisch mehr englischsprachige Studienangebote fördern – ohne den Spracherwerb aus dem Blick zu verlieren. Unsere DAAD-Programme wie Sprache und Praxis Japan sind dafür essenziell, weil sie Expertinnen und Experten hervorbringen, die zwischen beiden Systemen vermitteln können.
Und ja: Das Wissen um die gemeinsame wissenschaftliche Tradition ist in Deutschland ein Stück weit verloren gegangen. Nach dem Zweiten Weltkrieg lag der Fokus lange auf Europa und den USA. Doch die globalen Verhältnisse verändern sich, und viele Hochschulen suchen bewusst neue Partner im indopazifischen Raum. Japan steht dabei zweifellos an erster Stelle. Wir erleben derzeit also die Wiederentdeckung einer traditionsreichen und zukunftsweisenden Partnerschaft und es lohnt sich, für Japan als Studien- und Wissenschaftsstandort in Deutschland zu werben.
Vielen Dank für dieses Gespräch.
Interview: Michael Flacke (28. Oktober 2025)