Über Grenzen hinweg: Feuermanagement gemeinsam voranbringen
Feuerwehrmann, Waldbrandexperte und DAAD-Alumnus Lindon Pronto spricht über internationale Unterschiede im Feuermanagement – von Europa über Indonesien bis in den Kongo – und betont, wie zentral grenzüberschreitender Austausch für nachhaltige Lösungen ist.
Herr Pronto, wollten Sie auch wie viele andere schon als Kind Feuerwehrmann werden?
Ich bin mit Feuer aufgewachsen. Mein Vater war in der Brandbekämpfung beim U.S. Forest Service in Kalifornien, das Feuerwehrhaus war nur ein paar Schritte von unserem Trailer entfernt. Ich habe schon früh mit Werkzeugen geübt und viel von ihm und seinen Kolleginnen und Kollegen gelernt. Der Schlüsselmoment kam aber erst, als ich 13 war. Ein Nachbar hatte ein Daxenfeuer gelegt, ein kleines Feuer, das bei Waldarbeiten eingesetzt wird, um Holzabfälle zu verbrennen. Es geriet außer Kontrolle. Mein Vater und ich bekämpften das Feuer. Bis die Feuerwehr eintraf, hatten wir es schon unter Kontrolle gebracht. Da dachte ich: Das macht richtig Spaß!
Später war ich auch für den U.S. Forest Service tätig, stationiert in Kalifornien und im Einsatz in acht verschiedenen Bundesstaaten. Während dieser Zeit war ich einerseits in der klassischen Waldbrandbekämpfung aktiv, auf Löschfahrzeugen und als Teil einer schnellen Eingreiftruppe per Helikopter. Andererseits arbeitete ich auch intensiv an der Brandprävention, oft Waldarbeit pur: Brandlasten reduzieren, Risikobäume entfernen. Zehn Stunden täglich – nur die Kettensäge und ich. Eine ebenso wichtige Rolle spielte aber auch der gezielte Umgang mit Feuer: das Anlegen von Pufferzonen und strategischen Schneisen, um Brände zu steuern. Denn in vielen Ökosystemen ist Feuer nicht nur unvermeidbar, sondern essenziell.
Nur weil der Wald brennt, muss man ihn also nicht löschen?
Genau. Es gibt feuerangepasste und feuerabhängige Ökosysteme. Letztere können gar nicht existieren ohne Feuer – sie brauchen es zur Regeneration. Manche Bäume zum Beispiel brauchen Feuer, um ihre Samen freizusetzen. In Nordamerika ist das häufig der Fall – dort wurden in den letzten Jahrzehnten aber viele Fehler im Management gemacht, weil man Brände immer sofort löschen wollte. Ich sage immer: Es entsteht eine „Feuerschuld“ – und das Feuer holt sich alles früher oder später zurück. In Deutschland haben wir wiederum noch kein natürliches Feuerregime, auch wenn sich das langsam ändert, sondern eher ein kulturelles, wie in den Heideflächen, wo Feuer zur Pflege eingesetzt wird.
Sie leben inzwischen in Deutschland – wie kam es dazu?
Ich habe in den USA Umweltpolitik studiert und bin dann mit einem DAAD-Stipendium für meinen Master nach Freiburg gekommen. Eigentlich wollte ich mich vom Feuerthema lösen und mich breiter mit Umweltschutz befassen. Dann erfuhr ich, dass an meiner Universität Johann Georg Goldammer lehrt – einer der „Godfathers of Fire Management“. Er gründete in den 1980er-Jahren die Arbeitsgruppe Feuerökologie und war sofort begeistert von meiner praktischen Erfahrung – schon bald hatte ich dann Flugtickets nach Südkorea und Indonesien in der Hand. Das Studium und mein Mentor eröffneten mir einen Zugang zu einem internationalen Netzwerk und ich habe wichtige Akteure und Entscheider kennengelernt, Erfahrungen gesammelt …
… und gemerkt, dass Feuer und Politik doch ganz gut zusammenpassen?
Ja, Feuer ist ein essenzieller Teil des Umweltschutzes. Wenn wir uns die vier Elemente anschauen, Feuer, Wasser, Erde, Luft, gibt es für alle klare Regelwerke, internationale Konventionen, Protokolle – außer für Feuer. Das zeigt, wie stiefmütterlich das Thema behandelt wird. Das muss sich ändern. Feuerexpertise fehlt zu oft auf politischer Entscheidungsebene. Feuer betrifft Ökologie, Forstwirtschaft, Klimaschutz, Luftqualität, Kultur. Ohne fundiertes Wissen entstehen einseitige Maßnahmen mit teils gravierenden Folgen. Nur durch interdisziplinären und internationalen Austausch können wir diese komplexe Herausforderung wirklich bewältigen.
Was sind die größten Unterschiede im internationalen Feuermanagement?
Ich komme aus einem System, in dem es heißt: Feuer ist schlecht, wir müssen es bekämpfen. In den Tropen ist das zum Beispiel ganz anders. Feuer ist dort überlebenswichtig – ein zentrales Werkzeug für die Landnutzung. Oder im Kongo, in Süd-Kivu, wo ich in einem Kriegsgebiet versuchte, Feuermanagementsysteme aufzubauen – da gibt es kein Löschwasser, keine Schutzausrüstung, oft nicht mal Schuhe. Da wird einem bewusst, wie sehr sich die Kontexte unterscheiden – und wie wichtig es trotzdem ist, voneinander zu lernen. Wo hat ein Land gute Erfahrungen gemacht? Wo wurde etwas falsch gemacht? Was können wir für unsere Arbeit daraus lernen?
Feuer kennt keine Grenzen – braucht es gerade deshalb nicht auch in Europa intensiveren grenzüberschreitenden Austausch und Dialog?
Ja, wenn ein Nationalpark brennt, der sich von Deutschland in die Niederlande erstreckt, muss man zusammenarbeiten. Doch dann passen zum Beispiel die Schlauchkupplungen nicht auf das jeweils andere Einsatzfahrzeug – um nur ein kleines Beispiel zu nennen. Auch Techniken, Sprachen, Ausbildungen unterscheiden sich. Als Senior Wildfire Management Expert engagiere ich mich deshalb am European Forest Institute. Unter anderem wollen wir auch hier Entscheidungsträger, Forschende, Industrie und Medien dorthin bringen, wo die „Action“ ist. Sie verstehen die Thematik besser und können produktivere Entscheidungen treffen, zielführender forschen und sensibilisieren, wenn sie Waldbrandmanagement vor Ort selbst gesehen und erlebt haben. Andererseits schulen wir beispielsweise mit dem internationalen Trainingsprogramm Forest Camp in Polen Einsatzkräfte im Vegetations- und Waldbrandmanagement in Europa. Hier kombinieren wir theoretisches Wissen mit praktischer Erfahrung durch Planspiele und realitätsnahe Feldübungen mit Teilnehmenden und Dozenten aus aller Welt.
Interview: Christina Iglhaut
Dieser Text erschien in längerer Form zuerst im Letter 1/25 „Wald“.