„Die Energiewende ist nicht nur eine Frage der Technik“
Professorin Andrea Carolina Cardoso Díaz ist Expertin für Umweltökonomie und Leiterin der Forschungsgruppe „Energy Transitions“ an der Universidad del Magdalena in Santa Marta, Kolumbien. Sie ist Mitglied von TRAJECTS, einem der vier vom DAAD geförderten Globalen Zentren für Klima und Umwelt. Wir sprachen mit ihr über die sozialen Aspekte der Energiewende, die Bedeutung indigenen Wissens und die aktuelle politische Situation in Kolumbien.
Frau Professorin Cardoso Díaz, die Klimakrise ist drängender denn je. Es ist entscheidend, dass wir so schnell wie möglich von fossilen Brennstoffen auf erneuerbare Energiequellen umsteigen. Warum fällt uns das immer noch so schwer?
2024 war das erste Jahr, in dem die Erderwärmung 1,5 Grad Celsius über dem vorindustriellen Niveau lag. Das ist ein Aufruf zum Handeln! Dass wir viel zu langsam vorankommen, hat auch damit zu tun, dass viele Entwicklungsländer noch stark von fossilen Brennstoffen abhängen. Klimaschutz und Anpassung müssen daher mit Umwelt- und Klimagerechtigkeit verknüpft werden. Auch wenn fossile Brennstoffe weiterhin dominieren, ist Kapitulation im Kampf gegen den Klimawandel keine Option, und wir müssen zusammenarbeiten, um Gerechtigkeit und Gleichheit zu erreichen.
Für viele ist die Transformation des Energiesektors eine rein technische Frage.
Das ist aber zu kurz gedacht. Die Energiewende ist auch ein sozialer, ökonomischer, ökologischer und kultureller Veränderungs- und Transformationsprozess, der die Beziehung der Menschen zur Energie, zum Produktionssystem und zum Verbrauch neu justiert. Maßnahmen zur Förderung der Energiewende müssen im Kontext der Achtung der ökologischen Grenzen des Planeten gesehen werden. Um die mit der Energiewende verbundenen Konflikte zu minimieren, muss ein demokratischer Prozess in Gang gesetzt werden.
Eine gerechte Energiewende muss mehrdimensional angegangen werden und Veränderungen in verschiedenen Bereichen anstoßen.
Viele Menschen in Kolumbien sind immer noch stark von der Kohleindustrie abhängig. Wie können wir sicherstellen, dass der Übergang zu erneuerbaren Energien sozial gerecht vollzogen wird und diese Gemeinschaften nicht benachteiligt?
Wir benötigen eine Umstellung der Produktion und alternative, vielfältige Einkommensquellen. Ein gerechter Übergang muss mehrdimensional angegangen werden und Veränderungen in verschiedenen Bereichen anstoßen; etwa im Bildungssystem, damit die Arbeitskräfte lokal so ausgebildet werden, wie es die neuen Berufsbilder erfordern. Die Produktion von Energie muss divers erfolgen und entsprechend den Bedingungen jedes Gebiets, jeder Gemeinschaft und der Gesellschaft als Ganzes konzipiert und strukturiert werden. Die Beteiligung der Gemeinden spielt dabei eine entscheidende Rolle.
Ihr Forschungsschwerpunkt ist die Integration von lokalem und indigenem Wissen in die Entwicklung nachhaltiger Energiesysteme. Welche Rolle spielt dieses Wissen bei der Gestaltung einer gerechten Energiewende, und wie kann es wirksam in politische Entscheidungsprozesse integriert werden?
In Kolumbien ist eine indigene Bewegung namens „Fuerza de Mujeres Wayuu“ („Macht der Frauen vom Volk der Wayuu“) aktiv. Sie prangert sowohl die negativen Auswirkungen des Kohlebergbaus als auch die Auswirkungen von Fotovoltaik- und Windenergieprojekten an. Wie der Kohlebergbau sind auch Windparks umstritten. Sie verursachen Vertreibungen aus einem Lebensraum, der oftmals auch eine große spirituelle Bedeutung für die indigenen Gemeinschaften hat, und ziehen zudem Umweltveränderungen nach sich, welche die Lebensgrundlage der Menschen bedrohen. Eine Lösung könnte der Aufbau von sogenannten „Energiegemeinschaften“ sein, wie sie die kolumbianische Regierung in ihrem „Fahrplan für eine gerechte Energiewende“ vorschlägt. Diese Energiegemeinschaften berücksichtigen ethnische, kulturelle und territoriale Besonderheiten und erleichtern die Einbindung lokaler Gemeinschaften in die Wertschöpfungskette der Energieproduktion.
Der schrittweise Ausstieg aus der Kohleverbrennung ohne Berücksichtigung sozialer und ökologischer Aspekte ist eindeutig eine der Ursachen für die Zunahme bewaffneter Konflikte.
Leider erlebt Kolumbien derzeit eine Eskalation des bewaffneten Konflikts in verschiedenen Regionen, wodurch sich die humanitäre Lage weiter verschlechtert. Wie wirkt sich dieses instabile politische Klima auf die Bemühungen um eine gerechte Energiewende aus, und welche Strategien könnten helfen, trotz dieser Herausforderungen Fortschritte zu erzielen?
Der schrittweise Ausstieg aus der Kohleverbrennung ohne Berücksichtigung sozialer und ökologischer Aspekte ist eindeutig eine der Ursachen für die Zunahme bewaffneter Konflikte. Er beeinträchtigt das soziale Gefüge. Um diese Konflikte zu entschärfen, müssen politische Maßnahmen ergriffen werden, die eine effektive und umfassende Beteiligung der verschiedenen Akteure vor Ort an gerechten Übergangsprogrammen gewährleisten. Auf diese Weise können sie in die Entscheidungsfindung einbezogen und gleichzeitig in ihrer Handlungsfähigkeit gestärkt werden.
Interview: Klaus Lüber (27. Februar 2025)