Hochschulen gegen Rassismus

Personen im Gespräch

Rassismus kann viele Formen und Ausprägungen annehmen und in unterschiedlichen Kontexten stattfinden. Was können Hochschulen gegen diskriminierendes Verhalten tun? Zwei Best-Practice-Beispiele zeigen, wie sich Sensibilität im Umgang miteinander schulen und ein respektvolles und diskriminierungsfreies Miteinander auf dem Campus fördern lässt. Eine gerade veröffentlichte Studierendenbefragung des DAAD hat Diskriminierungserfahrungen von Studierenden erhoben, die auf dem Campus deutlich geringer ausfallen als im nicht-akademischen Umfeld. Die Studienverantwortlichen geben dennoch konkrete Handlungsempfehlungen an die Hochschulen.

Martin Langbein leitet das Projekt „Weltoffene Region Thüringens“ (WORT) an der Hochschule Schmalkalden. Es wird durch den Freistaat Thüringen aus Mitteln des Europäischen Sozialfonds Plus gefördert. Die Ansätze des Modellprojekts sollen auch auf andere Regionen übertragbar sein.

Martin Langbein

„Unser 2022 gestartetes Projekt WORT war auch eine Reaktion auf den bundesweit zweitschlechtesten Wanderungssaldo in Thüringen: Mehr als die Hälfte der Hochschulabsolventinnen und -absolventen verlässt demnach den Freistaat Thüringen nach dem Studium. Zugleich werden bis 2040 – im Vergleich zum heutigen Stand – voraussichtlich circa 250.000 Erwerbstätige in Thüringen fehlen. Wir sind davon überzeugt, dass eine Region, die sich weltoffen und lebenswert zeigt, attraktiv wirken und positive Anreize zum Bleiben schaffen kann. Umfragen unter unseren Studierenden zeigen, dass sich die internationalen Studierenden weit häufiger vorstellen können, auch nach dem Abschluss in der Region zu leben und zu arbeiten, als ihre Mitstudierenden. Da setzen wir an.

Besonders gut kommt eine zertifizierte Weiterbildung an, in der wir ,Beauftragte für ein weltoffenes Unternehmen‘ ausbilden. In einem Train-the-Trainer-Ansatz qualifizieren wir Mitarbeitende, die ihr erworbenes Wissen dann wiederum in ihre Firmen einbringen. Sie lernen, kulturelle Dynamiken zu erkennen und bei Problemen kompetent zu intervenieren. Das Interesse an der Weiterbildung sowie weiteren WORT-Formaten in der Stadt und im Landkreis ist groß.

Viele Unternehmen in der Region erkennen die Herausforderungen des Fachkräftemangels – auch wenn sich das in den Wahlergebnissen nicht unbedingt widerspiegelt. Alters- und nationalitätshomogene Belegschaften, wie sie nach der Wiedervereinigung in Thüringen üblich waren, werden zumeist nicht als ein Modell für die Zukunft eingeschätzt.

 

Akute Fälle von Alltagsrassismus habe ich an der Hochschule Schmalkalden noch nicht erlebt, aber wir erhalten gelegentlich besorgte Anfragen von Bewerberinnen und Bewerbern, ob man in Thüringen noch gut studieren könne. Genau das ist auch ein Ziel unseres Projekts: Über verschiedene Kreativ- und Partizipationsangebote wollen wir zeigen, dass man in Südthüringen nicht angefeindet wird, wenn man sich anders kleidet oder eine andere Sprache spricht.

Der Campus der Hochschule Schmalkalden liegt etwas außerhalb der Kernstadt. In Zusammenarbeit mit den Vereinen interculture.de und Bunte Kultur Schmalkalden e. V. (BUKS) arbeiten wir daran, internationale Studierende stärker mit Einheimischen ins Gespräch zu bringen. Durch unser Büro in der Auer Gasse mit Co-Working-Space und Eventfläche oder Veranstaltungsorten wie der Milchhalle, einem Begegnungs- und Kultur-Café, werden Orte der Begegnung mitten in der Stadt geschaffen. Hier kann man sich kennenlernen und miteinander ins Gespräch kommen – nur so lassen sich alltagsrelevante, greifbare Probleme lösen und verfestigte Denkmuster aufbrechen. Wir sind jetzt im vierten Jahr und haben schon einiges bewegt. Aber das ist kein 100-Meter-Lauf, eher ein Marathon. Wir müssen am Ball bleiben und weiter dafür sorgen, dass dieses Projekt Eigendynamiken gewinnt und nachhaltig auf eigenen Füßen stehen kann.“

Austausch auf Augenhöhe im „Conversations Club“

Prof. Dr. Katajun Amirpur ist Professorin für Islamwissenschaft und Beauftragte für Rassismuskritik an der Universität zu Köln (UzK). Die 2022 eingerichtete Stelle ist bundesweit bislang einzigartig.

Eine lächelnde Frau mit lockigem, hochgestecktem Haar steht vor einer verschwommenen Wasserlandschaft bei Dämmerung, mit bunten Lichtreflexionen im Hintergrund.

„Rassismuskritik setzt sich mit allen Formen von Rassismus auseinander. Es geht dabei um ein stetiges Überprüfen nicht nur von Strukturen und Institutionen, sondern auch des eigenen Verhaltens. Meine Aufgabe als Beauftragte für Rassismuskritik ist vor allem eine koordinierende. An der UzK setzen sich verschiedene Foren und Gruppierungen mit Formen von Alltagsrassismen innerhalb der Hochschule auseinander.  Ihre Erfahrungen und Anliegen führe ich zusammen, moderiere den Dialog und trage ihre Positionen auch in die Fakultäten. Erste Anlaufstellen für konkrete Anliegen sind unsere rassismuskritischen Beratungen für Studierende und für den akademischen Mittelbau. Die jährlichen Berichte unserer Beraterinnen zeigen, dass Studierende Diskriminierungserfahrungen unterschiedlichster Art machen – das gilt auch für sogenannten positiven Rassismus. Studentinnen mit Kopftuch erzählen beispielsweise, dass sie in Seminaren betont deutlich angesprochen oder für ihre guten Deutschkenntnisse gelobt werden.

Deutschland ist eine Einwanderungsgesellschaft, deshalb müssen wir uns auch an den Hochschulen stärker mit diesem Thema auseinandersetzen. So sollte etwa Migrationsgeschichte ein selbstverständlicher Teil des Curriculums sein. Oft hören wir auch den Vorwurf, dass in Studiengängen viel zu wenige nicht-weiße Autorinnen und Autoren zur Sprache kommen. All das sind Gewöhnungs- und Lernprozesse, die unter den Begriff Rassismuskritik fallen.

Eine Jobbeschreibung gab es für meine Stelle nicht – was wir tun, ist ,Learning by doing‘. Ursprünglich war geplant, dass ich eine Schnittstellenfunktion einnehme und eher im Hintergrund agiere. Inzwischen habe ich jedoch relativ viel Kontakt mit Betroffenen. Manchmal fühlen sich Studierende einfach wohler, wenn ich sie zu Gesprächen mit Lehrenden begleite. Einige haben Situationen erlebt, in denen sie sich nicht ernst genommen fühlten. Wenn ich als Beauftragte für Rassismuskritik eine Mail schreibe und um ein Gespräch bitte, ist das Ganze etwas höher aufgehängt.

„Unsere Workshops zu Themen wie Unconcious Bias, Rassismuskritik oder rassismussensibler Sprache lösen bei ganz vielen Menschen Aha-Effekte aus“
Prof. Dr. Katajun Amirpur, Beauftragte für Rassismuskritik 

Es sind oft gar nicht die ganz großen Dramen, die von den Studierenden angemerkt werden, sondern eher Unaufmerksamkeiten, nicht selten auch Unsensibilität ihnen gegenüber. Aus meiner Position heraus ist es anderen Lehrenden einfacher zu vermitteln, dass sie sich um einen Sprachgebrauch bemühen könnten, der andere Menschen nicht verletzt. Und das sehe ich bei vielen Kolleginnen und Kollegen: Die meisten haben sich einfach noch nie Gedanken darüber gemacht, warum ihre Sprache oder ihr Verhalten verletzend sein könnte.

Deshalb wünsche ich mir, und mache mich dafür stark, dass noch mehr Menschen aus dem Hochschulbetrieb unsere vielfältigen Weiterbildungsangebote nutzen. Natürlich, der Hochschulalltag ist fordernd. Aber es wäre wirklich sinnvoll, sich darauf einzulassen. Unsere Workshops zu Themen wie Unconcious Bias, Rassismuskritik oder rassismussensibler Sprache lösen bei ganz vielen Menschen Aha-Effekte aus. Danach geht man sensibler durch die Welt.“

Text und Protokolle: Gunda Achterhold (2. September 2025)