Sorge um Frieden in Kolumbien: Die Arbeit des deutsch-kolumbianischen Instituts CAPAZ
Nach mehr als 50 Jahren Bürgerkrieg konnte in Kolumbien 2016 ein bedeutender Friedensschluss erreicht werden. Noch im selben Jahr nahm das Deutsch-Kolumbianische Friedensinstitut CAPAZ (Instituto Colombo-Alemán para la Paz) in Bogotá seine Arbeit auf, das vom DAAD als Exzellenzzentrum mit Mitteln des Auswärtigen Amts gefördert wird. Zuletzt erlebte der Friedensprozess mehrere Rückschläge, auch durch eskalierende Drogenkriege. CAPAZ-Direktor Professor Stefan Peters spricht im Interview über die aktuelle Situation im Land, wissenschaftliche Erfolge und die internationale Bedeutung der am Institut betriebenen Forschung.
Herr Professor Peters, der Frieden, den Ihr Institut CAPAZ im Namen trägt, ist in Kolumbien aktuell vielfach bedroht. Wie blicken Sie auf die Situation im Land?
Wir können angesichts der aktuellen Situation nicht von Kolumbien im Singular sprechen. In der Hauptstadt Bogotá ist es vergleichsweise friedlich. In einigen Regionen des Landes hat sich die Situation seit dem Friedensabkommen von 2016 verbessert, in anderen Regionen leider nicht, und es gibt auch Gebiete, in denen wir eine – teils deutliche – Verschlechterung feststellen müssen. Das gilt besonders für abgelegene, sozial marginalisierte Regionen. Verschiedene nicht-staatliche Gewaltakteure haben in den vergangenen Jahren an Einfluss gewonnen, sowohl unter der aktuellen Regierung des linken Präsidenten Petro, der sich für einen umfassenden Frieden einsetzen wollte, als auch unter seinem konservativen Vorgänger Duque, der dem Friedensprozess skeptisch gegenüberstand. Wir haben vielerorts Situationen, in denen wir uns um den Schutz unserer Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler und ihrer Gesprächspartnerinnen und -partner, etwa von Opferorganisationen, sorgen müssen. Zugleich erleben wir wertvolle Lernprozesse zur Forschung in Konfliktgebieten, die auch für die Partnerhochschulen unseres Netzwerks mit Blick auf andere Krisenherde auf der Welt bedeutsam sind. Das CAPAZ ist auch ein Labor der deutschen Science Diplomacy.
Was sind die Gründe für die Rückschritte im Friedensprozess?
Infolge der 2016 begonnenen Demobilisierung der ehemals größten Rebellengruppe FARC ist ein Machtvakuum entstanden, mit Kämpfen zwischen mehreren Nachfolgegruppen und weiteren Konfliktparteien. Zudem konnte das Problem des illegalen Drogenhandels nicht – wie im Friedensvertrag beabsichtigt – gelöst werden. Der Koka-Anbau boomt aktuell: Der Anbau ist teilweise kulturell stark verwurzelt, schafft spezifische gesellschaftliche Logiken und ist finanziell einträglicher als das Wirtschaften mit Alternativen wie Ananas oder Kakao. Aber es wurden auch Chancen verpasst. So waren die Koka-Preise 2023 dramatisch gefallen. Eine Politik, die entschlossen landwirtschaftliche Alternativen fördert und Einkommen garantiert, hätte hier neue Wege aufzeigen können. Die Politik hat es vielerorts nicht geschafft, die Lebensbedingungen der Menschen zu verbessern und zum Beispiel durch eine Landreform und Bildungsmaßnahmen Perspektiven zu bieten.
Sie haben beschrieben, wie sich in Kolumbien Konfliktlinien verändert haben. Haben sich auch die Ziele von CAPAZ in seiner bald zehnjährigen Geschichte verändert?
Wir sind als wissenschaftliches Institut nach wie vor in Forschung, Lehre, Wissenstransfer und Politikberatung tätig. Das Netzwerk unserer Partneruniversitäten ist mittlerweile auf 35 angewachsen, wir arbeiten mit der Zivilgesellschaft wie auch mit staatlichen Institutionen zusammen. Aber natürlich verändert sich unsere Arbeit mit den Bedingungen vor Ort. Wir beschäftigen uns intensiv mit aktuellen Problemen bei der Umsetzung des Friedensvertrags von 2016 und damit, wie sich einzelne Gewaltakteure verändert haben. Was sind ihre Ziele? Wollen sie einen sozialen Wandel oder stehen kriminelle Ziele, etwa im Drogenhandel, im Vordergrund? Wie funktioniert die „criminal governance“? In unserer Forschung können wir seit 2022 auch den Abschlussbericht der Wahrheitskommission zu den Entwicklungen des Bürgerkriegs und zahlreichen Menschenrechtsverletzungen berücksichtigen. Ein Bereich, der in unserer Arbeit zunehmend an Bedeutung gewinnt, ist „environmental peacebuilding“, das sich mit dem Zusammenhang von Umweltschutz und Konfliktlösungen beschäftigt.
Die ersten großen Urteile der Sondergerichtsbarkeit für den Frieden wurden im September unter anderem von den Vereinten Nationen als „Meilensteine“ begrüßt. Was bedeuten sie für die Arbeit von CAPAZ?
Wir können nun analysieren, wie sich das sehr innovative Modell der kolumbianischen „transitional justice“ zur Aufarbeitung der Konflikte weiter auswirkt und welche Herausforderungen bei der Umsetzung der Urteile bestehen. Wir vermitteln die juristischen Ergebnisse und Erfolge auch Multiplikatoren wie zivilgesellschaftlichen Organisationen und Medien. Wir können dabei viel für andere Länder und Konflikte lernen, auch was Formen der Wiedergutmachung und des Ausgleichs anbelangt.
Was steht für CAPAZ in den kommenden Monaten im Vordergrund?
2026 finden in Kolumbien sowohl Parlaments- als auch Präsidentschaftswahlen statt. Wir werden den Fokus darauf richten, welche Politiken den Frieden unterstützen, und auch die neue Regierung entsprechend begleiten. Die Arbeit der Sondergerichtsbarkeit werden wir weiterhin begleiten und den Dialog mit Opferorganisationen stärken. Das betrifft insbesondere Gruppen, die lange Zeit vernachlässigt wurden, etwa Opfer sexueller Gewalt oder Exilantinnen und Exilanten. Wir werden uns zudem mit der Bedeutung transnationaler organisierter Kriminalität für die Konflikte in Kolumbien beschäftigen. Die Erkenntnisse aus unserer Arbeit sind relevant für zahlreiche internationale Konfliktfelder und die Aufarbeitung so unterschiedlicher Bürgerkriege wie in Syrien oder Mosambik.
Interview: Johannes Göbel (14. Oktober 2025)