Auf den Spuren architektonischer Pionierarbeit

Rosemarie Lazarus: „Ägypten ist für mich zu einem zweiten Zuhause geworden“

Mit ihrem DAAD-geförderten Forschungsaufenthalt in Ägypten kehrt Rosemarie Lazarus zu ihren akademischen Wurzeln zurück: In den 1960er-Jahren lebte sie acht Jahre in Kairo und traf dort im Rahmen ihres Architekturstudiums auf den Pionier des nachhaltigen Bauens, Hassan Fathy. Nun beschäftigt sie sich in ihrer Promotion mit seinen Planungsgrundsätzen. 

Frau Lazarus, Sie haben in den 1960er-Jahren in Berlin und Kairo Architektur studiert und 1973 Ihr Studium der Politikwissenschaften an der Freien Universität Berlin abgeschlossen. Nun promovieren Sie im Fachgebiet Städtebauliche Denkmalpflege und urbanes Kulturerbe an der Technischen Universität (TU) Berlin. Wie sind Sie auf die Idee gekommen, sich dieses neue Ziel zu setzen?
Im Zuge meines Architekturstudiums an der American University in Cairo habe ich den Architekten Hassan Fathy persönlich kennenlernen dürfen. Das war ein beeindruckendes Erlebnis, an das ich mich im Laufe der Jahre immer wieder gerne erinnert habe. Sein Dorf New Gourna in der Nähe von Luxor, das in den 1940er-Jahren entstanden ist und aus rund 90 Gebäuden besteht, wird aktuell restauriert. Die Baumaßnahmen habe ich zum Anlass genommen, mich aus Perspektive des Denkmalschutzes erneut mit Fathys Architektur auseinanderzusetzen. Mir ist wichtig, einen wissenschaftlichen und damit objektiven Standpunkt einzunehmen: Von meiner Bewunderung für seine Arbeit möchte ich mich in meiner Dissertation nicht leiten lassen. Konstruktiv ist dabei der Austausch mit anderen Promovierenden im Rahmen eines Kolloquiums an der TU Berlin. Den akademischen Diskurs mit den Nachwuchsforschenden empfinde ich als äußerst bereichernd, da ich damit wertvolle Einblicke in die Sichtweisen der jungen Generation auf mein Forschungsthema erlange.

Moschee von New Gourna nach ihrer Restauration im Jahr 2021

Welchen Schwerpunkt setzen Sie in Ihrer Dissertation?
Ich gehe insbesondere der Entwicklung von Fathys Bauweise auf den Grund und stelle ihn in den Kontext der modernen ägyptischen Architektur. Zudem interessiert mich Fathys Rezeption in der westlichen Kultur. Mit Innenhöfen, Bögen und der Gestaltung von Moscheen orientierte er sich an der islamischen Architektur und nutzte dabei traditionelle ägyptische Bauweisen. Durch den Einsatz lokaler Materialien wie Lehm und Stein schaffte er nachhaltige und zugleich klimatisch angepasste Bauten, die insbesondere der ländlichen Bevölkerung zugutekommen sollten. Dennoch erhielt er für seine Arbeit lange Zeit wenig Anerkennung, was auch am Scheitern des Gourna-Projekts deutlich wird. 

Was waren die Gründe dafür?
Fathy war ein Visionär und seiner Zeit zu weit voraus. Die ägyptische Bevölkerung, Bauunternehmer und auch die Regierung empfanden seine Techniken als rückständig. Stattdessen setzten sie auf Baustoffe der westlichen Hemisphäre wie beispielsweise Beton und Stahl. Wesentlichen Anteil an dieser Sichtweise hatten die langfristigen Auswirkungen der britischen Kolonialherrschaft, die industrielle Bauweisen bevorzugte und die ägyptische Wirtschaft an ihren eigenen Interessen und Bedürfnissen ausrichtete. Zudem stellten die Kolonialherren die westliche Kultur als überlegen dar und marginalisierten die ägyptischen Traditionen. 

Inwiefern können Fathys Projekte für die Gegenwart als Vorbild dienen? 
Angesichts des Klimawandels und der Tatsache, dass der Bausektor einer der größten Ressourcenfresser ist, gewinnt Fathys kosten- und umweltschonende Arbeit stark an Aktualität. Im Vergleich zu Zement, dem Hauptbestandteil von Beton, hat Lehm eine deutlich bessere CO2-Bilanz – bei Eigenschaften wie einer guter Wärmespeicherfähigkeit und Feuchtigkeitsregulierung. Meiner Ansicht nach lohnt es sich deshalb, alte Techniken auf den Prüfstand zu stellen und ihren Einsatz zu reflektieren. Gleichzeitig muss man sich in der Debatte allerdings auch der Grenzen bewusst sein: Aufgrund der geringeren Tragfähigkeit und Wasserempfindlichkeit ist Lehm zum Beispiel für mehrstöckige Gebäude weniger tauglich als Beton.

Im Oktober 2024 reisen Sie mit einem DAAD-Stipendium für einen Monat nach Ägypten. Mit welchen Erwartungen brechen Sie auf?
Ägypten ist für mich zu einem zweiten Zuhause geworden, das ich seit Jahrzehnten regelmäßig besuche und das mich immer wieder fasziniert. Insbesondere die Pyramiden versetzen mich jedes Mal in ehrfürchtiges Staunen. Mein DAAD-Stipendium werde ich dazu nutzen, um an der American University in Cairo Schriften und Skizzen einzusehen. Zudem plane ich, im Nationalarchiv, in verschiedenen Ministerien und auch vor Ort in New Gourna zu Hassan Fathy zu recherchieren. Darüber hinaus möchte ich für einige Tage nach New Baris fahren, einem zweiten Dorf, das Fathy in der Wüste errichtet hat.

Was nehmen Sie aus Ihrem beruflichen Werdegang für Ihre Promotion mit?
Ich war viele Jahre als Redakteurin tätig, später auch als Mitarbeiterin des Ministeriums für Umwelt, Naturschutz und Raumordnung des Landes Brandenburg sowie für die TU Berlin am Institut für Baugeschichte. In diesen Funktionen habe ich mich intensiv mit den Themen ökologisches Bauen und Umweltschutz auseinandergesetzt. Das kommt mir jetzt zugute: Mein fachliches Wissen, aber auch meine vielfältigen Erfahrungen helfen mir beim Einordnen komplexer Sachverhalte.

Interview: Christina Pfänder (24. September 2024)
 

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