„Man muss sich in Diskurse einbringen und vor Ort präsent sein“

Dr. Katja Lasch leitet seit 2019 die DAAD-Außenstelle und das Deutsche Wissenschafts- und Innovationshaus Neu-Delhi.

Der aktuelle G20 Vorsitz ist für Indien eine Chance, sich auf Augenhöhe mit den wichtigen Industrienationen der Welt zu präsentieren. Dr. Katja Lasch kennt das Land als Leiterin der DAAD-Außenstelle und des Deutschen Wissenschafts- und Innovationshauses (DWIH) Neu-Delhi sehr gut. Im Interview spricht sie über ihre Erfahrung als Co-Chair der G20 Startup20 Engagement Group und die wichtige und erfolgreiche Arbeit des DAAD vor Ort.

Frau Dr. Lasch, der G20-Vorsitz könnte eine Chance für Indien sein, sich als wichtiger Player auf der Weltbühne zu präsentieren. Nutzt das Land diese Gelegenheit?

Man muss sagen, dass der G20-Vorsitz in Indien sehr ernst genommen wird. Dem Land ist es gelungen, das Thema gesellschaftlich in die Breite zu tragen, um von vornherein den Eindruck zu vermeiden, es würde sich um eine Elite-Veranstaltung handeln. Wenn man durch Neu-Delhi oder auch kleinere Städte fährt, begegnet einem überall das G20-Logo, die Medien greifen das Thema auf. Und auch für die Politik hat der Gipfel höchste Priorität. Das strahlt dann durchaus auch nach außen ab.

Inwiefern?

Nehmen Sie die vielen Ministerbesuche von deutscher Seite in den letzten Monaten. Außenministerin Baerbock, Wirtschaftsminister Habeck, Verkehrsminister Wissing und zuletzt Arbeitsminister Heil reisten an, um sich persönlich ein Bild zu machen von Indien als aufstrebender Industrienation. Ich denke, das Land hat es geschafft, sich als ernst zu nehmenden Partner mit einem enormen wirtschaftlichen wie wissenschaftlichen Potenzial äußerst erfolgreich präsentieren. Das Interesse von politischer deutscher Seite an Indien in diesem Jahr jedenfalls war bemerkenswert. 

Hat Indien denn tatsächlich das Potenzial, auf Augenhöhe mit großen Industrienationen zu agieren?

Im Wissenschaftsbereich, eindeutig ja. Indien ist es Ende August als eine von bislang nur vier Nationen weltweit gelungen, erfolgreich auf dem Mond zu landen. Das allein zeigt auf der einen Seite das technische Know-how und andererseits auch die Ambition, in den kommenden Jahren weiter zu den führenden Industrienationen auch im Wissenschaftsbereich aufzuschließen. Besonders die Startup-Szene Indiens entwickelt sich sehr gut im internationalen Vergleich.

Dr. Katja Lasch auf einem Panel der G20 Startup20 Engagement Group

Darauf haben Sie sich als Leiterin des Deutschen Wissenschafts- und Innovationshauses (DWIH) Neu-Delhi in letzter Zeit besonders fokussiert, richtig?

Das stimmt. Wir haben erkannt, dass es besonders bei wissenschaftsbasierten Start-ups einen großen Bedarf an internationalen Kooperationen gibt. Diese Lücke versuchen wir, durch diverse Veranstaltungsformate zu schließen. Zum Beispiel das Incubators Connect Programm. Im Juni 2023 führten wir in Karlsruhe, Braunschweig und Berlin Workshops und Vernetzungsveranstaltungen mit zwölf Inkubatoren aus Indien und insgesamt 50 Vertreterinnen und Vertretern des deutschen Start-up-Ökosystems durch. Vor allem in den Workshops fand ein intensiver Austausch zur künftigen Zusammenarbeit von Inkubatoren an Hochschul- und Forschungsinstitutionen statt. Ich denke, wir konnten hier inzwischen eine breite Expertise aufbauen, die auch dazu geführt hat, dass ich als Co-Chair International Alliances in die Startup Engagement Arbeitsgruppe im Rahmen der G20 Aktivitäten eingeladen wurde.

Wie haben Sie die Arbeit in der G20-Working Group erlebt?

Als sehr spannend und konstruktiv. Ich hatte die Gelegenheit, als Vertreterin des DWIH Neu-Delhi meine Expertise direkt in die Ausarbeitung eines Policy-Papers einzubringen. Beim großen Summit der Startup20 Engagement Group Anfang Juli in Gurugram war ich auf zwei Panels vertreten. Für uns war es wirklich ein großer Erfolg, dass wir auf einem relevanten politischen Level unsere Perspektive aus Deutschland und unserer internationalen Arbeit einbringen durften. Es gab zudem noch eine Reihe von begleitenden Veranstaltungen, an denen wir auch beteiligt waren.

Welche zum Beispiel?

Die Association of Indian Universities hatte eine internationale Konferenz organisiert, auf der sich Hochschulen der G20-Staaten austauschen konnten. Hier waren wir vor Ort und haben die deutschen Universitäten dabei unterstützt, Kontakte zu knüpfen. Dann war Bundeswirtschaftsminister Habeck im Rahmen der Working Group on Business für einige Termine in Indien, bei denen wir mit unserer Expertise im Bereich Start-ups und Innovation mitgewirkt haben. Dass wir direkt vom Bundesministerium für Wirtschaft und Klimaschutz angesprochen wurden, hat uns noch einmal bestätigt, wie breit wir uns inzwischen aufstellen konnten. Und wir hatten die Gelegenheit, uns an einem Panel zum Thema internationale Wissenschaftskooperation zu beteiligen. Dieses fand während eines G20 Side Events des Office des Principle Scientific Advisor statt, der vom Delhi Innovation Cluster organisiert wurde. 

 Bundeswirtschaftsminister Dr. Robert Habeck auf einem Panel der G20 Working Group on Business im Austausch mit Aadishree Jamkhedkar, Programmleiterin des DWIH Neu-Delhi

Wie würden Sie das generelle Potenzial des DWIH oder allgemeiner des DAAD beschreiben, als Akteur auf einer internationalen politischen Entscheiderebene wie den G20 Einfluss zu nehmen?

Einerseits haben wir vonseiten des DAAD und DWIH inzwischen die Expertise, uns an wissenschaftspolitischen Entwicklungen von hoher aktueller Relevanz zu spielen. Das letzte Indo-German Forum zu Sustainable Urban Mobility im März 2023 ist dafür ein gutes Beispiel: ein Thema, das inhaltlich direkt anschlussfähig ist an die Arbeit der G20-Konferenz – etwa in der Science Engagement Group. Darüber hinaus gehört es ja zu unseren Kernkompetenzen, internationale Kooperationen anzubahnen. Hier wäre etwa die Konferenz iHED - International Higher Education Dialogue zu nennen, die wir schon seit einigen Jahren veranstalten. Das ist eine Online-Plattform, auf der sich deutsche und indische Hochschulen zu Internationalisierungsthemen austauschen können. Und dann wäre noch der Themenbereich Innovation zu nennen, mit unserem direkten G20-Engagement. Zum Beispiel konnten wir vor Kurzem den Vorsitzenden der Startup20 Engagement Group als Panel-Teilnehmer für ein KIWi Policy Talk gewinnen. Man nimmt den DAAD und das DWIH in Indien hier inzwischen als wichtigen Akteur war.

Sie meinen als wichtigen Akteur im Policy-Bereich?

Richtig. Das war eine Erkenntnis auch im Kontext der aktuellen Science-Diplomacy-Strategie der Bundesregierung: Wir möchten uns als DAAD und DWIH in Indien breit aufstellen und neben der Stipendienarbeit, der Unterstützung von Hochschulkooperation und anderen Aktivitäten eben auch in die politische Ebene hineinwirken. Hierzu muss man sich in Diskurse einbringen – und zwar kontinuierlich und vernetzt vor Ort. Das ist ja auch unsere Stärke als DAAD, dass wir präsent sind in den jeweiligen Ländern und die Strukturen auch sehr gut kennen. Das zahlt sich im Bereich der Science Diplomacy aus.

Interview: Klaus Lüber (12. September 2023)

 

 

 

 

 


 

 

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