„Wir brauchen Mentoring, auf allen Ebenen“

DAAD-Alumna Jutta Freifrau von Falkenhausen: „Die Quote wirkt!“

DAAD-Alumna Jutta Freifrau von Falkenhausen über die Initiative FidAR und ihren Einsatz für mehr Frauen in Aufsichtsräten und Führungspositionen.

Die Initiative FidAR setzt sich für mehr Frauen in Aufsichtsräten und Führungspositionen ein. Mitgründerin und Vizepräsidentin bis 2018 ist DAAD-Alumna Jutta Freifrau von Falkenhausen. Im Interview erzählt sie vom Charme der Gesetze, vom Netzwerken und ihrer Antwort darauf, dass es keine passenden Frauen für vakante Führungspositionen gebe.

Frau von Falkenhausen, die von Ihnen mitgegründete Initiative FidAR setzt sich seit 2006 dafür ein, dass mehr Frauen in Aufsichtsräte kommen. Wie sieht denn die aktuelle Situation in Deutschland aus?
Die Zahlen zeigen, dass die Dinge in Deutschland am besten funktionieren, wenn es ein Gesetz und eine Pflicht gibt: In den großen – börsennotierten und paritätisch mitbestimmten – Unternehmen, die seit 2015 von der festen Quote von mindestens 30 Prozent Frauen in Aufsichtsräten betroffen sind, haben wir aktuell sogar einen Anteil von 35 Prozent. In den Unternehmen, die nicht von der gesetzlichen Verpflichtung betroffen sind, liegt der Anteil deutlich darunter, bei 27 Prozent. Das zeigt: Die Quote wirkt! In den Vorständen lag der Frauenanteil jahrzehntelang bei unter 10 Prozent. Seit das Mindestbeteiligungsgebot im Jahr 2021 in Kraft getreten ist, sehen wir in den Vorständen der betroffenen Unternehmen einen schönen Aufwuchs – der Anteil ist bei 20 Prozent angelangt.

Dass es kein solches Gesetz gab, war einer der Anlässe für die Gründung von FidAR.
Ja, die Selbstverpflichtung der deutschen Wirtschaft zu mehr Frauen in Führungspositionen hatte sich als wirkungslos erwiesen, der Anteil von Frauen in Aufsichtsräten stagnierte bei etwa 10 Prozent. Wann immer man kritisierte, dass keine Frau besetzt worden war, kam der Reflex: „Na ja, es gibt ja keine.“ Einige Frauen in Berlin schlossen sich daraufhin 2005 zusammen, um von einer großen Personalberatungsgesellschaft eine Datenbank aufsetzen zu lassen mit aufsichtsratsfähigen und -willigen Frauen. Ich war damals in Berlin für eine große Wirtschaftskanzlei als Anwältin tätig und brachte mich dann aktiv ein. Inzwischen hat FidAR 1.300 Mitglieder und ist auch ein wichtiges Netzwerk.

Wie viel vom Erfolg der Quote rechnen Sie FidAR zu?
Ich will nicht sagen, dass der Sprung von 10 auf 35 Prozent allein ein Verdienst von FidAR ist, aber FidAR hat es geschafft, ein starkes Bündnis verschiedener Frauenverbände zu etablieren und die Unterstützung durch ein überparteiliches Frauenbündnis im Bundestag zu gewinnen. Ohne FidAR hätte es wohl das erste Führungspositionen-Gesetz, das Gesetz für die gleichberechtigte Teilhabe von Frauen und Männern an Führungspositionen, nicht gegeben. Das war 2015 ein Meilenstein, daran haben wir mitgeschmiedet. Ich glaube, der Erfolg von FidAR liegt auch darin, dass wir uns mit einem sehr klaren Fokus gegründet haben: dass mehr Frauen in die Aufsichtsräte und in der Folge in Vorstände und Führungspositionen in der Wirtschaft gelangen. Wir waren zur richtigen Zeit am richtigen Ort. Das Thema war reif.

Ähnlich zur richtigen Zeit am richtigen Ort sind Sie auch mit dem Thema einer „feministischen Außenpolitik“. Sie sind auch eine frühe Unterstützerin der Forschungs- und Beratungsorganisation .
Ja! Ohne das CFFP hätte es der Begriff „Feminist Foreign Policy“ wahrscheinlich nicht in den Koalitionsvertrag geschafft und hätte Außenministerin Annalena Baerbock nicht am 1. März die vorstellen können. Bei der feministischen Außenpolitik geht es nicht nur um Repräsentanz – das heißt eine geschlechtergerechte Besetzung von Führungspositionen, wie sie bei FidAR im Fokus steht –, sondern auch um Rechte und Ressourcen. Also eine Außenpolitik, die bei allen Entscheidungen im Blick hat, die Rechte von Frauen und marginalisierten Gruppen zu stärken und die vorhandenen Ressourcen entsprechend zu verteilen.

Wie können Frauen zu mehr Teilhabe gelangen – außer durch Quoten, Regeln und Gesetze?
Wir brauchen Mentoring, auf allen Ebenen. Das ist das allerbrauchbarste Werkzeug. Und es sollte reichen von Menschen, die gerade ein Studium anfangen und eine Mentee in der 11. oder 12. Klasse eines Gymnasiums begleiten, über fortgeschrittene Studierende als Mentorinnen für Erstsemester. Eigentlich bräuchten wir lebenslanges Mentoring, auch in Unternehmen. Das Entscheidende am Mentoring ist, dass niemand ein außerhalb des Mentorings liegendes Interesse hat. Dann ist 1:1-Mentoring das Sinnvollste, was man tun kann. Außerdem brauchen wir eine starke Solidarität unter Frauen. Die frühere US-Außenministerin Madeleine Albright hat das auf den Punkt gebracht: „There is a special place in hell for women who don’t help other women.“

Interview: Sarah Kanning (8. März 2023)