DAAD-Alumnifachnetzwerk Rechtswissenschaften: Europäischer Austausch in Belgrad
50 Alumnae und Alumni der Rechtswissenschaften tauschten sich Ende November in Belgrad zu Herausforderungen aus, vor denen die Länder des Westbalkans stehen. Das Fachnetz würde sich über weitere deutsche Alumnae und Alumni freuen – zumal die nächste Konferenz in Deutschland stattfinden soll – aber auch Alumni der Rechtswissenschaften aus anderen europäischen Ländern sind im Netzwerk willkommen.
Die weite Reise nach Belgrad habe sich in mehrfacher Hinsicht gelohnt, meint Dr. Christian Schaich. Der Rechtsanwalt besuchte dort Ende November 2025 die Konferenz „European Integration and Western Balkans Stability“ des DAAD-Alumnifachnetzwerks Rechtswissenschaften. „Ich habe sehr interessante Fachkolleginnen und -kollegen aus zehn Ländern und unterschiedlichen Berufen kennengelernt, von der Wirtschaftsjuristin bis zum Ombudsmann“, sagt der administrative Geschäftsführer des Zentrums für Osteuropa- und internationale Studien (ZOiS) in Berlin. „Zudem konnte ich mich hervorragend über politische Fragen des Westbalkans informieren.“ Eine Podiumsdiskussion über Umweltrecht prägte sich Christian Schaich besonders ein: „Dabei wurde deutlich, wie die serbische Regierung mit rechtlichen Winkelzügen nationale Umweltgesetze aushebelt, um Bergwerkskonzessionen an ausländische Unternehmen zu vergeben.“
Das DAAD-Alumnifachnetzwerk Rechtswissenschaften umfasst heute rund 200 Personen. Die Politikwissenschaftlerin Dr. Anja Mihr, derzeit DAAD-Gastprofessorin an der Nationalen Universität Kyjiw-Mohyla Akademie, ist seit einem Fachtreffen für deutsche DAAD-Alumnae und -Alumni der Rechtswissenschaften 2023 in Paris dabei. „Über das Fachnetzwerk habe ich tolle berufliche Kontakte geknüpft, die ich in meinem Arbeitsalltag einbinde. Auch aus ihrer Sicht machen die unterschiedlichen Hintergründe der Mitglieder den Austausch sehr spannend, sagt die Expertin für Menschenrechte und Übergangsjustiz („Transitional Justice“). Man helfe sich gegenseitig, manchmal auch in praktischen Fragen: So stellte eine Rechtsanwältin, die Anja Mihr über das Fachnetzwerk kennengelernt hatte, ihr für eine Alumnitagung Räumlichkeiten in ihrer Kanzlei in Berlin zur Verfügung. Über die interne Vernetzung hinaus eröffnen die Veranstaltungen des Fachnetzwerks weitere Kontaktmöglichkeiten. In Belgrad nahm Mihr an der Podiumsdiskussion zum Thema „Security – Challenges, Scenarios, and the Role of Global and Regional Actors“ teil. Die Konferenz war auch deshalb sehr interessant, weil ich dort mit DAAD-Alumnae und -Alumni sprechen konnte, die heute auch Teil der serbischen Zivilgesellschaft sind, die am Demokratisierungsprozess im Land arbeitet“, sagt sie.
Auf der Konferenz wurde ein breites Spektrum von Herausforderungen diskutiert, vor denen die Länder des Westbalkans stehen – von Sicherheit über Energie und Klima, Migration und „Brain Drain“ bis zu Rechtsstaatlichkeit und Korruptionsbekämpfung. „Zwei Überzeugungen leiteten uns: Erstens gehören die Westbalkanländer zu Europa und sollten nicht als Randzone betrachtet werden“, sagt der Organisator der Konferenz, Dr. Jovan Kojičić. „Zweitens ist Deutschland in einer Schlüsselposition, um Reformen auf dem Westbalkan anzustoßen.“ Kojičić ist geschäftsführender Direktor des Regional Institute for Public Governance, Human Rights and Environment in Podgorica, Montenegro. „Mir ist es ein zentrales Anliegen, juristisches Fachwissen gesellschaftlich wirksam werden zu lassen: für die Förderung der Menschenrechte, für die Stärkung des Rechtsstaats und für inklusive Regierungsführung“, sagt er. Zum Abschluss der Konferenz diskutierten die Teilnehmenden über konkrete, praxisnahe Erkenntnisse und Empfehlungen, um Stabilität sowie Klima- und Umweltschutz auf dem Westbalkan zu fördern und die EU-Integration zu unterstützen.
Über das DAAD-Alumnifachnetzwerk Rechtswissenschaften, so Jovan Kojičić, habe er Kontakte zu führenden Personen aus Wissenschaft und Rechtspraxis in Europa geknüpft. Das helfe ihm, über aktuelle Forschungen und neue Rechtsentwicklungen informiert zu bleiben. „Die neuen Einblicke kann ich direkt in meiner Arbeit anwenden. Und der Austausch in einem Umfeld, das Recht sowohl theoretisch als auch praktisch begreift, entfacht die Neugier neu, die der DAAD einst entfacht hat.“
Initiiert wurde das DAAD-Alumnifachnetzwerk Rechtswissenschaften von dem italienischen Rechtsanwalt Luca Pagnotta. Der Experte für internationales Handelsrecht hat am Max-Planck-Institut für ausländisches und internationales Privatrecht in Hamburg geforscht. „Bei den Aufenthalten in Hamburg ergaben sich viele sehr spannende, bereichernde Diskussionen mit internationalen Kolleginnen und Kollegen über Rechtsthemen. Dieser fachliche Austausch hat mir später gefehlt. So kam ich auf die Idee, das Fachnetzwerk zu gründen“, erzählt Pagnotta. „Das DAAD-Informationszentrum Rom und das DAAD-Alumnireferat waren davon begeistert und haben mir gleich Unterstützung zugesagt. Das hat mich sehr motiviert.“
Die Förderung der fachlichen Vernetzung ist Teil des Alumnikonzepts des DAAD. In den Rechtswissenschaften sammeln im Vergleich zu anderen Disziplinen eher wenige Studierende und Promovierende internationale Erfahrungen. Auch deshalb sei das Interesse am Austausch unter den ehemaligen Geförderten groß, meint die Leiterin des DAAD-Alumnireferats Dr. Heidi Wedel: „Für unsere Jura-Alumnae und -Alumni aus Deutschland organisieren wir regelmäßig große Fachtreffen. Dank dem Fachnetzwerk können sie sich nun auch mit europäischen Kolleginnen und Kollegen austauschen.“ Wedel hat den Aufbau des Netzwerks intensiv begleitet. Sie riet Pagnotta und den anderen Engagierten der ersten Stunde, den Fokus zunächst auf Europa zu legen, um physische Treffen ohne allzu großen Aufwand zu ermöglichen. „Persönliches Kennenlernen ist wichtig, damit die Mitglieder Vertrauen zueinander aufbauen und dauerhaftes Interesse an der Zusammenarbeit entwickeln“, sagt Wedel. Das Alumnireferat machte Alumnae und Alumni der Rechtswissenschaften auf das neue Netzwerk aufmerksam und sorgte beim ersten Online-Treffen für technischen Support.
Physische Treffen und Konferenzen des Fachnetzwerks unterstützt das Alumnireferat auch finanziell. Die erste Konferenz, die im Dezember 2024 in Rom stattfand, befasste sich mit Nachhaltigkeit im Privatrecht und im öffentlichen Recht. Viele Teilnehmende äußerten dort den Wunsch nach einem regelmäßigen Austausch. Deshalb kümmert sich Anna Phirtskhalashvili, Professorin für Öffentliches Recht an der University of Georgia in Tbilisi, seitdem sehr aktiv um die LinkedIn-Gruppe des Netzwerks mit rund 150 Mitgliedern. Die Situation in ihrem Land sei derzeit zu unruhig für ein Treffen vor Ort, meint sie. Jedoch organisierte Phirtskhalashvili 2025 zwei Online-Workshops des Fachnetzwerks, eine davon zum Ombudssystem, das laut Verfassungsauftrag die Achtung der Menschenrechte und Grundfreiheiten in Georgien überwachen soll.
Um den dauerhaften Fortbestand des Fachnetzwerks zu sichern, wollen die Engagierten mittelfristig auch Studierende aufnehmen, die an Doppelabschlussprogrammen deutscher rechtswissenschaftlicher Fakultäten mit europäischen Partnerhochschulen teilnehmen. Natürlich sollen weiterhin Fachkonferenzen stattfinden – voraussichtlich im Jahresrhythmus, abwechselnd online und vor Ort. „Wir würden uns freuen, wenn wir noch mehr deutsche Alumnae und Alumni gewinnen können“, sagt Netzwerk-Gründer Luca Pagnotta. „Es wäre toll, wenn die nächste Konferenz tatsächlich in Deutschland stattfinden würde.“
Weiterführende Informationen
Interessierte DAAD-Alumnae und Alumni können der LinkedIn-Gruppe des Fachnetzwerks beitreten oder sich per Email an das Fachnetz wenden.