Bedrohtes Kulturgut - die Bewahrer von morgen

Universität Helwan

Feierliche Veranstaltung: Die ersten elf Studierenden haben den deutsch-ägyptischen Master-Studiengang erfolgreich absolviert

Wie sieht nachhaltiger Tourismus für Kulturerbestätten aus? Was erwarten Touristen von einem Aufenthalt in Ägypten? Seit zwei Jahren unterstützt der DAAD den deutsch-ägyptischen Master-Studiengang "Heritage Conservation and Site Management". Die ersten elf Studierenden haben nun ihr Studium erfolgreich absolviert und in Kairo ihre Zeugnisse erhalten.

Die bewegte Geschichte der Hochkultur Ägyptens reicht mehr als 5000 Jahre zurück. Die Pharaonen lebten in dem Land am Nil, die Assyrer, die Perser, die Hellenen, später die Kopten, die islamischen Araber und die Osmanen. Sie alle hinterließen Spuren, überall im Land – Pyramiden, Tempel, Stätten. Und doch gab es im geschichts- und kulturreichen Ägypten bis vor kurzem keinen Studiengang zum Kulturerbe-Management. „Wir hatten Fakultäten für Archäologie und für Tourismus, aber wir haben keine Manager für Kulturstätten ausgebildet“, erzählt Professor Hosam Refai. Er ist Direktor der Fakultät für Tourismus und Hotelmanagement an der Universität Helwan in Kairo. Im Jahr 2012 machte er sich in Deutschland auf die Suche nach möglichen Partneruniversitäten. Als DAAD-Alumnus spricht Refai fließend Deutsch und kennt die Qualität der deutschen Lehre.

Er fand die Brandenburgische Technische Universität (BTU) Cottbus-Senftenberg mit ihrem Masterprogramm „World Heritage Studies“ – und stellte mit ihr gemeinsam und mit Unterstützung des Deutschen Archäologischen Instituts einen englischsprachigen Joint-Master-Studiengang auf die Beine: „Heritage Conservation and Site Management“. Der DAAD unterstützt die Kooperation seit 2012 und förderte neun der elf aktuellen Absolventen mit einem Stipendium. „Die Studierenden beider Hochschulen absolvieren Auslandssemester im Partnerland und gewinnen damit Auslandserfahrung, die heutzutage unabdingbar ist“, so DAAD-Generalsekretärin Dr. Dorothea Rüland. Sie war in Kairo dabei, als die ersten elf Absolventen des Studiengangs am 8. Dezember 2015 ihre Zeugnisse erhielten. Mehr als 100 Gäste kamen zu der Zeremonie und dem anschließenden DAAD-Empfang im Al-Azhar-Park, „Kairos grüner Lunge“, mit Blick auf die Megacity.

Bedeutende Gäste in Kairo

Die Zeugnisübergabe war eingebettet in eine viertägige internationale Fachkonferenz zum Thema „Nachhaltiges Tourismusmanagement für Kulturerbestätten“ in Kairo mit bedeutenden Gästen wie dem ägyptischen Tourismusminister Dr. Hisham Zazou, dem deutschen Botschafter in Kairo, Julius Georg Luy, und dem ägyptischen Minister für Altertümer, Professor Mamdouh El-Damaty, sowie der brandenburgischen Wissenschaftsministerin Professor Sabine Kunst. Die Präsidentin des Deutschen Archäologischen Instituts, Professorin Friederike Fless, analysierte in ihrer Rede zur Eröffnung die Problematik von Archäologie in Krisenzeiten am Beispiel des Nahen Ostens.

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Universität Helwan

​​Interessierte Zuhörer: Die Zeugnisübergabe war eingebettet in eine Fachkonferenz zum Thema „Nachhaltiges Tourismusmanagement für Kulturerbestätten“

„Der Konflikt in Syrien und im Irak, mit Raubgrabungen und Zerstörung von kulturellem Erbe durch den sogenannten Islamischen Staat, gibt unserer Tagung eine traurige Brisanz“, sagte Dr. Roman Luckscheiter, Direktor der DAAD-Außenstelle in Kairo. Für Ägypten ist der Kulturtourismus ein wichtiger Wirtschaftszweig. Doch seit den Umbrüchen 2011, seit den Unruhen auf dem Sinai und zuletzt dem Absturz des russischen Airbus ist der Touristenzustrom geschrumpft. Zudem ist es teuer und aufwendig, die tausenden historischen Stätten in Stand zu halten und gut zu präsentieren. Genau hier setzt der Studiengang „Heritage Conservation and Site Management“ an: Da die Absolventen sowohl in Kairo als auch in Cottbus studieren, bekämen sie eine klare Perspektive für das, was Touristen aus Europa erwarten, sagte Luckscheiter.

Vielfältige Berufsperspektiven

Der Studiengang vermittelt Fachkenntnisse darüber, wie Forscher und Kommunen archäologische Funde verantwortungsvoll erschließen, für die Öffentlichkeit zugänglich machen und gleichzeitig die lokale Bevölkerung in Nachhaltigkeits- und Nutzungskonzepte einbeziehen können. Dabei geht es um Strategien und Arbeitsansätze in der Denkmalpflege, Kulturerbe- und Besuchermanagement sowie die Vermittlung des Werts von Denkmälern. „Der praxisnahe Studiengang ermöglicht eine Ausbildung mit vielfältiger Berufsperspektive“, sagte DAAD-Generalsekretärin Rüland. „Ein schonender Umgang mit Kulturgütern ist für den Wirtschaftsfaktor Tourismus von zentraler Bedeutung.“

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Luckscheiter/DAAD

​​DAAD-Generalsekretärin Dr. Dorothea Rüland lobte die Ausrichtung des Studiengangs in Kairo: Die dadurch gewonnene Auslandserfahrung sei heute unabdingbar

Von dem Studiengang profitieren beide Universitäten, sowohl in puncto Internationalisierung und Modernisierung der Curricula als auch in der Anwendungsorientierung von Lehre und Forschung. Der Studiengang  verbindet klassische Archäologie mit Ansätzen von modernem Management touristisch bedeutsamer Kulturstätten. Absolventen steht eine Vielzahl von Einsatzmöglichkeiten im privaten und öffentlichen Sektor offen, etwa als Berater oder in der Verwaltung. Eine Absolventin des aktuellen Jahrgangs hat nach Angaben des Fakultätsdirektors Hosam Refai bereits eine Stelle im Deutschen Archäologischen Institut gefunden, eine andere im ägyptischen Ministerium für Altertümer.

Ziel ist es, so Refai, auch Studierende aus anderen Ländern in das Programm einzubeziehen. „Unser Programm ist wichtig für die gesamte MENA-Region“, sagt Refai. Schon jetzt ist der Studiengang international: Die Studierenden stammen aus Ägypten, Bangladesch, China, Deutschland, Jordanien, Rumänien und Russland.

Sarah Kanning (18. Dezember 2015)

Stand: 21.12.2015