"Die Option, nach Deutschland zurückzugehen, ist attraktiver geworden"

© GAIN

Nina Lemmens

Wenn das "German Academic International Network (GAIN)" zur Jahrestagung einlädt, kommt eine außerordentlich hohe Zahl wissenschaftspolitischer Entscheidungsträger mit mehreren hundert interessierten Forschern zusammen. Das auf Initiative der Alexander von Humboldt-Stiftung, des Deutschen Akademischen Austauschdienstes (DAAD) und der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG) gegründete Netzwerk deutscher Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler in Nordamerika erreichte in Boston mit über 400 Teilnehmerinnen und Teilnehmern einen neuen Tagungsrekord. Dr. Nina Lemmens, Leiterin der DAAD-Außenstelle New York, spricht im Interview über die GAIN-Erfolgsfaktoren und den Wandel deutsch-amerikanischer Karriereperspektiven.

Frau Dr. Lemmens, in den vergangenen Jahren hat die GAIN-Jahrestagung beständig mehr Teilnehmer angezogen; 2014 wurde mit über 400 Tagungsteilnehmern ein neuer Rekord erreicht. Worauf führen Sie das große Interesse zurück?

Nina Lemmens: Ich glaube, dass die Arbeit der GAIN-Gemeinschaftsinitiative in den vergangenen Jahren sehr viel Positives bewirkt hat, auch abseits der Jahrestagungen. Alle Mitglieder des GAIN-Netzwerks werden von uns regelmäßig und umfassend informiert, etwa mit Newslettern oder über GAIN-Stammtische, die es mittlerweile in New York ebenso gibt wie in Los Angeles, auf Hawaii oder in der kanadischen Provinz Alberta. Wir haben in den letzten Jahren versucht, immer klarer deutlich zu machen, dass es ganz unterschiedliche Karrieremöglichkeiten in Deutschland gibt: Es muss nicht der Weg zum Professorentitel sein, der nach Deutschland zurückführt; es gibt auch hochinteressante Angebote für Forscher in der Industrie oder im Management von Wissenschaft und Forschung. Ganz offensichtlich ist unsere Botschaft angekommen. Die zentrale Verbindung zwischen außeruniversitärer Forschung und Industrie, ein Grund für den Höhenflug der deutschen Wirtschaft, wurde auf der Jahrestagung mehrfach deutlich; ebenso, dass diese Verbindung nicht nur für Großunternehmen gilt. Mehrere Vertreter des deutschen Mittelstands haben auf der Jahrestagung die Gelegenheit genutzt, Kontakte zu knüpfen.

Welche Veränderungen gegenüber der Jahrestagung 2013 in San Francisco waren in Boston aus Ihrer Sicht wesentlich?

Sehr gut war, dass eine Delegation des Bundestags an der Tagung teilgenommen hat, die Mitglieder des Ausschusses für Bildung, Forschung und Technikfolgenabschätzung. Letztes Jahr war das aufgrund der Bundestagswahl nicht möglich. In Boston hatten die Abgeordneten nun wieder die Gelegenheit, im direkten Gespräch zu erfahren, was Nachwuchsforscher in Amerika mit Blick auf Deutschland beschäftigt. In der Abschlussrunde der Tagung haben die Abgeordneten betont, dass dies für sie extrem wichtig und erhellend war. Ich denke, sie haben auch ein paar ganz konkrete Themen mitgenommen, die ihre parlamentarische Arbeit prägen werden. Sehr gut war zudem, dass wir den Zeitrahmen für die Talent Fair verlängert haben; das kam sehr gut an. In der Messehalle war ständig Betrieb und die Leute haben teilweise warten müssen, um mit den gewünschten Gesprächspartnern sprechen zu können. Auch das zeigt, dass ein großes Bedürfnis besteht, sich mit den Vertretern der Hochschulen, der Forschungseinrichtungen und der Industrie zu unterhalten und ihnen ganz konkrete Fragen zu stellen.

Was bewegt die GAIN-Zielgruppe?

Die Vereinbarkeit von Beruf und Familie ist für die jungen Forscher und Forscherinnen ein zentrales Thema. Der Wunsch, nach Deutschland zurückzukehren, wird oft mit außerberuflichen Faktoren verknüpft; Kinder spielen häufig eine Rolle. Diesen Punkt darf man nicht unterschätzen: Entscheidend ist, dass man in Deutschland Karrieremöglichkeiten anbietet, persönliche und berufliche Wünsche bestmöglich zu verbinden. Ich denke, dass grundsätzlich die Option, nach Deutschland zurückzugehen, attraktiver geworden ist. Zudem sind die Deutschen in Nordamerika flexibler geworden. Noch vor ein paar Jahren ging es fast nur darum, zurückzukehren, um in Deutschland Professor zu werden. Dass das allein schon statistisch für einen bestimmten Anteil nicht möglich ist, hat zu Frustrationen geführt. Jetzt aber werden zunehmend Möglichkeiten jenseits einer Professur gesehen, für die wir ja in Boston geworben haben. Etwa auch bei einem Frühstück, bei dem wir junge Forscher mit Unternehmern in Kontakt gebracht haben.

Wie nehmen Sie Anregungen der Tagungsteilnehmer auf?

Unter anderem durch einen Beirat, der aus zehn GAIN-Mitgliedern besteht. Sie sind als Ansprechpartner auf der Tagung klar zu erkennen und gehen auch auf die Teilnehmer zu. So bekommen wir deutliche, differenzierte Rückmeldungen, die wir versuchen, bei der nächsten Jahrestagung umzusetzen. Ein konkretes Beispiel ist der Workshop „Neue Berufsfelder für Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler“, der in den letzten Jahren sehr stark nachgefragt war und deshalb 2014 zweimal angeboten wurde.

Inwieweit profitiert der DAAD von GAIN?

GAIN ist ein großes Netzwerk, dessen Mitglieder sozusagen eine deutsche Perspektive auf ein nordamerikanisches Umfeld haben – und das durch ganz konkrete, unmittelbare Eindrücke, die sie durch ihre Arbeit an Universitäten und Forschungseinrichtungen gewinnen. Das hilft uns natürlich, wenn wir Informationen über die nordamerikanische Forschungs- und Wissenschaftslandschaft zusammenstellen, für Interessierte am akademischen Austausch ebenso wie für deutsche Delegationen in den USA oder Kanada. GAIN-Mitglieder wissen genau, welche Fragen man aus Deutschland an das nordamerikanische System mitbringt. Das Netzwerk funktioniert: Wir sind während der Jahrestagung von begeisterten Teilnehmern mehrfach gefragt worden, wie sie bei GAIN aktiv werden können.

Johannes Göbel (15. September 2014)

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Großer Andrang, außergewöhnliche Gäste: Die 14. GAIN-Jahrestagung in Boston

Als Forum des Austauschs über die Karriereperspektiven deutscher Wissenschaftler in Nordamerika ist die GAIN-Jahrestagung fest etabliert. Das zeigte sich auch an der Vielzahl der anwesenden Entscheidungsträger aus Wissenschaft und Politik, unter ihnen etwa Cornelia Quennet-Thielen, Staatssekretärin im Bundesministerium für Bildung und Forschung, sowie die Präsidenten von DAAD, Deutscher Forschungsgemeinschaft (DFG), Hochschulrektorenkonferenz (HRK), Helmholtz- und Leibniz-Gemeinschaft sowie der TU9-Initiative Deutschlands führender Technischer Universitäten. Die „Keynote speech“ hielt Professor Andreas Barner, Präsident des Stifterverbandes für die Deutsche Wissenschaft und Vorsitzender der Unternehmensleitung der Boehringer Ingelheim GmbH, über „Forschungskarrieren für den wissenschaftlichen Nachwuchs in der Industrie in Deutschland“.

Traditionell findet die GAIN-Jahrestagung im Wechsel zwischen amerikanischer Ost- und Westküste statt: Nachdem das „German Academic International Network“ 2013 nach San Francisco eingeladen hatte, fand die 14. Jahrestagung in Boston statt. „Die Stadt und die Region haben mit ihren zahlreichen forschungsaktiven Unternehmen und herausragenden Bildungsinstitutionen wie der Harvard University und dem Massachusetts Institute of Technology nicht zuletzt ein ideales Umfeld für das diesjährige Schwerpunktthema 'Forschen in Hochschule und Industrie' geboten“, sagt GAIN-Leiter Dr. Gerrit Rößler rückblickend. Entsprechende Fragestellungen wurden während der dreitägigen Tagung auf vielfältige Weise thematisiert, beispielsweise in Arbeitsgruppen zu verschiedenen Karrieremodellen oder in Workshops zu Karriere- und Bewerbungsstrategien. Der Andrang war hier ähnlich groß wie auf der zum Tagungsauftakt stattfindenden „Talent Fair“ mit über 70 Ausstellern, die zahlreiche Beratungsgespräche zwischen Forschern und potenziellen Arbeitgebern ermöglichte und Raum für intensives Netzwerken bot.