Studieren und Forschen in Tunesien

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Studieren in Tunesien

In Tunesien studieren?

Es gibt in Tunesien ein dichtes Hochschulnetz von 13 staatlichen Volluniversitäten mit insgesamt 198 Fakultäten, Instituten und Ecoles. Hinzu kommen über 50 private Hochschulen. Einen guten Ruf haben die Ecoles, die nach einer zweijährigen classe préparatoire eine dreijährige Ingenieurausbildung anbieten. Insgesamt genießt das tunesische Bildungssystem einen guten Ruf auf dem afrikanischen Kontinent. 

Das DAAD Büro Tunis hat einen Hochschulreader zusammengestellt, der einen ersten Überblick über die tunesische Hochschullandschaft verschafft: Das tunesische Hochschulwesen

Kontakte und Adressen zu tunesischen Hochschulen finden Sie hier.

An Hochschulen wird nur wenig Forschung betrieben, da sie sich primär als Lehrinstitutionen verstehen. Bis auf die Ingenieur-, Architektur- und Medizinausbildung sind die Studienprogramme bolognakonform (LMD-System). Unterrichtssprachen sind Französisch, Arabisch, in einigen Fächern Englisch. Für ein Studium in Tunesien sollten Sie über gute Sprachkenntnisse in Französisch oder Arabisch verfügen. An staatlichen Forschungszentren wird auch Lehre (grundständig, Master, PhD) angeboten, der Fokus liegt hier jedoch in erster Linie auf Forschung.

Hier finden Sie mehr Informationen zum tunesischen Bildungssystem: 

Zahlen und Fakten

Das tunesische Bildungs- und Hochschulsystem ist nach französischem Vorbild zentralistisch organisiert. Deshalb brauchen Sie - auch für ein Austauschsemester- zuerst eine Genehmigung des tunesischen Hochschulministeriums. Hierfür müssen Sie ein Formular ausfüllen und ein komplettes Dossier vorbereiten.

Informationen zum Prozedere und die Formulare finden Sie hier:

Offizielle Info MESRS

DEMANDE D'INSCRIPTION AU PREMIER CYCLE POUR ETUDIANT ETRANGE

DEMANDE D'INSCRIPTION AU MASTERE

DEMANDE D'INSCRIPTION AU DOCTORAT

Das protokollarische Verfahren sieht vor, dass Sie das vollständige Dossier an den DAAD Tunis senden, der es dann an das Hochschulministerium mit Begleitschreiben zur Prüfung weiterleitet.

Bitte senden Sie Ihr Dossier an den DAAD Tunis (postalische Adresse, am besten per Rapid Poste)

DAAD Bureau Tunis 14, rue 18 janvier, Immeuble KOOLI, 1000 Tunis

Der DAAD kann Ihnen inhaltlich und administrativ bei der Vermittlung an tunesische Hochschulen und bei der Bewerbung leider nicht weiterhelfen.

Bitte wenden Sie sich mit Ihren Fragen direkt an das tunesische Hochschulministerium: coopint@mes.rnu.tn

                                                                                                                                                                       

Studieren in Tunesien – Internationale Studierende berichten                                                                                                                                                                                                                                                             

Jens Fischer (24), Deutscher,

Arabistik an der Universität Münster,

Arabische Literatur an der Universität El Manar, Tunis,

Eigenfinanzierung

Ich bin seit einem Jahr in Tunesien und studiere im Master Arabische Literatur an der Universität Tunis el Manar. 
Es hat mich nach Tunesien gezogen, um mein Arabisch zu verbessern, sowohl Hocharabisch als auch der tunesische Dialekt. Tunesien reizt mich auch aus politischen Gründen, wegen der Jasmin-Revolution und dem darauf aufbauenden Demokratisierungsprozess. Es ist sehr interessant zu beobachten, wie die Gesellschaft sich verändert. Ich erwäge, mich in meinem Studium auf den Maghreb zu konzentrieren.
Eine Unterkunft in Tunis zu finden, war vielleicht die größte Herausforderung. An der Universität war es am Anfang  schwierig, an Informationen zu gelangen, weil Emails, Anfragen usw. nicht beantwortet werden. 
Die Lehrmethoden hier unterscheiden sich stark von dem, was ich aus Deutschland gewöhnt bin. Der Frontalunterricht konzentriert sich auf den Dozenten: der Dozent erklärt und diktiert, und man selbst schreibt mit, um es dann in der Prüfung zu reproduzieren. Es gibt keinen organisierten Informationsfluss, das macht die Kommunikation mit Administration und Kollegen schwierig.
Nichtsdestotrotz finde ich Leben in Tunesien einfach und angenehm. Die Menschen sind immer sehr hilfsbereit, besonders Ausländern gegenüber, die nach dem Weg fragen oder eine Erklärung brauchen. Ich denke auch, dass es ziemlich wichtig ist, in Tunesien zu reisen, um auch andere Teile des Landes kennenzulernen. Besonders die Hauptstadt Tunis hat ein pulsierendes soziales und kulturelles Leben anzubieten. Es gibt Kinos, Theater, viele interessante Cafés und regelmäßig kulturelle Veranstaltungen, wie Konzerte, Lesungen etc. 
Da das Angebot so umfangreich und vielseitig ist, kommt es häufig vor, dass ich nicht so intensiv studiere, wie ich eigentlich sollte.
Mein Tipp: Es ist wichtig, Geduld zu üben und sich selbst Zeit zur Eingewöhnung zu geben, da Tunesien gerade in den ersten Wochen übermannend, chaotisch, auch ein wenig dreckig wirken kann. Dennoch ist Leben hier unkompliziert, sobald man die wesentliche Struktur verstanden hat.

 

Federica La Mantia (25), Italienerin,

Corporation and Development an der Universität Palermo,

Migration Studies an der Universität Tunis El Manar,

Stipendiatin im Erasmus+ Programm

 

Ich studiere Internationale Beziehungen an der Universität el Manar in Tunis und habe im Rahmen meines Studiums gerade ein Praktikum bei Amnesty International begonnen. Ich habe mich für das Studium in Tunesien entschieden, weil es mir eine gute Möglichkeit bietet, dank des Erasmus+ Programms in einem arabischen Land zu studieren. Für mich ist es eine neue Erfahrung außerhalb Europas.
Auch die Gelegenheit in Englisch studieren zu können, ist attraktiv. 
Eine große Herausforderung ist die Sprache im Studienprogramm und im Alltag. Eigeninitiative ist gefragt, da Dozenten hier keine Lehrmaterialien zur Verfügung stellen.
Der wichtigste Unterschied zum italienischen Hochschulsystem liegt in der Beziehung zu den Dozenten. In Italien ist der Kontakt zu den Lehrern ziemlich distanziert, und es findet nur wenig Interaktion statt.  Die Kurse in Tunesien sind hingegen viel interaktiver, und es herrscht oft eine rege Diskussion in den Seminaren.
Schwierig ist Informationsbeschaffung, auch hier ist man auf sich alleine gestellt. Für mich wichtig ist der Perspektivwechsel und die Erfahrung  der Eigenständigkeit. 
Was die Menschen angeht, habe ich wirklich gute Erfahrungen gemacht. Ich schätze meine Kommilitonen in der Universität sehr. Ich wurde von allen sehr freundlich aufgenommen.
Leider habe ich bis jetzt nicht die Gelegenheit gehabt,  das Land außerhalb von Tunis zu entdecken.
Mein Tipp: man sollte sich nicht vom ersten Eindruck beirren lassen. Als europäische Studierende lernt man eine neue Umgebung, eine neue Kultur, vielleicht sogar ein neues System kennen. Dafür sollte man aufgeschlossen sein und Hürden überwinden, um eine reiche, vielseitige und wundervolle Kultur zu erleben.

Adib Fanton (21), Franzose,

Arabistik an der Universität Lyon,

Arabische Literatur an der Universität La Manouba,

Stipendiat von Campus France

Ich studiere in Tunis,  an der Universität la Manouba, mit dem Ziel, mein Arabisch zu verbessern und über Tunesien zu forschen, da ich meine Masterarbeit über die Literatur nach der Unabhängigkeit Tunesiens schreiben möchte.
Ich erhalte einen monatlichen Zuschuss von 600€ von Campus France, um meinen Studienaufenthalt finanzieren zu können. 
Leben in Tunesien ist ziemlich günstig und stellt für mich kein Problem dar. Ich habe schnell eine Unterkunft finden können und gleichzeitig auch viele neue Freunde in der Universität kennen gelernt, unter anderem auch Studenten, die mit dem gleichen Programm in Tunis sind.
Etwas komplizierter finde ich die Administration in der Universität. Man muss fast alles selbst erledigen und es bedarf an Geduld, weil man nicht direkt alle Informationen  bekommt oder man gebeten wird, am nächsten Tag wieder zu kommen. 
Ich erkenne als Student, ob ein Dozent seine ganze akademische Karriere nur in Tunesien verbracht hat und ob seine Lehrmethoden „tunesisch“ sind oder nicht.
Tunis ist sehr aufgeschlossen und auch das kulturelle Leben hat viel zu bieten. Ich erinnere mich gerne an das Carthage Filmfestival. Es gibt viele Theater und auch Theatercafés, die diverse kulturelle Events veranstalten. Ich hatte zwar noch nicht die Möglichkeit durch das Land zu reisen, jedoch besuche ich oft umliegende Städte wie La Marsa, Carthage oder Sidi Bou Said. Auch das Bardo-Museum ist sehr sehenswert. Was das kulturelle Leben angeht, hat Tunis wirklich sehr viel zu bieten. 
Mein Tipp: Studieren in Tunesien erfordert Geduld. Geduld mit der Verwaltung, Geduld mit der Universität. Man sollte allen Lebensbereichen mit Geduld begegnen.
Herausforderungen im Alltag sollte man annehmen und als Möglichkeit sehen, sich weiter zu entwickeln. 

 

Das Interview führte Fatima Amjahad (kulturweit Freiwillige)

Bildrechte: DAAD Tunis

Bildnachweis: Beate Schindler-Kovats

Erfahrungsbericht Studieren und Leben in Tunesien

Schon seit Langem wollte ich für längere Zeit in einem arabischen Land leben und Tunesien war für mich in vielerlei Hinsicht sehr verlockend: Die politische Lage ist relativ stabil, es werden zwei interessante Sprachen gesprochen (Arabisch und Französisch), es gibt eine sehr gute Hochschule für Ingenieure (ENIT) mit Studienangebote in erneuerbaren Energien und ein guter Freund und Kommilitone war mein Vorgänger, in dessen Fußstapfen ich treten konnte.

Es war das erste Mal, dass ich Fuß auf nordafrikanischen Boden setzte und ich sollte gleich ein ganzes Jahr dort verbringen. Trotz der geographischen Nähe zu Europa ist Tunesien in einigen Aspekten sehr anders.

Im Vergleich zu meiner deutschen Uni, waren die Lehrveranstaltungen verschulter: Es waren meist etwa 20 Studierende anwesend und der Austausch mit den Professoren war viel enger, was mir gut gefiel. Die Lehrveranstaltung wurde teils im Rahmen einer Vorlesung, teils als Tutorium mit Rechnungen durchgeführt. Obwohl die energietechnischen Fächer sehr praxisrelevant waren, wurde der Fokus eher auf mathematische Herleitungen als auf anwendungsbezogene Themen gelegt. Dadurch waren die Studierenden sehr fit in Mathematik, jedoch überraschte mich das relativ geringe praxisrelevante Wissen.

Meine Bachelorarbeit verfasste ich im Rahmen eines Praktikums bei einem GIZ-Projekt. Neben dem interdisziplinären Thema der Bachelorarbeit war die Daten- und Informationslage über den tunesischen Energiemarkt eine große Herausforderung. Wichtige Eckdaten konnten nur durch die physische Präsenz bei zuständigen Behörden eingeholt werden. Die Mitarbeit beim GIZ-Projekt ermöglichte mir oftmals den Zugang zu wichtigen Informationen und Schlüsselkontakten, welche essentiell für das Verfassen der Arbeit waren. Die Bibliothek der Gasthochschule ist leider schlecht ausgestattet, weshalb ich für die Recherche fast ausschließlich Literatur nutzte, die durch die Online-Ressourcen der deutschen Universitätsbibliothek zu Verfügung stand. Letztere ist sehr gut ausgestattet und alle einschlägigen Quellen waren als e-book oder online-Version verfügbar.

Abgesehen vom akademischen und beruflichen Alltag, freute ich mich fast täglich über Sonne und köstliche Früchte. Die herzliche Gastfreundschaft ist insbesondere in abgelegenen Gegenden umwerfend und obwohl sich die Sicherheitslage nach der Revolution verschlechterte, fühlte ich mich stets sicher. Während einige Dinge, wie Transport viel unkomplizierter waren, stoßen Menschen anderweitig auf große bürokratische Hürden, die viel Geduld und Gelassenheit einfordern. Zudem machte mir die Männerdominanz und der Testosteronüberschuss etwas zu schaffen, was für Frauen wahrscheinlich sogar noch schwieriger ist. Die schlechte Bildung führt außerdem dazu, dass es nur vereinzelt Bewusstsein für Umwelt und Natur gibt und dass ich sehr oft erklären musste, warum Hitler kein bewundernswerter Mann war. Damit umzugehen war nicht immer leicht.

Ich werde Tunesien emotional immer verbunden bleiben, doch beruflich vorerst nicht. Doch wer weiß, was zukünftige Entwicklungen noch so alles mit sich bringen…

Filip S.,
DAAD-Stipendiat an der ENIT 2013-2014