Überblick: Bildung und Wissenschaft

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DAAD-Regionalinformationen

Die folgende Einführung in das Hochschulsystem, ergänzt durch ein Kapitel zum Thema "Internationalisierung und Bildungskooperationen" sowie den DAAD-Aktivitäten in Tunesien, finden Sie im DAAD-Ländersachstand. Eine umfangreichere Analyse des tunesischen Hochschulsystems bietet die DAAD-Bildungssystemanalyse, eine kompakte Datenzusammenstellung auf einer Seite das DAAD-Datenblatt.

Alle verfügbaren DAAD-Ländersachstände, DAAD-Bildungssystemanalysen und DAAD-Datenblätter alphabetisch nach Ländern sortiert finden Sie unter
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Tunesien hat in den letzten Jahren enorme Anstrengungen unternommen, um eine wissensbasierte Transformation der Gesellschaft einzuleiten. Wissen und Technologie werden als entscheidende Faktoren für die wirtschaftliche und soziale Entwicklung des Landes gefördert. Rund 6% des Staatshaushaltes fließen in den Bildungssektor. Messbare Erfolge sind die steigende Alphabetisierungsrate, die derzeit bei rund 75% liegt, eine hohe Einschulungsrate (ca. 99%) sowie eine steigende Zahl an ausgebildeten Akademikern.

Das tunesische Bildungs- und Hochschulsystem ist nach französischem Vorbild organisiert. Nach der Unabhängigkeit Tunesiens von Frankreich (1956) wurde der unter französischer Kolonialherrschaft aufgebaute Bildungssektor nicht grundsätzlich reformiert. Allerdings wurden ab 1958 die Curricula, Fakultäten und Schulen "arabisiert". Das tunesische Bakkalaureat wird als direkter Hochschulzugang auch in Deutschland anerkannt.

Es gibt 3 Hochschultypen: Fakultäten, Institute und Ecoles sowie eine anwendungsorientierte Ausbildung an staatlichen ISETs (Institut Supérieur d’Etudes Technologiques), die der Direction Générale des Etudes Technologiques untergeordnet sind.
Sie bieten dreijährige Studienprogramme mit stärkerem Praxisanteil, Pflichtpraktika und einem angewandten Bachelorabschluss als Technicien Supérieur. Anders als die licence fondamentale, die als Bachelorabschluss gilt, wird die licence appliquée von vielen deutschen Hochschulen als nicht gleichwertig mit dem Bachelor anerkannt. Das System der Ecoles betrifft hauptsächlich die Ingenieur- und Wirtschaftswissenschaften.

Tunesien verfügt über ein dichtes und gut ausgestattetes Hochschulnetz von 310 Einrichtungen im Hochschulbereich, darunter 229 im staatlichen Sektor mit 13 staatlichen Volluniversitäten und insgesamt 203 Fakultäten, Instituten und Ecoles. Hiervon sind 59 Einrichtungen Universitäten im deutschen Verständnis. Im Studienjahr 2015-2016 waren insgesamt 322.625 Studierende eingeschrieben, knapp 80% davon an staatlichen Hochschulen.

Der tunesische Staat garantiert jedem Abiturienten Hochschulzugang zu einem gebührenfreien Studium an staatlichen tunesischen Hochschuleinrichtungen (es fallen Verwaltungsgebühren zwischen 20 US $ und 130 US $ an). Öffentliche tunesische Hochschulen werden fast zu 100% vom Staat finanziert.
Den hohen Schüler- und Studentenzahlen steht eine sinkende Qualität der Bildung gegenüber. Das Vertrauen in staatliche Bildungseinrichtungen nimmt ab, deshalb erleben private Bildungsanbieter einen Boom: an 68 privaten Hochschuleinrichtungen waren 2016/17 31.304 Studierende eingeschrieben, Tendenz steigend. Private Hochschulen sind kostenpflichtig. Die Studiengebühren liegen zwischen 3.000 und 5.000 US $ pro Jahr.

Es gibt eine vielfältige Forschungslandschaft in Tunesien mit 68 Forschungszentren, 316 Forschungslabors und 327 Forschungseinheiten (Stand 2016) sowie 37 Ecoles doctorales (Graduiertenkollegs). Insgesamt verfügt Tunesien 2016 über 643 Forschungslabore und Forschungseinheiten. Alle 13 Universitäten in Tunesien betreiben Forschung. Mit ca. 70% sind sie maßgeblich für die Forschungsaktivität verantwortlich. Die Forschungsaktivität an tunesischen Hochschulen ist – gemessen an der Zahl der Labore und Forschungseinheiten – unterschiedlich: Quantitativ führt die Universität Tunis El Manar mit 53 Laboren und 62 Forschungseinheiten. An staatlichen Forschungszentren wird auch Lehre (grundständig, Master, PhD) angeboten. Die Finanzierung wird vollständig mit öffentlichen Mitteln sichergestellt. 2016/2017 sind 13.264 Doktoranden in Tunesien eingeschrieben. Die Zahl steigt kontinuierlich, 2010 waren es gerade einmal halb so viele. Viele entscheiden sich für eine Promotion, um vor der drohenden Arbeitslosigkeit zu fliehen. Fünf Technologiezentren (technopôles) sind in letzter Zeit geründet worden–, um eine bessere Anbindung und Anwendungsorientierung zwischen Industrie und Wissenschaft zu erreichen.

Mit 68 privaten Hochschulgründungen, 13 öffentlichen Volluniversitäten und über 327 staatlichen Forschungseinheiten ist eine vielfältige Bildungslandschaft entstanden, die Tunesien zu einem regionalen „Hub“ und attraktiven Standort in Lehre und Forschung für internationale Studierende, insbesondere aus Afrika-Subsahara macht. Als Branchen mit Zukunft gelten IT, Energie, Agrarsektor, Gesundheitswesen.

Schulen und das sekundäre Bildungssystem ressortieren beim Erziehungsministerium (Ministère de l'éducation). Die Hochschulen und die diesen zugeordneten Institute werden vom Hochschul-und Forschungsministerium (MESRS) beaufsichtigt. Auf der operativen Ebene werden die Entscheidungen des MESRS mit dem Rat der Universitäten (Majlis al-Jamiat) abgesprochen, der sich aus den Präsidenten aller tunesischen Universitäten zusammensetzt. Die Zuständigkeit für die berufliche Aus- und Weiterbildung liegt beim Ministerium für Beschäftigung und Berufsbildung.

Stärken und Schwächen - Herausforderungen und Chancen

Das tunesische Bildungssystem genießt einen guten Ruf auf dem afrikanischen Kontinent. Die tunesische Ausbildung hat ihre Stärken in der fachlichen Primär-und Grundausbildung und in dem multilingualen Ansatz. Sie ist aber auch theorielastig, wenig anwendungs- und praxisorientiert, es mangelt an innovativem und analytisch-kritischem Denken. Vor allem Sprachkenntnisse, Soft Skills, Flexibilität sowie Praxis- und Anwendungsorientierung von Wissen sind Kompetenzen, die tunesische Schul- und Hochschulabsolventen nicht mitbringen. Viele „Hoch“-Qualifizierte werden nicht eingestellt, weil ihre Ausbildung für den Bedarf der (privaten) Unternehmen nicht ausreicht („skills mismatch“). Reformen der vergangenen Jahre betreffen insbesondere die Einführung des dreistufigen Bologna-Systems (LMD), was einen tiefgreifenden Wechsel in der Struktur der tunesischen Hochschulen bedeutet. Die akademischen Abschlüsse an den tunesischen Hochschulen sind nach Licence (Bachelor) 180 ECTS, Master 120 ECTS und Doktorat strukturiert. Das Medizinstudium (acht Studienjahre), Zahnarzt-, Pharmazie- und Architekturstudium (sechs Studienjahre) und der Bereich der Ingenieurwissenschaften (mit classe préparatoire fünf Studienjahre) bilden Ausnahmen.

Errungenschaften der 2011er-Revolution im Hochschulbereich sind Meinungs- und Forschungsfreiheit und eine öffentliche – auch politische – Diskussionskultur. Hochschulleitungen werden gewählt (und nicht mehr ernannt) und setzen eigene Profile im Kontext des soziokulturellen Umfelds. Neben der Hauptstadt haben sich renommierte Hochschulzentren an der Ostküste (Sousse, Monastir und Sfax) etabliert, die mit dort ansässigen Unternehmen und Industrie zusammenarbeiten. Es gibt Ansätze von Hochschulautonomie, der Management- und Entscheidungsfreiraum ist aber sehr begrenzt. Tunesische Hochschulen wünschen sich mehr Autonomie in finanziellen, personellen und akademischen Bereichen und hoffen auf mehr Mitsprache und Transparenz in der hochschulpolitischen Entscheidungsfindung. Selbstverwaltung, Good-Governance und Markorientierung von Lehre und Forschung sind noch Meilensteine für Hochschulen und Forschungsinstitute, die über keine eigenen Strukturen für Öffentlichkeitsarbeit oder Internationalisierung verfügen. Beklagt wird, dass es zu wenig Anreiz und Handlungsspielraum für Engagement und Wettbewerbsfähigkeit gibt, um international agieren und kooperieren zu können.

Aktuelle Situation

Tunesien gilt als einziges Land nach dem Arabischen Frühling, dem ein demokratischer Übergang gelungen ist. Hauptprobleme des Landes sind nach wie vor das Wirtschaftswachstum, Schaffung von Arbeitsplätzen und Beschäftigungsfähigkeit, Korruptionsbekämpfung sowie Modernisierung und Reform der Verwaltung. Ein arbeitsmarktpolitisches Konzept zur Bekämpfung der Probleme ist nicht erkennbar. Tunesien wird vom IWF als risikobehaftetes Land eingestuft.
Sechs Jahre nach der Revolution vermissen viele ein staatsbürgerliches Bewusstsein. Angeprangert werden die schlechte Arbeitshaltung und Unproduktivität mit täglichen Streiks, eine fehlende Steuermoral und die hohe Korruption. Einerseits beklagen Unternehmen, dass sie keine Fachkräfte und gut ausgebildete Hochschulabsolventen finden (es fehlen Arbeiter in der Landwirtschaft, auf dem Bau und in der Ernte), andererseits sind fast 30% der Hochschulabsolventen arbeitslos und ohne Perspektive, weil sie nicht adäquat ausgebildet sind. Die schlechte Wirtschaftssituation hat auch Auswirkungen auf die bildungspolitische Situation: jährlich drängen 30.000-40.000 Hochschulabsolventen auf den Arbeitsmarkt – 75% der Arbeitssuchenden sind akademisch, 35% davon ohne Jobs. Das Risiko arbeitslos zu sein, steigt mit dem Bildungsgrad. Wachstumsraten von 2,3% in 2014 1,1% in 2015 und gerademal 1,0% in 2016 sind für ein Entwicklungsland wie Tunesien zu niedrig, um die Arbeitslosigkeit zu reduzieren. Es ist vor allem die Mittelschicht, die in Tunesien zunehmend in eine prekäre Lage gerät. Laut Informationen des tunesischen Verbraucherschutzes (ILEF) ist die Kaufkraft der mittelständischen Haushalte in den letzten Jahren um 10,6 Prozent gesunken. Gründe dafür sind die steigende Inflationsrate und die wachsende Arbeitslosigkeit.

Es wächst der Druck auf Hochschulen und Bildungsministerien: insbesondere fehlende Beschäftigungs- und Berufsperspektiven von jungen Leuten und Hochschulabsolventen waren Hauptursachen der Protestbewegung der sogenannten „Jasminrevolution“ im Januar 2011. Eine tickende Zeitbombe, wenn nicht bald Strategie und Lösungsansätze für die hohe Akademikerarbeitslosigkeit, Nachwuchsprobleme an Hochschulen, Qualitätsmanagement und Akkreditierung, Wettbewerbsfähigkeit und Internationalisierung u.a. angegangen werden. Eine grundlegende Reform und Modernisierung des Hochschulwesens ist überfällig. Erste Ansätze einer Reform sind in der Etablierung von 40 Karrierezentren (4C) an staatlichen Hochschulen im ganzen Land sichtbar: an „4Cs“ sollen Studierende soft skills, Sprachen und praxisorientierte Fertigkeiten erlernen, die im Curriculum nicht vermittelt werden. Neue Modelle werden auch für Studienprogramme in enger Zusammenarbeit mit der Industrie erprobt, der Master „Co-Construit“ z.B. will stärker anwendungsnahe Module und Praktika in der Industrie in die Lehrpläne einbauen. Deutschland dient dafür als Modell für Hochschulformen und für best-practice Beispiele z.B. angewandter Forschung (Verbindung Industrie-Hochschule wie Fraunhofer Institut.


Verfasserin: Beate Schindler-Kovats, ehem. Leiterin des Informationszentrums Tunis

Der DAAD ist in Tunesien mit einem Informationszentrum in Tunis vertreten. Neben diesem Büro fördert der DAAD jeweils ein Lektorat an der Universität Manouba, Carthage (ISLT) und an der Universität Gabès (ISLG).
 

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