Überblick: Bildung und Wissenschaft

by Danbury [CC-BY-SA-3.0] via Wikimedia Commons

DAAD-Regionalinformationen

Die folgende Einführung in das Hochschulsystem, ergänzt durch ein Kapitel zum Thema "Internationalisierung und Bildungskooperationen" sowie den DAAD-Aktivitäten in der Türkei, finden Sie im DAAD-Ländersachstand (2018). Eine umfangreichere Analyse des türkischen Hochschulsystems bietet die Bildungssystemanalyse Türkei (2017), eine kompakte Datenzusammenstellung auf einer Seite das Datenblatt Türkei (2018).

Alle verfügbaren DAAD-Ländersachstände, DAAD-Bildungssystemanalysen und DAAD-Datenblätter alphabetisch nach Ländern sortiert finden Sie unter
www.daad.de/regionalinformationen.


Seit der Schulreform von 2012 umfasst die allgemeine Schulpflicht in der Türkei zwölf Jahre (vier Jahre Grundschule, vier Jahre Sekundarstufe I und vier Jahre Sekundarstufe II). Nach zwölf Jahren hat jeder Schüler beziehungsweise Schülerin nach Abschluss der Schule beziehungsweise jeder türkische Staatsbürger mit einem lise diplomasi das Recht, an der Hochschulzugangsprüfung teilzunehmen.

Hochschulzugang

Die landesweite Hochschulzugangsprüfung, an der rund 70 Prozent der Schulabsolventen teilnehmen, wird in der Türkei von der ÖSYM (Ölçme, Seçme, Yerleştirme Merkezi - Zentrale für Bewertung, Auswahl und Platzierung) durchgeführt. Die 2018 neu strukturierte Prüfung trägt den Namen YKS (Yükseköğretim Kurumları Sınavı). Sie besteht aus zwei beziehungsweise drei Teilen: der TYT (Temel Yeterlilik Testi), einer Prüfung zur Zulassung zum Studium, die das Allgemeinwissen prüft und für alle obligatorisch ist und der AYT (Alan Yeterlilik Testi), einer fachbezogenen Prüfung, die für die meisten Studienfächer verpflichtend ist beziehungsweise der YDT (Yabancı Dil Testi), einem speziellen Sprachtest, der aber nur für fremdsprachenbezogene Fächer obligatorisch ist. 2018 fand die TYT am 30.6., die AYT und die YDT am 1. Juli statt. Die Punktzahlen der Prüfungen und die landesweite Rankingnummer können seit dem 31. Juli 2018 auf der Internetseite des ÖSYM mit der persönlichen Identitätsnummer abgerufen werden. Hier werden dann die jeweiligen Punkte der Studienplatzanwärter und -anwärterinnen sowie die Reihenfolge des Gesamterfolges aller Kandidaten landesweit angezeigt. Die aufgrund der Prüfungsergebnisse erfolgte Studienplatzvergabe wurde Mitte August bekanntgegeben.

Zur Vorbereitung auf die Prüfungen besuchen die meisten Schüler und Schülerinnen neben der Schule zusätzlich Vorbereitungskurse bei privaten Anbietern (Dershane). Nach erfolgreicher Teilnahme an den Hochschulzugangsprüfungen erfolgt eine Zulassung zum vierjährigen Bachelor (lisans). Bei nichttürkischsprachigen Studiengängen ist dem Fachstudium noch ein sprachliches Vorbereitungsjahr vorgeschaltet. Wird keine ausreichende Punktzahl erreicht, können sich die Bewerber und Bewerberinnen entweder in ein zweijähriges, in der Regel technisch- beziehungsweise berufsorientiertes Ausbildungsprogramm (önlisans) an einer Berufsfachhochschule oder in einen vierjährigen Fernstudiengang einschreiben. Der Abschluss des önlisans ist international nicht als universitärer Abschluss anerkannt.

Die Absolventinnen und Absolventen mit den besten Ergebnissen aus den Zulassungsprüfungen haben das Vortrittsrecht bei der Belegung der beliebtesten Studiengänge, so dass sich diejenigen mit geringerer Punktzahl nur bei den wenig nachgefragten Studiengängen einschreiben können oder auch nur einen Platz für ein Abend- oder ein Fernstudium bekommen. Insgesamt kann man festhalten, dass Studierende mit hohen Punkten eher in Institutionen in den großen Städten studieren.
Studieninteressierte mit einem ausländischen Schulabschluss können sich für ein BA-Studium direkt an der Universität ihrer Wahl bewerben, die selbst über die Zulassung entscheidet. Das gleiche gilt für Graduierte, die ein Masterstudium in der Türkei erwerben wollen. In der Regel führen die Univer-sitäten für ausländische Bewerber und Bewerberinnen eigene Aufnahmeprüfungen durch. Seit 2014 bietet die vom Türkischen Hochschulrat YÖK betriebene Webseite „Study in Turkey“ (www.studyintur-key.gov.tr) ein umfangreiches Informationsangebot für ausländische Studierende an.

Hochschultypen und Abschlüsse

Insgesamt studierten im Studienjahr 2016/2017 in der Türkei 7,20 Millionen Studierende. Die 185 Hochschulen gliedern sich in 112 staatliche, 68 Stiftungsuniversitäten und fünf Vakıf MYO. Letzteres sind nicht-staatliche Berufshochschulen, die einen zweijährigen Ausbildungsgang anbieten. Der Abschluss an diesen Berufshochschulen ist aber ausdrücklich nicht einem grundständigen Bachelorstudium gleichgestellt. Ein beträchtlicher Teil der Studierenden absolviert sein Studium aufgrund der Überlastung der Hochschulen außerdem als Fernstudium (https://istatistik.yok.gov.tr/).

Alte und sehr große Universitäten wie die Istanbul Universität, die Gazi und die Anadolu Universität wurden 2018 dagegen zerschlagen und in mehrere kleinere und eigenständige Universitäten aufgeteilt. Hochschulinterne Proteste dagegen sind von Regierungsseite unerwünscht. So wurde aus diesem Grund der Dekan der medizinischen Fakultät der Istanbul Universität von dem Hochschulrat YÖK entlassen, was ein Licht auf den Stand der Autonomie der Universitäten wirft. Landesweit sind auf diesem Weg 2018 zwanzig neue Universitäten gegründet worden.

Rund 100 Hochschulen wurden erst nach 2006 gegründet. 59 Hochschulen sind in Istanbul und 16 in Ankara angesiedelt. Auch die führenden Universitäten befinden sich fast ausnahmslos in diesen beiden Städten. Die Selbstständigkeit, die 1961 den staatlichen Universitäten zugestanden worden war, wurde 1981 durch das dritte Hochschulgesetz und mit der Errichtung des türkischen Hochschulrates YÖK weitgehend abgeschafft und durch das YÖK-Reformgesetz von 2004 nur teilweise wieder eingeführt. Nach den Notstandsdekreten seit dem Putsch von 2016 kann von einer Autonomie der Hochschulen eigentlich kaum noch gesprochen werden.

Das vierjährige Bachelor-Studium schließt mit dem Grad Lisans derecesi ab, der international als Bachelor anerkannt ist. Neben dem Bachelorabschluss kann an den Berufshochschulen oder im Fernstudium auch nach einem zweijährigen Studium mit Praxisanteilen („Associate’s degree programme“) ein Önlisans derecesi erworben werden, das jedoch nicht zur Aufnahme eines Masterstudiums berechtigt. Als dritte grundständige Studienart werden fünfjährige Studiengänge in den Fächern Veterinär- und Zahnmedizin und Pharmazie sowie sechsjährige Studiengänge im Bereich der Humanmedizin angeboten.

Nach erfolgreicher Teilnahme an einer erneuten landesweiten Hochschulzugangsprüfung in schriftlichem Auswahlverfahren zum weiterführenden Studium (ALES, Akademik Lisansüstü Eğitim Sınavı) erfolgt eine Zulassung zum zweijährigen nicht-konsekutiven Master (Yüksek Lisans). Das Masterstudium schließt mit dem Grad Yüksek Lisans Derecesi ab, der international als Master anerkannt ist. Eine Promotion ist im strukturierten, mindestens dreijährigen Promotionsstudium möglich (Doktora), und der Abschluss ist international als Promotion anerkannt. Darüber hinaus gibt es die so genannte Meslek Lisesi (Berufsgymnasium) und die Meslek Yüksek Okulu und Yüksek Okulu (Berufsausbildung). Die letzteren beiden sind einem Hochschulstudium nicht gleichgestellt. So entsprechen sie eher einer Berufsausbildung und bieten das Önlisans an.

Demographischen Prognosen zufolge wird die Zahl der Studierenden weiterhin steigen. Aufgrund der wachsenden Anzahl an Bewerber und Bewerberinnen strebt die Regierung die Einrichtung von 250.000 zusätzlichen Bachelor-Studienplätzen an staatlichen Universitäten alle fünf Jahre an. 60.000 Studienplätze sollen durch Hochschulneugründungen bereitgestellt und weitere 190.000 Studienplätze durch Erweiterung bestehender Studierendenkontingente geschaffen werden. Auch die Zahl der ausländischen Studierenden nimmt zu. Während im Studienjahr 2011/12 lediglich 26.000 ausländische Studierende an türkischen Hochschulen immatrikuliert waren, waren es im Studienjahr 2016/2017 bereits 108.076, davon 3.755 Deutsche.
Da die Zahl der Studienanfänger und -anfängerinnen jährlich steigt, fördert die türkische Bildungspolitik auch die Neugründung von Stiftungshochschulen, um die Anzahl an Studienplätzen zu erhöhen.

Hochschulstudiengebühren und Finanzierung

Die staatlichen Universitäten in der Türkei sind im Bachelor- und Masterstudium kostenfrei, erhoben werden nur Bearbeitungsgebühren ab dem 8. Semester in Höhe von etwa 300/600 Türkischen Lira pro Semester je nach Studiengang. Für ausländische Studierende werden allerdings auch an staatlichen Universitäten Semestergebühren von bis zu 1.500 Türkischen Lira erhoben.
Stiftungsuniversitäten verlangen hohe Studiengebühren von circa 17.000 - 65.000 Türkischen Lira pro Studienjahr. Auch wenn sich die allgemeine wirtschaftliche Lage verschlechtert, wirkt sich das allerdings nicht direkt auf die Stiftungsuniversitäten aus, da Ausbildungsgelder zu den Ausgaben gehören, an denen von türkischen Familien zuletzt gespart wird.

Aktuelle Trends

Als Folge des Putschversuchs eines Teils des türkischen Militärs am 15. Juli 2016 wurde am 20. Juli 2016 der Ausnahmezustand verhängt, der mittlerweile bereits siebenmal verlängert wurde und bis zum 18. Juli 2018 andauerte. Seit dem Putschversuch, für den die türkische Regierung den in den USA lebenden Prediger Fethullah Gülen und seine Anhänger verantwortlich macht, wurden in der Türkei mehr als 140.000 Personen aus staatlichen Institutionen entlassen, mehr als 55.000 wurden inhaftiert. Mehr als 5.000 nicht-staatliche Einrichtungen wurden geschlossen beziehungsweise beschlagnahmt. Die zugehörigen 3.361 Gebäude mit mehr als 7,2 Mio. m² Grundstücken wurden größtenteils staatlichen Einrichtungen oder Fonds übereignet. Darunter befanden sich: 35 Privatkrankenhäuser, 2.380 Bildungseinrichtungen und Studentenwohnheime, 709 Nachhilfezentren, 1.156 Stiftungen und Vereine, 15 Stiftungsuniversitäten, 31 Gewerkschaften, 156 Medienorgane und Verlagshäuser. 51 dieser Einrichtungen wurden vom Vorwurf der FETÖ-Mitgliedschaft freigesprochen und durften wiedereröffnen. Per Dekret wurden nach dem Putsch des Weiteren 1.577 Dekane zum vorläufigen Rücktritt aufgefordert sowie mehr als 7.000 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter staatlicher Hochschulen sowie privater Hochschulen entlassen. Am 18. Juli 2016 wurde darüber hinaus eine Ausreisesperre für Beamte im öffentlichen Dienst verhängt, die auch Hochschulmitarbeiter einschloss. Sie wurde Ende August 2016 wieder aufgehoben. Hochschulmitarbeiter und -mitarbeiterinnen, die sich zu diesem Zeitpunkt im Ausland befanden, wurden zur Rückkehr aufgefordert. Mehrere Rektoren wurden suspendiert oder verhaftet (zum Beispiel von der Yildiz Teknik, Yalova Universität, Gazi Universität, Dicle Universität et cetera.

Am 29. Oktober 2016 wurde per Notstandsdekret 676 die Wahl von Hochschulrektoren reformiert. Durch die Neustrukturierung werden die Wahlen an den Hochschulen faktisch abgeschafft. Vakante Rektorenstellen staatlicher Hochschulen werden auf der Webseite des türkischen Hochschulrates (YÖK) ausgeschrieben. Die eingegangenen Bewerbungen werden von YÖK bewertet und das Ranking wird dem Staatspräsidenten vorgelegt, der die Rektorin beziehungs-weise den Rektor aus dieser Liste auswählt. Sollte keiner der Kandidaten den Ansprüchen genügen, muss YÖK innerhalb eines Monats eine neue Liste vorlegen, sollte dies nicht geschehen, kann der Staatspräsident selbst eine Person seiner Wahl zum Rektor beziehungsweise zur Rektorin ernennen. Die Stiftungsuniversitäten haben die Möglichkeit, YÖK eine Liste potenzieller Kandidaten vorzulegen.

In dem im Mai 2014 vorgestellten Papier „Wachstum, Qualität und Internationalisierung: ein Fahrplan zur Hochschulbildung in der Türkei“ des damaligen Präsidenten des Türkischen Hochschulrates YÖK Gökhan Çetinsaya werden drei Hauptziele der Hochschulpolitik für die Zeit bis zum 100. Jahrestag der Republikgründung 2023 genannt.

1. Übergang von Quantität hin zu Qualität
2. Zuwachs an wissenschaftlichem Personal
3. Internationalisierung der Universitäten.

Zum zweiten Ziel (Zuwachs an wissenschaftlichem Personal) wird in dem Papier festgestellt, dass von insgesamt 141.000 an türkischen Hochschulen tätigen Lehrkräften nur 20.000 promoviert sind (Stand: Mai 2014). Daraus wird das Ziel abgeleitet, innerhalb der kommenden fünf Jahre zusätzlich 45.000 neue Lehrkräfte einzustellen, was einem Durchschnitt von 9.000 neuen Lehrkräften pro Jahr entspricht. Bereits Ende Mai 2013 ist ein Gesetz in Kraft getreten, nach dem es möglich ist, auch Ausländern und Ausländerinnen mit türkischer Abstammung einen Karriereweg an einer türkischen Universität zu eröffnen. Dies bedeutet, dass Türkischstämmige anderer Nationalität nicht nur als Yabancı Uzman tätig sein können, ohne eine Möglichkeit, innerhalb der Hochschule aufzusteigen, sondern sie werden türkischen Staatsbürgern gleichgestellt und können Stellen als Forschungsassistentinnen und -assistenten (Araştırma Görevlisi), promovierte wissenschaftliche Mitarbeitende (Yardımcı Doçent), habilitierte Hochschullehrende (Doçent) oder Professorinnen und Professoren (Profesör) bekommen. Wobei 2017 angekündigt wurde, den Titel des Yardımcı Doçent in den des Doktor Ogretim Görenlisi umzuwandeln.

Am 1. Februar 2018 hat YÖK ein Bündel von Vereinbarungen und Absichtserklärungen veröffentlicht, die vor allem der Stärkung der beruflichen Bildung und der qualitativen Verbesserung von Forschung und Lehre an den Hochschulen dienen sollen. Der Hochschulrat selber spricht von einer „Silent Revolution in Higher Education“.
Weiterhin wurden im September 2017 vom Staatspräsidenten unter dem Beisein des Hochschulrats YÖK folgende zehn Universitäten in der Türkei zu Forschungsuniversitäten ausgerufen und werden somit mit weiteren Fördermitteln ausgestattet: Ankara Üniversitesi, Boğaziçi Üniversitesi, Erciyes Üniversitesi, Gazi Üniversitesi, Gebze Teknik Üniversitesi, Hacettepe Üniversitesi, İstanbul Üniversitesi, İstanbul Teknik Üniversitesi, İzmir Yüksek Teknoloji Üniversitesi ve Orta Doğu Teknik Üniversitesi.

Nach der Umstrukturierung des Schulwesens auf das neue System „4+4+4 Jahre“, wurde ein Großteil der Gesamtschulen in sogenannte İmam-Hatip-Schulen umgewandelt. Da die Imam Hatip-Schulen ursprünglich Ausbildungsstätten für Imame waren, liegt hier nach wie vor ein deutlicher Fokus auf dem Religionsunterricht, der nun bereits ab der 5. Klasse eingeführt wird, und der Heranbildung einer religiösen Generation. Das heißt, die Zahl der Absolventen und Absolventinnen von diesen Schulen wird mittelfristig steigen. Diese Umstrukturierung ermöglicht es Mädchen, an den religiös ausgerichteten İmam-Hatip-Schulen ab der 5. Klasse ein Kopftuch zu tragen. Dies war früher erst ab der 9. Klasse möglich.
Ein weiteres Indiz für die von der amtierenden Regierung vorangetriebene Durchdringung des Bildungssektors mit religiösen Geboten ist die seit 2016 geltende Freistellung aller Beamtinnen und Beamten für die Zeit des Freitagsgebets. Die von vielen Universitäten ohnehin schon praktizierte Regelung, diese Zeit auch von offiziellen Universitätsveranstaltungen freizuhalten, wurde 2018 vom Hochschulrat YÖK intern für verbindlich erklärt, obwohl es dazu noch keine offizielle Stellungnahme gibt.


Verfasser: Franziska Trepke, Leiterin des Informationszentrums Ankara und Dr. Volker Schmidt, Leiter des Informationszentrums Istanbul

Der DAAD ist in der Türkei mit zwei Informationszentren in Istanbul und Ankara vertreten. Zudem bestehen zehn Lektorate an türkischen Hochschulen in Ankara, Antalya, Eskeşehir, Izmir und Istanbul.
 

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