Überblick: Bildung und Wissenschaft

Udo Folkers / blog.goout

DAAD-Regionalinformationen

Die folgende Einführung in das Hochschulsystem, ergänzt durch ein Kapitel zum Thema "Internationalisierung und Bildungskooperationen" sowie den DAAD-Aktivitäten in der Russischen Föderation, finden Sie im DAAD-Ländersachstand. Eine umfangreichere Analyse des russischen Hochschulsystems bietet die DAAD-Bildungssystemanalyse.

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Eine Beschreibung des Wissenschaftssystems der Russischen Föderation (RF) kann gegenwärtig nur eine Momentaufnahme sein. Seit 2012/13 ist es Gegenstand eines umfassenden Modernisierungsprozesses und dadurch einem grundlegenden und noch einige Jahre andauernden Wandel unterworfen. Hauptziel der staatlichen Wissenschaftspolitik ist es, das Wissenschaftssystem und mit ihm die Hochschulen auf die Entwicklung und Steigerung einer vor allem wirtschaftlichen Innovationsfähigkeit der russischen Gesellschaft auszurichten. Damit orientiert sich die russische Reform in vielen Hinsichten an Umsteuerungen in der staatlichen Wissenschaftsfinanzierung und Wissenschaftslenkung, die andere Industrieländer und auch die Europäische Union bereits einige Jahre zuvor eingeleitet haben.

Auch in der russischen Föderation steht eine auf Indikatoren gestützte Qualitätssicherung von Forschung und Lehre im Vordergrund, wird eine kostenbewusste Kontrolle der Systemeffektivität angestrebt und soll eine wettbewerbsgesteuerte Differenzierung der Institutionen produktivere Leistungsspitzen vor allem in der Forschung hervorbringen. Von besonderer Bedeu-tung ist dabei die Internationalisierung des Wissenschaftssystems. Sie dient vor allem drei Zielen: Sie soll die eigenen Hochschulstrukturen besser anschlussfähig an die der führenden ausländischen Forschungsnationen machen, sie soll zusätzliche finanzielle Ressourcen durch eine kostenpflichtige Vergabe von Studienplätzen an Ausländer einbringen und sie wird auch als Instrument für die Bildung von Soft Power verstanden.

Ein wesentliches Merkmal der Reform ist die Neustrukturierung des Hochschulbereichs. Aus der UdSSR hatte die Russische Föderation circa 630 staatliche – darunter 519 für Ausländer zugelassene - öffentliche und nicht-öffentliche Hochschuleinrichtungen geerbt. Circa 500 nicht-staatliche Hochschulen und circa 1.300 Hochschulfilialen waren bis 2011/2012 hinzugekommen. Bedingt durch den demographischen Einbruch der 1990er Jahre ist die Zahl der Studenten von 7,5 Millionen im Jahr 2007 auf 5,2 Millionen 2014/15 gesunken, bis 2025 geht man von 4,2 Millionen aus.
Von 2013 bis 2015 ist die Zahl der staatlichen Hochschulen mit Status „juristische Person“ auf circa 550-560 geschrumpft, insgesamt wird eine Reduktion der staatlichen Hochschulen auf etwa 500 im Jahr 2020 angestrebt.

Typologisch sind zu unterscheiden:

• die Universität: breites Fächerspektrum, Promotions- und Habilitationsrecht, große Studentenzahlen (mehr als 6.000)

• die Akademie (nicht zu verwechseln mit der Akademie der Wissenschaften!) mit Konzentration auf eine Fachrichtung (zum Beispiel Medizin, Jura, Landwirtschaft, Kunst), Promotions- und Habilitationsrecht, aber eher kleinere Studentenzahlen (weniger als 6.000)

• das Institut mit ausschließlichen Lehraufgaben, keine Forschung; durch die Prozesse nach 1990 fast verschwunden.

Circa 60 Prozent der Hochschulen und Universitäten sind direkt dem Ministerium für Wissenschaft und Hochschulbildung unterstellt, circa 40 Prozent sogenannte „Branchenministerien“; zum Beispiel unterstehen medizinische Einrichtungen dem Gesundheitsministerium, die Transport- und Verkehrshochschulen dem Verkehrsministerium. Das Ministerium für Wissenschaft und Hochschulbildung hat aber die Rahmenkompetenz für Hochschulzugangs- und Abschlussregelungen, internationale Anerkennungsfragen, Bologna-Prozess und Strukturfragen.
Aus Finanz- und Kapazitätsgründen, aber auch aus Gründen einer stärkeren Vernetzung von Hochschule und Wirtschaft wurde die Gruppe der „Führenden Universitäten“ konstituiert, die mit erheblichen zusätzlichen Mitteln und Selbstverwaltungsbefugnissen ausgestattet sind, die aber auch dezidierten Anforderung genügen müssen. Gegenwärtig gibt es 45 „Führende Universitäten“. Hierzu gehören die beiden autonomen Universitäten Moskau und St.-Petersburg, zehn Föderale, 29 Nationale Forschungsuniversitäten und vier weitere politisch wichtige Universitäten. Die „Führenden Universitäten“ partizipieren zugleich an der staatlichen Förderung der Internationalisierung und dürften auch für ausländische Institutionen häufig die nächstliegenden Partner darstellen.

Zusätzliche Förderung erhalten zudem bisher achtzig Hochschulen, die zu einer „Stützuniversität“ erklärt worden sind. Ihr Fokus ist die Deckung eines regional definierten Ausbildungsbedarfs. Dafür sollen sie insbesondere auch mit regionalen Wirtschaftsunternehmen bei der Ausgestaltung des Studienangebots kooperieren.
Noch weitreichender als im Hochschulwesen stellen sich die Strukturreformen im außeruniversitären Bereich dar. Die seit 1720 bestehende Akademie der Wissenschaften (AdW) ist seit Ende 2014 in ihrer traditionellen Struktur aufgelöst worden. Dem Präsidium der AdW ist die Leitung der Akademie in Fragen der Liegenschaftsverwaltung, der Rechts- und Finanzautonomie, der Frage der akademischen Selbstergänzung und wissenschaftlichen Selbstverwaltung völlig oder zumindest weitgehend entzogen worden. Das Recht der wissenschaftlichen Qualifizierung (Promotion, Habili-tation) ist geblieben, die Frage eines wissenschaftsgeleiteten Verfahrens bei der Auswahl der Forschungsprioritäten gegenüber staatlicher Programmforschung ist auch in Russland Gegenstand einer kontroversen Diskussion.

Fernziel der Akademie-Reform ist eine Qualitätssteigerung, deutliche Reduktion der Zahl der Institute, Umstellung der Budgetfinanzierung auf Projektfinanzierung und eine Verjüngung der Institutsleitungen. Angestrebt wird ein Umbau der AdW nach den deutschen Vorbildern der MPG, FhG, HGF und Leibniz-Gemeinschaft. Auch die Zusammenlegung von AdW-Instituten und Universitäten wird diskutiert, wenn eine Profilähnlichkeit besteht. Die Akademie der Medizinischen und der Agrarwissenschaftlichen Wissenschaften sind mit der klassischen AdW verschmolzen worden.
Mit der Gründung des Russischen Wissenschaftsfonds (RNF), in etwa mit der DFG vergleichbar, hat der Staat die AdW aus seiner traditionellen Finanzverantwortung verabschiedet.

Verfasser: Dr. Andreas Hoeschen, Leiter der DAAD-Außenstelle Moskau

Der DAAD ist in der Russischen Föderation mit je einem Informationszentrum in St. Petersburg, Nowosibirsk und Kazan vertreten sowie einer Außenstelle in Moskau. Darüber hinaus gibt es derzeit 34 Lektorate, die über das Land verteilt sind.

Stand: 01.10.2018