Überblick: Bildung und Wissenschaft

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DAAD-Regionalinformationen

Die folgende Einführung in das Hochschulsystem, ergänzt durch ein Kapitel zum Thema "Internationalisierung und Bildungskooperationen" sowie den DAAD-Aktivitäten in den Palästinensischen Gebieten, finden Sie im DAAD-Ländersachstand. Eine umfangreichere Analyse des palästinensischen Hochschulsystems bietet die DAAD-Bildungssystemanalyse, eine kompakte Datenzusammenstellung auf einer Seite das DAAD-Datenblatt.

Alle verfügbaren DAAD-Ländersachstände, DAAD-Bildungssystemanalysen und DAAD-Datenblätter alphabetisch nach Ländern sortiert finden Sie unter
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Wie jeder Aspekt des Lebens in Palästina ist auch das Hochschulsystem intensiv geprägt durch den Israel-Palästina-Konflikt und die daraus resultierenden politischen Rahmenbedingungen.

Der Aufbau eines eigenen Hochschulwesens begann erst nach der Besetzung der Palästinensischen Gebiete nach dem Sechstagekrieg 1967. Palästinensische Studierende absolvierten bis zu diesem Zeitpunkt ein zweijähriges Diplomstudium an sogenannten University Colleges und wechselten anschließend für weiterführende Studien an die Universitäten in Beirut, Amman und Kairo. Die neue politische Realität in Palästina und die damit verbundene eingeschränkte Mobilität führte zur Gründung eigener Universitäten ab 1970. In Abwesenheit staatlicher Strukturen wurden diese Initiativen meist von Privatpersonen getragen. Schulen oder Colleges wurden zu Non-Profit Universitäten umgewandelt, an denen zunächst ausschließlich Bachelorstudiengänge angeboten wurden. Während der ersten und zweiten Intifada wurden Universitäten wie die Birzeit mehrfach für längere Zeiträume durch die israelische Militärverwaltung geschlossen, 1981/82 für ganze sieben Monate. Der Unterricht wurde, trotz Androhung von Gefängnisstrafen, im Untergrund weitergeführt.

Trotz der extrem schwierigen politischen Rahmenbedingungen und massiven finanziellen Schwierigkeiten verfügen die Palästinensischen Gebiete über ein qualitativ gutes Hochschulwesen. Es umfasst im Westjordanland und in Gaza 50 Einrichtungen, die als Institutionen der höheren Bildung (mu’assasat at-ta’lim al-’ali) eingestuft werden: 14 sog. traditionelle Universitäten, 17 „university colleges“, 18 „community colleges“ und eine Fernuniversität mit 22 Filialen. Im deutschen Verständnis sind die „community colleges“ nicht als Hochschulen anzusehen, da sie nur Abschlüsse unterhalb des Bachelor vergeben. Auch die „university colleges“ bieten überwiegend Diplomstudiengänge von zweijähriger Dauer an, aber in geringerem Umfange auch Bachelorprogramme. An der Fernuniversität werden Bachelorabschlüsse verliehen, an den „traditionellen“ Universitäten Bachelor und Master.

Die Mehrzahl der palästinensischen Hochschulen sind Privateinrichtungen gemeinnütziger Art, d.h. sie operieren ohne Gewinnabsichten. Sie werden in einer „private public partnership“ betrieben, d. h. durch den Staat – wenn auch nur in sehr bescheidenem Maße – gefördert. Zwei Universitäten – je eine in der Westbank und im Gazastreifen – und eine Reihe von „university colleges“ sind rein staatlich. Drei Universitäten und vier „university colleges“ gelten als private Institutionen, könnten theoretisch also auch Gewinne erzielen, was bisher allerdings keine reale Option ist. Zwei „university colleges“ werden vom UN-Flüchtlingswerk unterhalten. Das Hochschulministerium arbeitet aktuell an einer Reform des Hochschulgesetzes und hat den Großteil der bisherigen staatlichen Unterstützung für die Universitäten eingestellt, was die finanzielle Notlage verschärft hat. Die Studiengebühren sind nun die entscheidende Einnahmequelle für die Universitäten, Erhöhungen dieser oder Kürzungen der Zahlungen an Fakultät und MitarbeiterInnen führen regelmäßig zu Auseinandersetzungen und Streiks zwischen den Hochschulleitungen, Gewerkschaften und Studierendenvertretern.

Mehr als 50% der SchulabsolventInnen schreiben sich laut USAID für einen tertiären Bildungsweg ein. Laut UNESCO waren in 2017/18 rund 196.000 Studierende an Universitäten registriert, rund 60% davon Frauen. Ca. 13.000 davon in MA Programmen. Die Arbeitslosigkeit unter AbsolventInnen beträgt rund 45%.
Während heute ein grundständiges Studium in fast allen Disziplinen angeboten werden kann und über die letzten Jahre auch diverse qualitativ gute Masterprogramme entwickelt wurden, war eine Promotion bis vor kurzem in Palästina praktisch nicht möglich. Eine Handvoll Promotionsprogramme befinden sich derzeit im Aufbau, die ersten haben in den letzten beiden Jahren erste AbsolventInnen hervorgebracht.

Die erforderliche Studienzugangsvoraussetzung bildet das Abitur – das palästinensische „tawjihi“ oder diesem als gleichwertig anerkannte Abschlüsse, seit vergangenem Jahr auch das Deutsche Internationale Abitur (DIAP). Die Abiturnote entscheidet über den Zugang zu einzelnen Studienfächern (Numerus clausus). Das Hochschulstudium ist nach dem amerikanischen System gegliedert. An das vier-, im Falle der Ingenieurwissenschaften fünfjährige Bachelorstudium können gute und sehr gute Absolventen ein zweijähriges Masterstudium anschließen. Die Bachelor- und Masterabschlüsse palästinensischer Universitäten sind international – bis auf wenige Ausnahmen auch in Israel – anerkannt.

Ein gutes Viertel der nach palästinensischen Angaben rund 8.000 Hochschullehrer verfügt über eine Promotion, die ausschließlich im Ausland, häufig in den USA oder in Europa erworben wurde. Dieser Personenkreis ist als „assistant“, „associate“ und „full professor“ tätig. Rund 4.000 „instructors“ und „lecturers“ haben einen Masterabschluss, der Rest sind sog. „assistants“ mit einem Bachelorabschluss. Es gibt keine Habilitation. Beförderungen erfolgen auf Basis von wissenschaftlichen Publikationen, wobei die zugrunde gelegten Bemessungsmaßstäbe von Hochschule zu Hochschule variieren.

Prinzipiell sind Hochschullehrer auch gehalten, Forschungsaktivitäten zu entwickeln. Da allerdings nur beschränkte Mittel an den Universitäten zur Verfügung stehen, ist hier die Eigeninitiative der Professoren bei der Mittelakquise gefragt, die in unterschiedlichem Maße erfolgt. Assistenzprofessoren haben zudem das Problem einer relativ hohen „work load“ von 12 bis 14 Wochenunterrichtsstunden. Trotz dieser nicht günstigen Bedingungen ist ein hoher Prozentsatz von Hochschullehrern wissenschaftlich aktiv, häufig in Zusammenarbeit mit ausländischen Partnern. Zur Förderung der Wissenschaftsaktivitäten an den Hochschulen hat der palästinensische Präsident Anfang 2013 einen Wissenschaftsrat ins Leben gerufen und mit einer finanziellen Grundausstattung versehen, die nun durch Einwerbung von Drittmitteln erweitert werden soll. Besondere Hoffnung wird dabei auf eine Zusammenarbeit mit Deutschland gesetzt.
 

Der DAAD ist in den Palästinensischen Gebieten mit einem Informationszentrum in Ostjerusalem sowie einem Lektorat an der Birzeit Universität vertreten.