Überblick: Bildung und Wissenschaft

by Waqas.usman [CC-BY-SA-2.5] via Wikimedia Commons

DAAD-Regionalinformationen

Die folgende Einführung in das Hochschulsystem, ergänzt durch ein Kapitel zum Thema "Internationalisierung und Bildungskooperationen" sowie den DAAD-Aktivitäten in Pakistan, finden Sie im DAAD-Ländersachstand. Eine umfangreichere Analyse des pakistanischen Hochschulsystems bietet die DAAD-Bildungssystemanalyse, eine kompakte Datenzusammenstellung auf einer Seite das DAAD-Datenblatt.

Alle verfügbaren DAAD-Ländersachstände, DAAD-Bildungssystemanalysen und DAAD-Datenblätter alphabetisch nach Ländern sortiert finden Sie unter
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Trotz erhöhter staatlicher Unterstützung des Bildungssektors in den letzten Jahren kann die staatliche Bildungspolitik mit der demographischen Entwicklung nicht Schritt halten. Die Einschulungs- und Alphabetisierungsraten Pakistans zählen weiterhin zu den niedrigsten der Welt. Lediglich ein geringer Prozentsatz des Bruttoinlandsproduktes wurde in den letzten Jahren staatlicherseits für Bildungsausgaben verwendet – im Jahr 2015 lag der Wert bei lediglich 2,66 Prozent. Laut Human Development Report 2014 war dies einer der wesentlichen Ursachen für das Absinken Pakistans im Human Development Index von Rang 125 im Vorjahr auf Rang 146 im Jahr 2014 (von 187 Ländern). Im Jahr 2015 lag das Land auf Rang 147.

Pakistan ist das sechst-bevölkerungsreichste Land der Welt und das Durchschnittsalter beträgt 23 Jahre. Dies ist – theoretisch gesehen - ein ungeheures Potential. Doch auch losgelöst von der demographischen Entwicklung steigt die Nachfrage nach Hochschulbildung, die als Schlüsselqualifikation für einen erfolgreichen Berufseinstieg gesehen wird, beständig – und kann von den aktuell 163 bestehenden Hochschulen (staatlich und akkreditiert privat) nicht ausreichend bedient werden.

Hier wird grundsätzlich zwischen Universitäten und Colleges of Technology unterschieden. Erstere bieten eine akademische Ausbildung formal vergleichbar zu einer deutschen Universität an, zweitere fokussieren stärker auf eine technische Ausbildung. Zum Zeitpunkt der Staatsgründung 1947 gab es mit der University of the Punjab lediglich eine vollfunktionale Universität. Die Zahl stieg in den Folgejahren langsam, nach Gründung der Higher Education Commission (HEC) 2002 deutlich an. Oft handelt es sich dabei allerdings um die Aufwertung von Colleges oder die Gründung sehr spezialisierter, privater oder auch staatlicher Einrichtungen. Eine Herausforderung sind die Zugangsmöglichkeiten für die Bevölkerung außerhalb der urbanen Zentren: Der Großteil der anerkannten pakistanischen Hochschulen befindet sich im Umkreis der Großstädte wie Islamabad, Lahore und Karachi.
Als besonders leistungsstark zeigten sich in den letzten Jahren die National University of Sciences and Technology (NUST) Islamabad, die University of Engineering and Technology (Lahore), die Quaid-i-Azam University (Islamabad), die Agha Khan University (privat, nur Medizin, in Karachi) und die Lahore University of Management Sciences (Wirtschaft, Politik, Technik, privat, in Lahore).Es gibt spezielle Forschungsinstitute, die den Universitäten angeschlossen sind. Sie werden teils als sogenannte "National Centres of Excellence" besonders gefördert. Generell ist festzustellen, dass die Natur- und Ingenieurwissenschaften in der Regel wesentlich leistungsstärker als die Geistes- und Sozialwissenschaften sind.

Die wichtigsten übergeordneten Partnerorganisationen (Ministerien/Behörden/ Bildungsorganisationen) sind neben der HEC das Council of Social Sciences (CoSS) und das Pakistan Council for Science and Technology (PCST). Die Higher Education Commission HEC ist für Stipendienprograme sowie für den Auf- und Ausbau und die Finanzierung von Hochschulen verantwortlich. Darüber hinaus hat sie die Aufgabe, die Hochschulpolitik zu formulieren sowie Akkreditierung und Qualitätssicherung zu betreiben. Seit ihrer Gründung hat die HEC eine Reihe von Maßnahmen getroffen, um sowohl den Zugang zur Hochschulbildung zu erleichtern als auch die Qualität von Forschung und Lehre zu verbessern. Ein Schwerpunkt liegt hierbei auf den Naturwissenschaften. Zu diesen Maßnahmen zählen Neugründung und Ausbau von Hochschulen, die Anwerbung ausländischer Wissenschaftler, die Einführung attraktiver Gehälter für qualifizierte Wissenschaftler in Verbindung mit einem Tenure-Track-System für Nachwuchswissenschaftler, ein ausgedehntes einheimisches Stipendienprogramm, das vor allem begabten Schulabsolventen benachteiligter Regionen den Besuch führender Universitäten erlaubt, sowie ein Auslandsstipendienprogramm (Master und Promotion), das vor allem der Ausbildung des wissenschaftlichen Nachwuchses dient (siehe „Regierungsstipendienprogramm mit der HEC“).

Als Alternative zu Hochschulen nimmt die Bedeutung digitalisierter Bildungsangebote für junge Pakistaner zu: Neben Indien hat Pakistan die höchsten E-Learning-Wachstumsraten weltweit. Dies ist ein Trend, den die HEC zwar auf der einen Seite versucht aufzugreifen, dem sie andererseits jedoch auch mit der Akkreditierung von zusätzlichen Einrichtungen – gerade auch in ländlichen Gebieten – begegnen möchte.

Das staatliche Bildungssystem (primär und sekundär) ist dem britischen sehr ähnlich und wird von den Bildungsministerien auf Länder- und Bundesebene gesteuert. Auf die fünfjährige Grundschule, die Kinder ab einem Alter von fünf Jahren besuchen dürfen, folgt die dreijährige Mittelschule. Die eigentliche Sekundarbildung umfasst die zweijährige Ausbildung an einer High-School, die mit einer Prüfung abgeschlossen wird, und im Anschluss daran an einer Higher Secondary School, die ebenfalls zwei Jahre dauert (5+3+2+2). Die Mehrzahl der Schüler durchläuft jedoch nicht das gesamte System, nur 40 Prozent melden sich für die High-School an.
Neben den staatlichen Schulen stellen Tausende von Madrassas (Koranschulen) eine wichtige Stütze des Bildungswesens dar. Sie bieten in der Regel auch Kindern aus armen Familien, denen der Besuch einer staatlichen Bildungseinrichtung nicht möglich wäre, eine kostenlose Grundbildung. Nicht selten leisten sie auch humanitäre Hilfe. Allerdings unterliegen sie weiterhin keiner staatlichen Kontrolle, sodass auch religiöse Extremisten Madrassas nutzen, um extremistisches Gedankengut zu verbreiten.

Der Hochschulzugang erfolgt in Pakistan über das Abschlusszeugnis der Higher Secondary School (HSSC) und eine Aufnahmeprüfung. Die Colleges des Landes sind traditionellerweise sowohl für die letzte Phase der Schulausbildung (Klassen 11, 12) als auch für die zweijährige Undergraduate-Ausbildung zuständig. Das hergebrachte pakistanische Hochschulsystem unterscheidet zwischen vier Bachelor-Varianten an den Universitäten: dem Bachelor Pass (zwei Jahre, sehr allgemein), dem Bachelor Honours (drei Jahre, stärkere Spezialisierung), dem Professional Bachelor (vier bis fünf Jahre, spezialisiert) und dem Postgraduate Bachelor (nur in wenigen Fachgebieten angeboten, z.b. Rechtswissenschaften). Nach dem Abschluss eines Bachelor Pass kann ein zweijähriges, nach dem Abschluss eines Bachelor Honours ein einjähriges Masterprogramm folgen, das nur über einen geringen wissenschaftlichen Anspruch verfügt. Diese Master werden nach 16 Jahren Verweildauer im Erziehungssystem vergeben (zum Beispiel M.A, Msc.) und berechtigen nicht zu einem Promotionsaufenthalt in Deutschland. Dieses traditionelle, vierstufige System wird mehr und mehr durch das international übliche dreistufige System (vierjähriger Bachelor, Master, PhD) abgelöst, sodass die tertiäre Ausbildung an die Universitäten verlagert wird, und sich eine 4/2-Gliederung ergibt. Auf den pakistanischen Master neuen Stils mit 18-jähriger Verweildauer im Bildungswesen (zum Beispiel MPhil, MS) folgen im Schnitt dreijährige PhD-Programme.

Der Ausbildungsstand des Lehrpersonals an den Hochschulen ist sehr unterschiedlich. An leistungsstarken Universitäten und Instituten unterrichten vorwiegend promovierte Lehrkräfte. An schwachen Hochschulen dagegen haben viele Dozenten nur einen Masterabschluss oder gar nur einen Bachelor (jeweils nach deutschem Maßstab). An leistungsstarken Universitäten hat meist ein Großteil der Dozenten in Europa oder in den USA promoviert. Die Unterrichtssprache ist offiziell Englisch, in vielen Universitäten aber de facto Urdu.


Verfasser: Lars Bergmeyer, Leiter des Informationszentrums Islamabad

Der DAAD ist mit einem Informationszentrum und einem Lektorat an der National University of Modern Languages in Islamabad vertreten.