Überblick: Bildung und Wissenschaft

Bertil Videt/ CC-BY-SA-3.0

DAAD-Regionalinformationen

Die folgende Einführung in das Hochschulsystem, ergänzt durch ein Kapitel zum Thema "Internationalisierung und Bildungskooperationen" sowie den DAAD-Aktivitäten im Libanon, finden Sie im DAAD-Ländersachstand. Eine kompakte Datenzusammenstellung auf einer Seite bietet das DAAD-Datenblatt.

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Das libanesische Bildungssystem ist eng an das französische und das anglo-amerikanische angelehnt. Mit der American University of Beirut (AUB, Gründung 1866) und der Université Saint-Joseph (USJ, Gründung 1875) verfügt der Libanon über die ältesten Universitäten der Region. In den 1950er Jahren erfolgte neben der Neugründung der privaten Hochschulen Lebanese American University (LAU, 1947), Haigazian University (HU, 1955) und Beirut Arab University (BAU, 1960) auch der Aufbau der nach wie vor einzigen staatlichen Hochschule, der Université Libanaise (UL, 1951).

Der rapide Ausbau des tertiären Bildungssektors auf eine Gesamtzahl von derzeit 471 staatlich anerkannten, akademischen Einrichtungen setzte schließlich nach Ende des libanesischen Bürgerkrieges in den 1990er Jahren ein. Neben den zuvor genannten sind davon folgende Institutionen von besonderem Interesse für den deutschen Bildungsmarkt: Université Saint-Esprit de Kaslik (USEK), Notre Dame University (NDU), University of Balamand (UOB), sowie die in den letzten Jahren rasch an Größe gewinnende Lebanese International University (LIU) und die an Bedeutung gewinnende Rafiq Hariri University (RHU). Nennenswert sind weiter kleinere aufstrebende Universitäten wie die Antonin University (UA) sowie La Sagesse University (ULS).

Bei den akademischen Bildungseinrichtungen werden grundlegend zwei Institutionstypen unterschieden: Als sogenannte Institute gelten diejenigen Einrichtungen, die aus wenigstens einer Fakultät bestehen und – bis auf wenige Ausnahmen – lediglich grundständige Studiengänge anbieten. In diese Kategorie fallen die insgesamt sieben Technical Institutes bzw. University Colleges sowie drei Theological Institutes. Als Volluniversitäten werden darüber hinaus Einrichtungen anerkannt, die über wenigstens drei Fakultäten verfügen, von denen mindestens eine den Geistes- und eine den Naturwissenschaften zugehörig ist und die akademische Abschlüsse mindestens bis hin zum Master vergeben. Nach den genannten Vorgaben sind derzeit 32 Institutionen als Universitäten anerkannt.

Die staatliche Regulierung, Überwachung und Akkreditierung der insgesamt 462 privaten Institutionen höherer Bildung fällt dem 2002 gegründeten Directorate General for Higher Education (DGHE) des Ministry of Education and Higher Education (MEHE) zu. Lediglich die staatliche UL, die mit 50 Campus und 19 Fakultäten zugleich die größte Universität des Landes ist, genießt dem Ministerium gegenüber administrative und akademische Autonomie.
Die privaten und öffentlichen Institutionen beruflicher Bildung, die sog. Technical Schools, werden hingegen vom Directorate General for Vocational and Technical Education (DGVTE) des Ministeriums verwaltet. Der Anteil der Auszubildenden dieser Institute macht etwa 11 % der Studierenden insgesamt aus. Der Zugang zur beruflichen Ausbildung wird durch einen Berufsschulabschluss (Baccaleaureat Fanniah) ermöglicht. Nach dreijährigem Studium an einer technischen Schule kann die berufliche Ausbildung mit dem Technique Supérieur (Fanniah Aaliah) und nach zwei weiteren Studienjahren mit der Licence Technique (Ijaza Fanniah) oder der Licence d´Enseignement Technique (Ijaza Taalimiah Fanniah) abgeschlossen werden.

Die Frage eines Transfers von berufsbildenden zu akademischen Einrichtungen ist bislang nicht systematisch geklärt, und nur wenige Institutionen erlauben den Studienzugang mittels eines Berufs- oder Berufsschulabschlusses.
Laut der Education, Audiovisual and Culture Executive Agency (EACEA) ist die Nachfrage an Programmen der beruflichen Bildung in den letzten Jahren jedoch stark rückläufig. Eine mögliche Begründung für diese Tendenz kann u.a. in der geringen Attraktivität staatlicher Abschlüsse gesehen werden, die bereits im Sekundarschulsektor erkennbar ist. Wenn auch weniger drastisch als in der Hochschullandschaft, dominieren im schulischen Bereich ebenfalls private Einrichtungen, die das staatliche Baccaleaureat Libanais nicht selten als bloßes Zusatzangebot zu einem international anerkannten Bildungsabschluss offerieren. Eine entsprechende Flexibilität zeigen daher auch die staatlichen Regelungen zur Anerkennung von Hochschulzugangsberechtigungen: Neben dem Baccaleaureat Libanais sind das International Baccaleaureat (IB), das High School Diploma (HSD) sowie das Baccaleaureat Français (BF) als gleichberechtigte Hochschulzugangsberechtigungen von allen Universitäten anerkannt. Für Inhaber anderer, internationaler Abschlüsse erfordert die Hochschulzulassung eine Erklärung des Equivalence Committee des libanesischen Bildungsministeriums, aus der die Anerkennung des jeweiligen Abschlusses sowie die Erlaubnis zur Aufnahme eines Hochschulstudiums hervorgehen.

Große Unterschiede zwischen den Institutionen bestehen zudem hinsichtlich weiterer Zulassungskriterien. Sehr hohe fachliche Anforderungen an Studienbewerber und Studierende werden vonseiten der UL gestellt, deren Studiengänge in nahezu allen Fachbereichen zulassungsbeschränkt sind. An den privaten, nach amerikanischem System geführten Hochschulen AUB und LAU ist das Ablegen von Eignungsprüfungen (SAT I, SAT II, TOEFL) für die Zulassung zum grundständigen Studium obligatorisch. Andere private Universitäten erfordern universitätseigene Zulassungsprüfungen, die je nach Qualität der Bildungseinrichtung von reinen Sprachprüfungen bis hin zu fachlichen Eignungsprüfungen reichen.

Die Art der universitären Abschlüsse unterscheidet sich je nach Bildungssystem, an dem die Hochschule orientiert ist. Grundständige Studiengänge führen entweder zum Bachelor, zur Licence oder zum Diplôme. Weiterführende Studien können mit dem Master, der Maîtrise, dem Magistère, dem Diplôme d’Etudes Supérieures bzw. dem Diplôme d’Etudes Approfondies, dem Teaching Diploma als pädagogischem Abschluss, oder im Fachbereich Medizin mit dem Medical Doctorate (MD) abgeschlossen werden. Die Promotion – nur möglich an 94 der 36 Volluniversitäten (UL, AUB, USJ, USEK, BAU, NDU, UoB) und mit Ausnahme der Programme an der UL nur in einigen Fachrichtungen – wird hingegen einheitlich mit dem Diplôme de Doctorat bzw. Doctorate (PhD) beendet. 2013 wurde zuletzt der Versuch unternommen einen Gesetzesentwurf zur Implementierung qualitätssichernder Maßnahmen für die Gestaltung von Studiengängen und Universitätsabschlüssen sowie zur Einrichtung einer staatlichen Entität zu deren Regulierung zu finalisieren, doch ist dieser vor allem am Widerstand des MEHE gescheitert. Dies hat dazu geführt, dass die Akkreditierung von Studiengängen durch private internationale Agenturen zur gängigen Praxis an den Universitäten geworden ist.

Die Hochschulfinanzierung stützt sich im Wesentlichen auf drei Finanzierungsquellen. Die staatlichen Ausgaben für tertiäre Bildung werden mit einem Maximalvolumen von 0,5 % des BIP angegeben. Ein Großteil dieser Ausgaben fließt dabei in die Université Libanaise, den ministeriellen Verwaltungsaparat des MEHE sowie den Conseil National de la Recherche Scientifique (CNRS). Indirekte staatliche Ausgaben gehen einerseits in staatlichen Stipendienprogrammen und andererseits in einer Form der Zuwendung auf, die Angestellte im öffentlichen Dienst zum Zwecke der Finanzierung der Ausbildung ihrer Kinder an privaten Bildungseinrichtungen erhalten. Als zweite finanzielle Stütze des Hochschulsektors sind externe, private Zuwendungen zu nennen. Das größte Volumen der Hochschulfinanzierung wird jedoch durch private Haushaltsausgaben, d.h. in Form von Studiengebühren, abgedeckt.

Die geringsten Studiengebühren werden vonseiten der staatlichen UL erhoben, wobei nicht-libanesische Staatsangehörige jedoch etwa das Dreifache der üblichen Gebühren zahlen. Private Hochschulen unterscheiden nicht nach Nationalität, doch sind zum Teil enorme preisliche Unterschiede erkennbar. Von den zuvor genannten Volluniversitäten sind USEK, BAU und LIU im unteren, NDU, USJ, HU und UOB im mittleren, und AUB und LAU im oberen Kostenbereich angesiedelt.
Ebenso wie im Bereich der Lehre ist auch die staatliche Unterstützung der Forschung vergleichsweise gering. Der CNRS ist die einzige durch öffentliche Gelder finanzierte Einrichtung zur Förderung der Forschung auf nationaler Ebene, die sich hauptsächlich auf die vier Forschungsbereiche Geophysik, Meereswissenschaften, Fernerkundung und Kernenergie konzentriert: Neben der Forschung an den einzelnen Fakultäten der UL ist zudem das Centre de Recherche et de Dévelopment Pédagogiques (CRDP) sowie die Lebanese Agricultural Research Institute (LARI) als öffentliche Forschungseinrichtung zu nennen.

Die Vielfalt der privaten Forschungseinrichtungen ist demgegenüber sehr viel größer. Die Forschungszentren oder Forschungsgruppen der Hochschulen gehen dabei nicht selten aus nationalen oder internationalen Kooperationen hervor. Was fachliche Schwerpunkte angeht, lassen sich dabei universitätsübergreifende Tendenzen erkennen. So setzen mehrere Hochschulen Forschungsschwerpunkte in den Gebieten der Anthropologie, der Kulturwissenschaften und des interreligiösen Dialogs (USJ, AUB, UOB, BAU), der Migrationsforschung (LAU, AUB, NDU) sowie der Energie- und Umwelttechnik (AUB, LAU, UOB, BAU, NDU, USJ). Medizin und Gesundheitswissenschaften sowie der Bereich der Wirtschaftswissenschaften können als weitere Forschungsschwerpunkte ausgemacht werden. Im Spannungsfeld zwischen arabischen und europäischen Einflüssen sind zudem die Bildungsangebote in angewandten und künstlerischen Fachbereichen wie Design, Architektur und Marketing nennenswert.

Die wohl größten Herausforderungen für deutsche Hochschulen sind in den beiden wesentlichen Charakteristika der libanesischen Hochschullandschaft zu verorten: dem hohen Privatisierungsgrad des Bildungsmarktes und der weitgehenden Abwesenheit regulierender staatlicher Strukturen. In diesem Zusammenhang müssen Interessen und Rahmenbedingungen von Kooperationen sehr individuell mit potenziellen Partnern abgestimmt werden. Mit einem bemerkenswert ambitionierten Streben, sich im internationalen (Bildungs-) Markt zu behaupten und die existierenden qualitativen Standards unter dem Druck der gesellschaftlichen, politischen und wirtschaftlichen Veränderungen in der Region aufrecht zu erhalten, zeigen Institutionen und Studierende jedoch großes Potential und generieren Anknüpfungspunkte für internationale Kooperationspartner. Nicht zuletzt aufgrund der guten Ausstattung der Institutionen und dem mehrheitlich im Ausland ausgebildeten Lehrkörper genießt die libanesische Hochschulbildung einen überregional guten Ruf. Der Ausbau der Promotionsangebote, die aufgrund der starken Orientierung der Absolventen ins Ausland nur an wenigen Institutionen vorhanden sind, wird angestrebt und zum Teil im Rahmen von binationalen Promotionsverfahren, sogenannten Cotutelle-Verfahren, besonders mit Frankreich realisiert. Gerade in diesem Bereich könnten binationale Doktorandenprogramme mit Deutschland einen maßgeblichen Beitrag zur Weiterentwicklung des libanesischen Hochschulsektors leisten – verschiedene libanesische Hochschulen haben an einem solchen Modell bereits Interesse angemeldet.


Verfasserinnen: Bahar Sayyas, Leiterin des Informationszentrums Beirut und Ina Hoppe, ehem. Leiterin des Informationszentrums Beirut

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